Lesung mit Heiko Schulze Buch über eine Vorkämpferin für Frauenrechte

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Autor Heiko Schulze mit seinem neusten Buch.

            

              
                Foto: André HavergoAutor Heiko Schulze mit seinem neusten Buch. Foto: André Havergo

Osnabrück Vor mehr als 100 Gästen hat der Osnabrücker Autor Heiko Schulze im Gewerkschaftshaus sein Buch „Unsere Erste“ vorgestellt. Darin beleuchtet er Stationen aus dem Leben der ersten Osnabrücker Abgeordneten Alwine Wellmann.

Vor fast genau 100 Jahre, im November 1918, trat das Wahlrecht für Frauen in Kraft. Ein Grund für Heiko Schulze, sich auf die Spuren von Alwine Wellmann (1891 bis 1966) zu machen. Die Osnabrückerin zog 1924 für den Wahlbereich Weser-Ems als erste Frau der gesamten Region in ein freies Parlament, den Preußischen Landtag, ein. Später war die für die SPD Abgeordnete im Osnabrücker Rat, ehe sie 1933 den Nazis trotzte und Deutschland für lange Zeit verlassen musste.

Für „Frauenzimmer“ verboten

Heiko Schulze teilte seine Lesung in drei Schwerpunkte ein: das Erkämpfen des Frauenwahlrechtes, Wellmann contra Nazis und Wellmann als „geschasste Vertrauensfrau für politisch Verfolgte“. 1891, es war Wellmanns Geburtsjahr, forderten die deutschen Sozialdemokraten als einzige Partei das Frauenwahlrecht.

Mucksmäuschenstill

Eine scheinbar unmögliche Forderung, zumal es in Preußen zu dieser Zeit allen weiblichen Personen verboten war, politischen Vereinen beizutreten. Ja, sie durften nicht einmal als öffentliche Zusammenkünfte besuchen, wie Schulze darlegte. Elf Jahre später durften die „Frauenzimmer“ immerhin wenigstens mucksmäuschenstill in abgetrennten Bereichen politische Versammlungen verfolgen.

Zivilcourage im Friedenssaal

Ähnlich restriktiv waren die Regeln für einen Gewerkschaftsbeitritt. Dass Alwine Wellmann als jungen Buchhalterin das Verbot ignorierte und sich einer Gewerkschaft anschloss, zeigte ihren Mut schon im Alter von 16 Jahren. Ihrer „Zivilcourage im Friedenssaal“ widmete Schulze den zweiten Abschnitt. Am 11. April 1933 findet die letzte Sitzung des Stadtrates mit demokratisch gewählten Mitgliedern statt.

Dem „Sieg heil“ zu Beginn der Sitzung verweigerten sich die SPD-Abgeordneten. Alwine Wellmann zeigte in einer Stellungnahme den Nazis später offen die Stirn: An einem „Sieg heil“ auf die Stadt könne sich die SPD nicht beteiligten, wohl aber an einem „Hoch“ auf Osnabrück.

Flucht nach Bulgarien

Als Folge wurde Wellmann verhaftet und floh später nach Bulgarien. Erst 1948 konnte sie zurück in ihre Heimatstadt, wo sie ab 1950 im Auftrag der Bezirksregierung „Vertrauensmann für politisch, rassistisch oder religiös Verfolgte“ tätig wurde. Mit ihrem menschlichen, direkten und couragierten Vorgehen eckte die Sozialdemokratin aber immer wieder bei der Behörde an. Nach drei Jahren wurde die Stelle abgeschafft, Wellmann in die Bücherei versetzt.

Der alte, gefährliche Geist

Entsetzt verfolgte Alwine Wellmann in den folgenden Jahren, wie immer mehr alte Nazis in führenden Funktionen der jungen Republik eingesetzt wurden. „Die Ministerialbürokratie ist schon wieder von dem alten gefährlichen Geist beseelt“, stellte sie verbittert fest. Die Osnabrückerin übernahm keine politischen Ämter mehr.

Das Buch über Alwine Wellmann weise viele Bezüge zur heutigen Zeit auf, heißt es eingangs. Bezüge zur heutigen Zeit wies auch Günter Gall auf, der mit Gesang, Gitarre und Gedichten die Lesung begleitete und bereicherte.

„Unsere Erste“, Autor Heiko Schulte, Geest-Verlag, 14,80 Euro


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