"Ich will nicht einfach nur zuschauen" Osnabrücker Aktivist blockiert über Stunden eine Straße – warum?

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Verhandlungen mit der Polizei: Jan blockiert gemeinsam mit anderen Aktivisten eine Straße. Werden sie sie freiwillig verlassen? Foto: Meike BaarsVerhandlungen mit der Polizei: Jan blockiert gemeinsam mit anderen Aktivisten eine Straße. Werden sie sie freiwillig verlassen? Foto: Meike Baars

Düren/Osnabrück. Jan ist Klimaaktivist. Für seine Überzeugungen geht der Osnabrücker weiter, als die Polizei erlaubt. Er legt sich auf Gleise und blockiert Straßen – zuletzt bei den „Ende Gelände“-Protesten im rheinischen Braunkohlerevier. Was treibt den 26-Jährigen an?

Eine pinkfarbene Rauchfackel gibt das Signal. Neonqualm im staubigen Braunkohlerevier. Die Aktivisten stürmen los. Sie verlassen den Demonstrationszug und den Feldweg, auf dem sie eben noch „Hambi“-Slogans skandiert hatten. Sie rennen über den Acker. Viele tragen weiße Schutzanzüge mit Aufdruck am Rücken. „Ende Gelände“ steht darauf.

Los geht's: Die Aktivisten stürmen über ein Feld in der Nähe des Hambacher Tagebaus. Foto: imago/Tim Wagner

Jan* greift nach den Händen links und rechts von sich. Bloß nicht loslassen. „Wenn man sich jetzt verliert, ist die Aktion gelaufen“, ruft der 26-jährige Osnabrücker. Dutzende Polizisten bilden eine Kette, aber das Feld ist zu breit und die Aktivisten sind zu viele. Sie brechen einfach hindurch. Auch die Polizisten zu Pferd können nichts ausrichten.  

Kommandos dringen aus den hinteren Reihen nach vorne. „Rechts halten!“, „zusammen bleiben!“, „aufschließen!“ Zum ersten Mal an diesem kühlen Herbstsamstag wird es Jan warm in der Funktionskleidung. Sein Atem geht schneller. Adrenalin flutet den Körper.

Nicht loslassen: Jan hat sich bei den Aktivisten rechts und links von sich untergehakt. Foto: Meike Baars

Es ist das letzte Oktoberwochenende. Tausende Aktivisten sind dem Aufruf von „Ende Gelände“ gefolgt, einer „angekündigten Massenaktion des zivilen Ungehorsams“, wie sie die Veranstalter nennen. Das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ fordert den sofortigen Ausstieg aus der klimaschädlichen Stromgewinnung aus Kohle. Solange die Politik eher 2030 als Ausstiegsdatum anvisiert, wollen die Aktivisten mit Blockaden auf sich aufmerksam machen. Oberstes Ziel der Proteste im Rheinland: die Infrastruktur des Braunkohletagebaus empfindlich zu stören. 

Dorn im Auge der Aktivisten: Im Hambacher Tagebau wird Braunkohle gewonnen. Den Abbau wollen sie mit ihren Blockaden stören. Foto: dpa

Besetzte Bagger können schließlich nicht graben und belagerte Gleise nichts befördern. Und Bilder von griffigen Bannern und bunten Protestierenden, die sich nicht einschüchtern lassen – nicht von der Polizei und nicht von der Kälte – die sollen dabei helfen, andere zu überzeugen. Davon, dass das richtig ist, was die Aktivisten hier treiben, und nicht nur „vorsätzlicher Rechtsbruch unter dem Deckmantel des Klimaschutzes“, wie es später eine Erklärung des Energiekonzerns RWE formuliert. RWE ist der Betreiber des Hambacher Tagebaus. 


Zuletzt erlitt der Energieriese eine schwere Niederlage vor dem Oberverwaltungsgericht Münster. Der Konzern musste die Rodung des Hambacher Forsts stoppen, dieses symbolträchtigen Waldgebiets, das dem Kohleabbau weichen soll. Umweltaktivisten hatten es mit Baumhäusern besetzt. Ihr Kampf um „Hambi“ gab den Kohleprotesten Aufwind. In diesem Jahr sind so viele Teilnehmer wie nie zu „Ende Gelände“ gekommen. Mehrere Tausend sind es.

