Fachtag an der Uni Osnabrück Warum Väter in Elternzeit mit Karriereknicken rechnen müssen

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Väter, die länger Elternzeit nehmen wollen als zwei Monate, müssen sich oft gegen Widerstände in der Firma, der eigenen Familie, dem Freundeskreis und womöglich der eigenen Frau durchsetzen. Foto: Colourbox.deVäter, die länger Elternzeit nehmen wollen als zwei Monate, müssen sich oft gegen Widerstände in der Firma, der eigenen Familie, dem Freundeskreis und womöglich der eigenen Frau durchsetzen. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Seit Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 ist viel von den neuen "aktiven Vätern" die Rede. Der Großteil der Familienverantwortung wird jedoch nach wie vor von den Frauen getragen. Wie es anders geht, erklärt Christine Kammler vom Gleichstellungsbüro der Universität Osnabrück im Interview mit unserer Redaktion.

Frau Kammler, was unterscheidet einen "aktiven Vater" von anderen Vätern? 

Die Bezeichnung "aktiver Vater" wurde von Wissenschaft, Medien und Politik mit Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 genutzt, um Väter zu beschreiben, die in Elternzeit gehen. Der Begriff hat Schlagwort-Charakter, genau wie der des "neuen Mannes". Letztendlich würde ich ihn als Abgrenzung der jetzigen von der vorherigen Vätergeneration sehen. Die jetzigen jungen Väter bezeichnen und verstehen sich zum Teil selber als aktive Väter, weil sie mehr Zeit als die eigenen Väter mit den Kindern verbringen. In diesem Verständnis ist auch ein Vater, der die zwei Partnermonate Elternzeit nimmt, ein aktiver Vater.

Fachtag für aktive Vaterschaft

Am Donnerstag, 8. November 2018, veranstaltet das Gleichstellungsbüro der Universität Osnabrück von 9 bis 16 Uhr in der Schlossaula einen Fachtag für aktive Vaterschaft. Unter dem Titel "Vater Morgana!?" gehen die Teilnehmer der Frage nach, warum immer noch vergleichsweise wenige Männer länger in Elternzeit gehen und Frauen eher in Teilzeit zurückkehren. Das Vormittagsprogramm besteht aus Vorträgen und einer Podiumsdiskussion. Am Nachmittag werden verschiedene Workshops angeboten.


Warum nutzen immer noch vergleichsweise wenige Väter das Angebot der Elternzeit?

Ich glaube, dass sich Männer in einem Spannungsfeld von persönlichen Entscheidungen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen und Erwartungen bewegen. Der Wunsch und die Bereitschaft sich zu engagieren, sind meiner Ansicht nach tatsächlich größer geworden. Andererseits merke ich in meiner Beratung im Familienservicebüro der Universität Osnabrück jedoch auch, dass, sobald sich Nachwuchs ankündigt, ein Rückgriff auf tradierte Rollenmodelle passiert – bei beiden Geschlechtern. (Weiterlesen: Elternzeit-Väter machen dauerhaft mehr im Haushalt)

Viele Frauen möchten gerne zu Hause bleiben und in Teilzeit auf ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Männer sehen sich zunächst in der Rolle der Familienernährer. Sie finden diese Ausgangssituation vor und müssen manchmal auch mit den eigenen Frauen darüber verhandeln, welche Bedeutung sie in der Familie einnehmen wollen beziehungsweise sollen. Es bestehen immer noch Hürden auf dem Arbeitsmarkt, die es Männern erschweren, länger als zwei Monate Elternzeit zu nehmen. Sie müssen mit Karriereknicken rechnen. Dies gilt zwar auch für Frauen. Diese scheinen das aber eher hinzunehmen, und ihnen wird es auch gesellschaftlich eher zugestanden. (Weiterlesen: Jeder dritte Osnabrücker Vater nimmt Elternzeit)

Christine Kammler vom Gleichstellungsbüro der Universität Osnabrück. Foto: Stephan Schute


Was muss sich ändern, damit die frühkindliche Erziehung von beiden Elternteilen in Deutschland gleichermaßen getragen wird?

Man müsste eine vorrangige Begründung für das traditionelle Rollenmodell abschaffen. Nämlich das höhere Familieneinkommen durch den Mann, verursacht durch steuerliche Vergünstigungen – Stichwort Ehegattensplitting – und Gender Pay Gap.

Es geht nicht ohne Väter, die sich auch gegen Widerstände in der Firma, der eigenen Familie, dem Freundeskreis und womöglich der eigenen Frau durchsetzen. Es geht nicht ohne Frauen, die ihr "Exklusivrecht" am Kind hinterfragen und die Balance zwischen Beruf und Familie neu definieren. Und es geht auch nicht ohne einen Arbeitgeber, der beiden Geschlechtern die Elternzeit und auch Teilzeitarbeit zugesteht.

Ein Ausbau der Kinderbetreuung sorgt zumindest dafür, dass Männer wie Frauen mehr Flexibilität in der Ausgestaltung ihrer Karrieren erlangen. Nach wie vor sind Gleichstellungsmaßnahmen für bessere Aufstiegschancen von Frauen wichtig. Ich sehe hier die Politik in der Verantwortung: In Ländern wie Schweden und Frankreich greift sie mit Förderungen und Sanktionen gezielt in die Familienpolitik ein. Bei uns ist Weiblichkeit und Mütterlichkeit immer noch stark verschränkt und Mutterschaft gegenüber weiblicher Berufskarrieren gesellschaftlich stärker akzeptiert. Hier müssten verstärkt Programme entwickelt werden, die gesellschaftlich für eine 50:50-Aufteilung der Familien- und Fürsorgearbeit sensibilisieren.  (Weiterlesen: Fünf Tipps für mehr Elterngeld)


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