"Ich schaue nicht weg" Osnabrücker Schüler proben für offizielle Gedenkfeier zur Pogromnacht

Von Markus Strothmann

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Das Gefühl von Ausgrenzung wird auf beklemmende Weise durch einheitliche Maskierungen erzeugt. Foto: Michael GründelDas Gefühl von Ausgrenzung wird auf beklemmende Weise durch einheitliche Maskierungen erzeugt. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Der zehnte Jahrgang der Osnabrücker Erich-Maria-Remarque-Realschule wird die offizielle Gedenkfeier der Stadt zur Pogromnacht vom 9. November 1938 gestalten. Das Motto: "Wir erinnern uns – wir handeln." Am Dienstag probten die Schülerinnen und Schüler in der Schloss-Aula.

"Ausländer raus, und alles ist gut!" – "Ich bin aus Kroatien, muss ich jetzt raus aus Deutschland?" – "Nein, nur die Kanaken!". Der Zuschauer sieht eine Auswahl von rassistischen Hasskommentaren aus dem Netz. Einige Schüler betreten die Bühne und sprechen über das, was Menschen so alles in sozialen Netzwerken posten. Eine sagt: "Ich bin geschockt, dass es Rassismus überhaupt noch so krass gibt." Eine andere: "Gerade in Deutschland sollte man es besser wissen."

Dann: Ein Zeitsprung. Man hört Passagen aus dem Buch "Adressat unbekannt" der US-amerikanischen Autorin Kressmann Taylor. Es ist ein fiktiver Briefwechsel zwischen zwei alten Freunden. Einer ist amerikanischer Jude, der andere Deutscher. Während in Deutschland der Nationalsozialismus grassiert, entfremden sich die beiden Männer voneinander, was die Autorin in einem fesselnden Dialog dargestellt hat.

"Yolocaust"

Dann wird die Zeit wieder knapp 80 Jahre vorgespult, zur Aktion "Yolocaust" des israelischen Künstlers und Satirikers Shahak Shapira. Der hatte im vergangenen Jahr Fotomontagen veröffentlicht aus Bildern, die Besucher des Holocaust-Mahnmals in Berlin geschossen haben, und Aufnahmen aus Konzentrationslagern. Das sieht im Ergebnis so aus, als würden die Touris gutgelaunt auf Leichenbergen posieren. Man mag das extrem finden. Fakt ist aber, dass Shapiras Assoziation deprimierend naheliegend ist.

Im letzten Teil kommen die Schüler auf die Bühne. Die meisten tragen weiße Masken, einige dagegen T-Shirts mit Aufschriften, die sie als Angehörige von Gruppen kennzeichnen, die oft Diskriminierung oder Verfolgung erfahren: Flüchtlinge, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, Juden. Zunächst grenzen die Maskenträger sie aus, aber durch eine Tür an der Seite werden dann auf Schildern die Antworten hereingetragen, die die Schüler auf Ausgrenzung und Rassismus geben wollen: "Ich schaue nicht weg". "Ich sage nein." "Ich beziehe Stellung."

Intensive Beschäftigung mit Antisemitismus

Die Lehrerinnen Stephanie Sprick, Daniela Ostendorf, Margret Pannen und Katrin Gatter haben das collagenartige Programm für die Gedenkfeier erarbeitet. Der zehnte Jahrgang der Schule befasste sich dann während der Projekttage mit der konkreten Umsetzung. "Wir haben den Text für die Dialoge zum großen Teil selbst geschrieben", sagt Juliane Frank (15). Hintergrundwissen habe der Geschichtsunterricht vermittelt, in dem sich die Schüler intensiv mit Antisemitismus beschäftigt haben.

Erfahrungen mit Diskriminierung oder herabwürdigenden Äußerungen haben viele Schüler gesammelt, auch wenn längst nicht alle selbst zum Ziel werden. Antonia Eckhardt (17) sagt: "Man hört schon oft Sprüche, zum Beispiel, wenn jemand anders aussieht oder homosexuell ist." Fälle körperlicher Gewalt aus solchen Anlässen habe sie zwar noch nicht erlebt. "Aber es ist auf jeden Fall ein wichtiges Projekt zu einem aktuellen Thema." 


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