Besatzer der Lüfte: Aktivisten in einem Baumhaus im Hambacher Forst. Foto: dpa/Archiv

Einer von ihnen ist Jan. Seine Füße stecken in Wanderschuhen, die blonden langen Haare trägt er zum Zopf gebunden. Man sieht ihm an, dass der 26-Jährige die vergangenen zwei Nächte am Rande des Zeltcamps der Aktivisten im Auto geschlafen hat – ohne Standheizung versteht sich. Es geht ja hier um den Klimaschutz. Normalerweise müsste Jan Kontaktlinsen einsetzen, aber an diesem Morgen lässt er sie weg. „Die vertragen sich nicht mit Pfefferspray.“

Bisher sind Aktionen und Blockaden für den Osnabrücker immer glimpflich ausgegangen. Pfefferspray hat er noch nie abbekommen, auch Knüppelschläge setzte es nie. Jan legt es aber auch nicht drauf an, Polizisten zu provozieren. „Die stehen zwar oft auf der anderen Seite, aber sie sind nicht unsere Gegner. Das sind die klimaschädlichen Konzerne und umweltfeindliche Politik.“

Kohleabbau: Arbeitsplätze contra Klimaschutz

Ein vorzeitiger Ausstieg aus der Braunkohleverstromung aus Klimaschutzgründen würde nach Auffassung des Braunkohleverbands Debriv fast 100 Milliarden Euro kosten und Zehntausende Jobs vernichten. Allein am Braunkohle-Tagebau Hambach hängen nach Angaben des Energiekonzerns RWE rund 4600 Arbeitsplätze. Der Tagebau Hambach umfasst ein 85 Quadratkilometer großes Abbaufeld, in dem RWE bis 2040 insgesamt 2,4 Milliarden Tonnen Braunkohle abbauen will.
Im gesamten Rheinischen Revier gibt es bisher Abbaugenehmigungen bis 2045. Umweltschützer fordern einen wesentlich schnelleren Ausstieg aus der klimaschädlichen Technik. Mehr als ein Viertel der deutschen Treibhausgase entsteht bei der Stromerzeugung aus Braun- und Steinkohle. Treibhausgase wiederum treiben die globale Erwärmung an. Braunkohle gilt als schmutzigster der fossilen Energieträger. Die Gewinnung im flächenintensiven Tagebau stellt einen folgenreichen Eingriff in die Ökologie der Bergbaureviere dar. (dpa/meba)
Unterwegs: Die Aktivistengruppe auf dem Weg Richtung Hambacher Forst. Foto: Meike Baars

Noch im Dunkeln waren sie als Kleingruppe losgezogen, knapp 50 Menschen mit Proviant und warmer Kleidung für den ganzen Tag in den Rucksäcken. Zu Fuß über Feldwege, an Siedlungen vorbei. Jan hatte sein Handy im Camp in der Nähe von Düren zurückgelassen, damit man ihn nicht orten oder identifizieren kann. Das machen die meisten der Aktivisten so. Einige schmieren sich Sekundenkleber auf die Fingerkuppen, damit die Polizei keine Abdrücke nehmen kann. Aber Jan lässt das sein. Sein Foto und seine Fingerabdrücke sind ohnehin schon gespeichert. 

Ihr erkennt mich nicht: Einige Aktivisten schmieren sich Sekundenkleber auf die Fingerkuppen. Foto: Meike Baars

Der Osnabrücker war schon 2015 bei der „Ende Gelände“-Aktion am Braunkohletagebau Garzweiler dabei. Damals hatte ihn die Polizei festgenommen. Drei Jahre später ist das Ganze noch immer nicht juristisch ausgestanden. Vermutlich wird ein Strafverfahren gegen Jan demnächst neu aufgerollt. Der Vorwurf: gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. 

Unfreiwillige Helfer

Jan soll mit drei weiteren Personen auf eine Autobahnbrücke in der Nähe des Tagebaus geklettert sein. Die Polizei sperrte die Autobahn daraufhin ab und machte damit unfreiwillig den Weg frei für andere Aktivisten, die über die Fahrspuren auf das Tagebaugelände stürmten.

