CDU stellt Umbenennung zurück Berliner Platz in Osnabrück: Warteschleife für Helmut Kohl

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Osnabrück. Atempause für den „Kanzler der Einheit“: CDU-Fraktionschef Fritz Brickwedde stellt seinen Antrag zurück, den Berliner Platz in Helmut-Kohl-Platz umzubenennen. Nach einem Gespräch mit den Anwohnern wolle er die Sache „nicht übers Knie brechen“, teilte er am Dienstag mit.

Helmut-Kohl-Platz? Geht gar nicht, sagen die Leute vom Berliner Platz. Für sie ist der Altkanzler alles andere als ein leuchtendes Vorbild. Durch die Spendenaffäre habe sich Kohl für die Ehrung disqualifiziert, lautet das Hauptargument der Mieter aus dem grünen Hochhaus, der einzigen Adresse, die von der Umbenennung betroffen wäre. Freundlich in der Sache, aber entschlossen traten sie dem CDU-Politiker Fritz Brickwedde entgegen, der sie am Montagabend zu der Zusammenkunft ins Café Culina eingeladen hatte. Und der zeigte sich beeindruckt, trotz des Gegenwindes, der ihm dabei ins Gesicht blies.

„Geschäftsschädigend“

„Warum kann man den Berliner Platz nicht einfach so lassen?“, fragte einer der Studenten aus der Runde, „das ist doch kein schlechter Name.“ Im Grunde gehe es doch um „so eine Ego-Sache“ und Machtspielchen. Ein anderer sprach sich für „neutrale“ Namen aus, die nicht polarisieren. Und Anita Lhotta, seit 42 Jahren Mieterin im grünen Haus, brachte es auf die Formel: „Der Berliner Platz ist weit, da passt der Kohl nicht hin!“ Ein Politiker, der eine Spendenaffäre zu verantworten habe, dürfe nicht zum Namenspatron werden. Vermieter Ulrich Grewe, der an der Stelle ein großes Wohnprojekt plant; ging noch weiter. Die Adresse „Helmut-Kohl-Platz“ bezeichnete er als „geschäftsschädigend“. Er habe es in Osnabrück häufig mit Handwerkern zu tun, und von denen höre er nur negative Dinge über den Altkanzler, berichtete der Münsteraner.

Gastgeber Brickwedde hielt dagegen: „In den Geschichtsbüchern wird viel über die historischen Leistungen und wenig über die Verfehlungen stehen“, erklärte er. Straßenumbenennungen seien bei Anwohnern generell unbeliebt, weil sie Stempel und Dokumente ändern müssten. Es müsse aber weiterhin möglich sein, herausragende Politiker zu ehren. In Osnabrück sei das eine gute Tradition; Straßennamen wie Konrad-Adenauer-Ring, Willy-Brandt-Platz oder Kurt-Schumacher-Damm bestätigten das.

Vier neue Vorschläge

Es kam dann doch noch zu einer kleinen Annäherung. Wenn es um Persönlichkeiten wie John F. Kennedy, Michail Gorbatschow oder Nelson Mandela gehe, könnten sie sich schon eher mit einer Umbenennung anfreunden, räumten einige der Studenten ein. Und auch Brickwedde zeigte sich nachdenklich, als ihm vorgehalten wurde, dass es doch besser sei, nach dem Tod von Helmut Kohl etwas mehr Zeit verstreichen zu lassen.

„Ich möchte eine Lösung finden, die von einer breiten Mehrheit getragen wird“, erklärte der CDU-Fraktionschef am Dienstag gegenüber unserer Redaktion. Die Diskussion mit den Anwohnern wolle er fortsetzen, und das solle nicht unter Zeitdruck geschehen. Außerdem seien bei ihm gerade noch vier neue Vorschläge für Straßen oder Plätze eingegangen, die nach Helmut Kohl benannt werden könnten, teilte der Fraktionsvorsitzende mit. Und die seien teilweise „sehr interessant“.

Zweigeteiltes Berlin

Schon kurz nach dem Tod des Altkanzlers im Juni 2017 hatte Brickwedde den Ratsantrag gestellt, dem Staatsmann mit einem Straßenschild in der Innenstadt ein Denkmal zu setzen. Eine breite Mehrheit stimmte dafür. Sogar die Grünen ließen sich darauf ein, um Kohls Verdienste für Europa zu würdigen. Konkret wurde es im April dieses Jahres, als der CDU-Fraktionschef den Berliner Platz ins Spiel brachte. Begründung: Mit der Umbenennung des damaligen Schillerplatzes habe die Stadt Osnabrück 1961 ein Zeichen setzen wollen, um an den Bau der Mauer und an die Berliner Teilung zu erinnern. Mit der deutschen Wiedervereinigung unter Bundeskanzler Kohl sei dieses Anliegen obsolet geworden.

Inzwischen hat die Stadtverwaltung, wie es in solchen Angelegenheiten üblich ist, den Anwohnern Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Und die fiel eindeutig aus, wie der Vorlage für den Kulturausschuss zu entnehmen ist, der eigentlich am Mittwoch eine Entscheidung treffen sollte: „21 Anwohner unterschrieben eine Liste und sprechen sich damit grundsätzlich gegen eine Umbenennung des Platzes nach Helmut Kohl aus. Außerdem wird Helmut Kohl an dieser Stelle als namentlich nicht passend empfunden“, heißt es in dem Papier.

Abstimmung vertagt

Weiter ist nachzulesen, dass ein Anwohner seine Bedenken dem Amt „vehement persönlich“ vorgebracht habe: „Er hält eine Straßen- oder Platzbenennung nach Herrn Dr. Helmut Kohl für nicht zeitgemäß, da Kohl selbst in seiner eigenen Partei inzwischen umstritten ist und seine Verdienste bezüglich der deutschen Wiedervereinigung relativiert wurden“. Der zuständige Fachbereich Geodaten und Verkehrsanlagen bleibt jedoch eisern und schreibt in der Beschlussvorlage: „Aufgrund seiner bedeutenden Verdienste, insbesondere bei der deutschen Wiedervereinigung und in der Europapolitik, scheint eine Umbenennung eines bestehenden Platzes gerechtfertigt“.

Nach Brickweddes Einlenken wird die Abstimmung nun vertagt, der Helmut-Kohl-Platz kommt also in die Warteschleife. Für die Mieter im grünen Hochhaus ist das schon ein Grund zur Freude. Und zur Hoffnung, dass der Berliner Platz, seinen Namen behält. „Das wäre ja herrlich!“, sagt Anita Lhotta, die Sprecherin der Hausgemeinschaft.


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