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Protokoll eines Martyriums In Osnabrück getötetes Baby: Vater schildert Tatablauf

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Der Angeklagte vor dem Landgericht. Foto: Jörn MartensDer Angeklagte vor dem Landgericht. Foto: Jörn Martens 

Osnabrück. Liam wurde nur vier Tage alt. Er starb an Schlägen gegen den Kopf. Am Mittwoch begann der Prozess gegen Liams Vater. Er soll seinen Sohn im Mai dieses Jahres erschlagen haben. Unter Tränen schilderte der 25-Jährige die Geschehnisse, die seinen früheren Aussagen zum Teil erheblich widersprechen.

Zahlreiche Medien sind am Mittwochmorgen im Saal 272 des Osnabrücker Landgerichts, als zwei Justizbeamte den Angeklagten in Handschellen zu seinem Platz führen. Ohne Regung verfolgt der 25-Jährige die Verlesung der Anklage durch die Staatsanwältin. Sein Anwalt sagt, er habe starke Medikamente nehmen müssen. Nur ein wippender Fuß lässt darauf schließen, dass der Angeklagte nervös ist.

Drogen und Alkohol

Das Leben des Angeklagten ist seiner Angabe zufolge geprägt von Drogen und Alkohol.
Sein leiblicher Vater, ein britischer Soldat, verlässt die Familie, als er fünf ist. Sein Stiefvater, ebenfalls britischer Soldat, fällt im Irakkrieg, als er neun ist.
Schon im Kindergarten fällt es dem Angeklagten schwer, sich einzuordnen, bis die Mutter ihn aus der Einrichtung nimmt. Sie sei lieb, aber überfordert mit ihm gewesen. Schon früh verfällt der Osnabrücker dem Alkohol. Seinen ersten Rausch hat er im Alter von zehn oder elf Jahren. Mit 14 kommt er mit 4,8 Promille ins Krankenhaus.
In den weiteren Jahren folgen weitere Drogen, die er in großen Mengen konsumiert: Koks, Marihuana, Speed, Extasy, LSD, Pilze. Entzüge und Therapien scheitern.
In der achten Klasse bricht er die Hauptschule ab. Eine Ausbildung beginnt er nicht, mehrere Jahre ist er wohnungslos.
Er habe nun die Privatinsolvenz beantragt – wegen Mietschulden und „Jugendsünden“. yjs

Baby nur wenige Stunden in Obhut der Eltern

Die Staatsanwältin schildert, wie der Osnabrücker im Mai dieses Jahres seinen vier Tage alten Sohn getötet haben soll. Kurz nach der Entlassung seiner damaligen Freundin und dem Kind von der Entbindungsstation eines Osnabrücker Krankenhauses habe er Liam Zuhause baden wollen. Seine Freundin habe sich im Schlafzimmer befunden. Als das Baby beim Waschen nicht stillgehalten habe, habe der Angeklagte es mehrfach mit der Hand hart geschlagen. Den Tod habe er billigend in Kauf genommen, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt.

Anschließend soll er den schon leblos wirkenden Jungen in ein Handtuch gewickelt haben und mit ihm ins Wohnzimmer gegangen sein. Als die Mutter des Babys dazukam, habe sie angenommen, Liam schlafe. Blaue Flecken am Kopf kämen von einer Pfote von einem der beiden großen Hunde des 25-Jährigen, habe dieser erklärt. Die Frau verließ daraufhin die Wohnung zum Einkaufen.

Zahlreiche Medien waren zum Prozessauftakt gekommen. Foto: Jörn Martens

Der Angeklagte habe dann Blut im Mund seines Sohnes bemerkt. Mit einem Finger habe er es entfernen wollen, ihn dabei aber noch stärker verletzt. Die Atemnot des Babys habe sich verschlimmert, daraufhin habe der Angeklagte es geschüttelt. Nachdem die Kindsmutter zurückgekehrt war, rief der Angeklagte zuerst seine Oma und anschließend den Notarzt an. Eine Woche später, am 22. Mai, schalteten die Ärzte die Geräte ab: Liam war hirntod.