Solange der Prozess läuft, sagt Jan nichts zu den Vorwürfen. „Ich will ja nicht meine eigene Anklageschrift formulieren.“ Aber eine Feststellung ist ihm wichtig: „Ich würde niemals andere oder mich selbst in Gefahr bringen.“

"Würde niemals andere gefährden": Jan im Camp der Klimaaktivisten. Foto: Meike Baars

Für seine klimapolitischen Überzeugungen ist der 26-Jährige bereit, weit zu gehen. Geht er zu weit? Jahrelang fuhr er kein Auto. Er ernährt sich vegetarisch und engagiert sich bei Greenpeace. Regelmäßig kann man ihn an Infoständen in der Osnabrücker City antreffen, wo er sich stundenlang die Beine in den Bauch steht. 

Aber es bleibt nicht bei Infoständen. Jan ist Aktivist und beteiligt sich an Protestformen, die zwar sehr öffentlichkeitswirksam sind – aber auch höchst umstritten. Denn sie überschreiten die Grenzen dessen, was in Deutschland das Gesetz erlaubt. Oberstes Prinzip der Aktionen ist Gewaltfreiheit. Aber um Banner an prominenten Konzernwahrzeichen zu platzieren, kommt es schon mal vor, dass Schlösser geknackt, Zäune aufgebogen und Mauern überwunden werden müssen. Hausfriedensbruch ist das dann – mindestens. Wenn es um Blockaden geht, stehen Nötigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt als Straftatbestände im Raum. 

Polizeieinsatz bei "Ende Gelände": Wo beginnt Widerstand gegen die Staatsgewalt? Foto: dpa

Jan hat Schienen vor Castortransporten blockiert, Dieselautos auf dem VW-Betriebsgelände in Wolfsburg beerdigt (eine symbolische Aktion, für die zuvor Schrottautos präpariert wurden) und Lidl-Filialen mit Protestplakaten gegen die Massentierhaltung beklebt. Er weiß, wie es im Polizeigewahrsam zugeht, er kennt Gefangenensammelstellen und beherrscht das oberste Gebot jedes festgenommenen Aktivisten: „Ich mache keine Aussage.“ Aber er ist nicht vorbestraft und will es auch nie sein.

Warum nimmt Jan dieses Risiko in Kauf? Was treibt ihn an? Sucht er den besonderen Kick, die Konfrontation mit der Polizeigewalt, den bewussten Gesetzesbruch „unter dem Deckmantel des Klimaschutzes“, wie es bei RWE im Pressestatement hieß?

Greenpeace gegen Lidl: Das Bild stammt von einer Aktion in Stuttgart. Foto: dpa/Archiv

Nein, den Kick sucht er nicht. Denn dann würde er sich fadere Einsätze für die grüne Sache einfach sparen. Die, die keiner sieht. Zum Beispiel jene Fleißaktion, bei der sie tagelang Fischdosen in Supermarkt-Regalreihen inspizierten, um für Greenpeace das Angebot an überfischten und bedrohten Arten zu erheben. Die Aktion endete nicht mit Heldenpose am Braunkohlebagger – sondern mit Nackensteife beim Durchzählen am Schreibtisch. 

Jan ist mit der Zeit zum Überzeugungstäter geworden. Als Kind taten ihm Wale und Robben leid und er trat in den Naturschutzbund (NABU) ein. Von da ging es zu Greenpeace und dort reifte bei ihm als junger Erwachsener der Entschluss, Dinge ändern zu wollen. Er glaubt an Davids Chance im Kampf gegen Goliath. Beim deutschen Atomausstieg standen zu Beginn ja auch nur die zivilen Proteste.

Zivile Proteste: Polizisten räumen Gleise vor einem Castortransport nach Gorleben. Foto: dpa/Archiv

Viele Aktionen bestreitet der 26-Jährige gemeinsam mit einem guten Freund aus Osnabrück. Das Gefühl, Seite an Seite für eine Sache zu kämpfen, verbindet. Das mag ein Teil der Motivation sein, warum Jan sich immer wieder aufmacht, um Zeichen zu setzen. Wer ihn kennen lernt, merkt aber auch: Er ist stolz auf Vollbrachtes.  

Der Osnabrücker sieht sich auf der richtigen Seite – und beobachtet, wie er findet, zu viele Untätige auf der falschen. „Ich will meinen Kindern und Enkeln nicht später erzählen müssen, dass ich einfach zugeschaut habe, wie unser Planet zerstört wurde.“ Das klingt wie ein Kalenderspruch, aber Jan sagt ihn immerhin nicht vom Sofa aus auf, sondern auf einer Straße sitzend, umringt von Polizisten. 

Sitzblockade: Jan und seine Mitstreiter am Ziel ihrer Aktion. Foto: Meike Baars

Genauer gesagt ist es die Landstraße 257 zwischen den Ortschaften Kerpen-Buir und Morschenich, die der 26-Jährige gerade mit seinen „Ende Gelände“-Mitstreitern blockiert.  

Nachdem sie länger querfeldein gerannt waren, hatten sie sich mit ihrer Gruppe zurück auf die Straße geschlagen. Polizisten waren ihnen zu Fuß und in Einsatztransportern gefolgt. Die Aktivisten hatten sich untergehakt und irgendwann einfach hingesetzt. 

Aktivisten stürmen Gleise

Jan weiß in diesem Moment nicht um die Bedeutung dieser Straße. Er muss darauf vertrauen, dass die strategischen Köpfe hinter „Ende Gelände“ einen Plan haben. Dass nur wenige Meter vor ihrer Wegsperre aus Körpern eine Brücke liegt, die über die Gleise der Hambachbahn führt, sieht die Gruppe nicht. Und so kann sie auch nicht beobachten, wie knapp 2000 „Ende Gelände“-Aktivisten genau diese Gleise stürmen und besetzen. Viele von ihnen werden dort die ganze Nacht von Samstag auf Sonntag bei klirrender Kälte ausharren und Kohletransporte vom Tagebau in RWE-Kraftwerke verhindern.

Nacht auf Gleisen: "Ende Gelände"-Aktivisten besetzen die Schienen der Hambachbahn. Foto: dpa

Die L257 lahmzulegen, war im Rückblick betrachtet also Ablenkungsmanöver und strategische Blockade zugleich. „Für Versorger und Einsatzwagen war die L257 eine wichtige Verbindungsstraße. Die Sitzblockade hat uns nicht unerheblich beschäftigt und einen Teil der Einsatzkräfte gebunden“, erklärt der Aachener Polizeisprecher Paul Kemen. 

Für Anwohner aus der Umgebung sei sie zudem ein ziemlich großes Ärgernis gewesen, denn sie kamen entweder nicht nach Hause oder nicht weg. „Wir waren den ganzen Tag draußen und mit der Bevölkerung im Gespräch. Viele waren erbost. Das wäre nicht mehr in ihrem Sinne und würde die eigentliche Bewegung konterkarieren“, will Kemen vernommen haben. Ein Lastwagenfahrer wartete mehrere Stunden zwischen den Ortschaften, bis er weiterkam.

"Viele waren erbost": Für die Bevölkerung sei die Sitzblockade ein großes Ärgernis gewesen, heißt es bei der Polizei. Foto: Meike Baars

Jan und seine Mitstreiter bekommen davon freilich nichts mit. Während in unmittelbarer Nähe ihre Kollegen die Gleise besetzten, richten sie es sich in ihrer Straßenblockade ein. Sie holen Brote und Getränke aus den Rucksäcken, drapieren die Anti-Kohle-Banner vor sich und singen Protestsongs. Ein „Hambi“-Veteran zieht mit Glockenspiel durch die Blockadereihen und wird nicht müde, neue Variationen der Kohleausstiegshits anzustimmen. Man beginnt sich vorzustellen, dass allein seine musikalische Darbietung die Aktivisten so zermürben könnte, dass sie ihre Blockade eher früher als später freiwillig aufgeben. Doch soweit soll es nicht kommen.