25-Jähriger berichtet unter Tränen

Anschließend – dann unter Tränen – schildert der 25-Jährige seine Version der Geschichte. Entgegen einer vorausgegangenen Aussage, wonach er das Kind geschlagen und geschüttelt habe, weil es beim Waschen nicht stillgehalten habe, spricht er nun von einem Unfall.

Nach der Entlassung seiner Lebensgefährtin und seinem Baby aus dem Krankenhaus habe er es im Waschbecken der gemeinsamen Wohnung gewaschen. Dann sei ihm der Junge aus den Händen gerutscht. Liam sei mit dem Kopf auf den Waschbeckenrand gefallen und bewusstlos geworden. In seiner Panik, so berichtet der Angeklagte weiter, habe er dem Kind mehrfach hart mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. „Mir ist einfach eine Sicherung durchgebrannt“, sagt der 25-Jährige.

Im Wohnzimmer habe er daraufhin bemerkt, dass der Junge aus dem Mund blute. Mit einem Finger habe er blutigen Schleim aus dem Mund holen wollen. Dabei verletzte er das Kind erheblich. Zu dem Zeitpunkt habe Liam schon immer langsamer geatmet. Der 25-Jährige informierte seine Großmutter, die im selben Haus wohnt und alarmierte dann auf ihre Anweisung hin den Notarzt.

Die Spurensicherung vor dem Haus der jungen Familie. Archivfoto: Festim Beqiri

Angeklagter: Tagelang Drogen konsumiert und nicht geschlafen

Das Ganze sei passiert, so der Angeklagte weiter, nachdem er mehrere Tage ununterbrochen wach gewesen sei. Nach der Geburt war er nach Hamburg zu einem Open-Air-Fest gefahren, habe dort massig Drogen konsumiert und dort auch danach mehrere Tage nicht geschlafen. Zurück in Osnabrück habe er morgens rund zwei Gramm Marihuana geraucht, sei duschen gegangen und habe dann Freundin und Kind aus dem Krankenhaus abgeholt. „Und den Rest kennen Sie ja“, sagt der Angeklagte dem Richter.

Foto: Jörn Martens

Die Staatsanwältin will es genauer wissen und fragt ihn, warum es inzwischen so viele Versionen der Geschehnisse gebe. Worte, die der Angeklagte immer und immer wieder sagt: Er könne sich an nichts oder nicht genau erinnern, und er wird nicht müde zu betonen, wie überfordert er von allem war. 

Staatsanwältin stellt Glaubwürdigkeit in Frage

„Können Sie sich heute überhaupt aktiv erinnern, was damals wirklich passierte?“, fragt die Staatsanwältin. Es gebe schließlich so viele Widersprüche in den Aussagen – anfangs hatten der 25-Jährige und seine Freundin sogar eine Hundeattacke erfunden, doch die Lüge flog schnell auf. „Keine Ahnung“, erwidert der Angeklagte. Und schiebt nach: An dem heute von ihm selbst geschilderten Tatablauf erinnere er sich.

Auf dieser Wiese in Hellern soll es zu dem Hundeangriff gekommen sein. Dieser stellte sich später als erfunden heraus. Archivfoto: Wilfried Hinrichs

Seine engste Familie ist an diesem Tag nicht im Gerichtssaal, weil sie später noch als Zeugen aussagen soll. Lediglich sein 19-jähriger Halbbruder ist auszumachen, der den ersten Prozesstag regungslos verfolgt. Als der 25-Jährige in Handschellen aus dem Saal geführt wird, drücken sich die beiden. Seine Familie halte zu ihm, hatte der Angeklagte zu Protokoll gegeben.

Die Staatsanwaltschaft hatte den Mann wegen Totschlags angeklagt. Das Schwurgericht verhandelt bis in den Januar. Der Prozess wird am 14. November, 13 Uhr, fortgesetzt.


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