Antikapitalistische Parolen

Im großen Demonstrationszug unweit des Hambacher Forstes hatten die Aktivisten am Morgen immer wieder auch antikapitalistische Parolen gerufen. Da hatte Jan geschwiegen. „Ich glaube nicht, dass wir im falschen System leben“, sagt er. „Ich bin keiner, der den radikalen Umsturz will und dann doch froh ist, wenn er in Notzeiten Hartz IV bekommt.“

"Kein radikaler Umsturz": Jan ruht sich von den Strapazen der zurückliegenden Stunden aus – in der Sitzblockade. Foto: Meike Baars

Denn Aktivist ist der Osnabrücker nur in seiner Freizeit. Beruflich fährt er zweigleisig. Nach einer Tischlerlehre bildete er sich als Erlebnispädagoge fort. Heute bietet er Kletterparcours an. Mit einer halben Stelle arbeitet der Osnabrücker zudem im Bereitschaftsdienst für Hausnotrufe und gibt Erste-Hilfe-Kurse.

Dass er sich mit Verletzungen und Verbänden auskennt, nützt auch im Aktivistendasein. Verletzt hat sich Jan allerdings noch nie bei einer Aktion. „Wir machen ja keinen blinden Aktionismus. Wir gehen gut vorbereitet vor. Sonst hat es keinen Sinn.“

Polizisten kreisen Aktivisten ein: Auf beiden Seiten gab es Verletzte. Foto: imago/Markus Heine

Die Bilanz von „Ende Gelände“ darf ihn deshalb eigentlich nicht zufriedenstellen. Denn es gibt Verletzte auf beiden Seiten. 14 Beamte trugen Blessuren davon, resümiert die Polizei Aachen nach dem Protestwochenende. Sie stammten zumindest aber nicht unmittelbar von der Straßenblockade. Dort gehen die Parteien beinahe höflich miteinander um.

„Sie singen sehr schön.“ So bahnt ein Polizist mit freundlichem Gesicht ein erstes Gespräch mit den Aktivisten an. Mit wem aus der Gruppe er denn sprechen könne, um die Blockade einvernehmlich aufzulösen. Es ist inzwischen Nachmittag geworden. Die Einsatzleitung wird ungeduldig. Die Leute sollen da weg von der Straße.

Was lässt sich aushandeln? Jan im Gespräch mit der Polizei. Foto: Meike Baars

Jan und eine junge Frau übernehmen die Verhandlungen für ihre Gruppe. Schon relativ früh hatten sie einen Pinkelplan mit der Polizei vereinbart. Einzeln durften Aktivisten aus der Blockade austreten, sich im angrenzenden Wald erleichtern und wieder zurück in den Polizeikessel. 

Nun macht der Verhandlungsführer der Polizei ein Angebot: Er schickt Busse, die die Aktivisten in den Kerpener Ortsteil Horrem bringen. Alle, die einsteigen, bleiben straffrei, ihre Personalien werden nicht aufgenommen. Wer sitzen bleibt, werde in Gewahrsam genommen – und riskiere eine Anzeige wegen Nötigung. Die Aktivisten handeln aus, dass die Busse besser zum Dürener Hauptbahnhof fahren sollen. Ansonsten haben sie nichts einzuwenden.

"Das ist es nicht wert"

Als die Busse wenig später anrollen, erhebt sich ein Großteil der Sitzenden und steigt ein. Auch Jan nimmt das Angebot an. So gibt es keine Strafanzeige, und er schafft es rechtzeitig zu einem Kindergeburtstag, den er am Sonntag im Kletterparcours in Osnabrück betreuen soll. „Die Blockade hätte vielleicht fünf Minuten länger gehalten, wenn ich geblieben wäre. Das ist es nicht wert.“

Passagiere auf Polizeikosten: Mit dem Bus ging es für die Aktivisten bis zum Dürener Bahnhof. Foto: Meike Baars

Nach ein paar Metern Busfahrt geraten die besetzten Gleise der Hambachbahn ins Blickfeld der Insassen. Zum ersten Mal sehen die Aktivisten das Ausmaß der Blockade. Sie brechen in Jubel aus. 

In den Nachrichten der nächsten Tage bekommen sie die Folgen ihrer Protestaktion präsentiert. 187 Menschen wurden festgenommen. Die Polizei erstattete 400 Strafanzeigen. RWE entstand „ein größerer wirtschaftlicher Schaden“. Keines der Kohlekraftwerke musste die Produktion drosseln. Aber die Menschen sprechen darüber.

*Zu seinem Schutz nennen wir nur den Vornamen.


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