Familienkasse bleibt hart Osnabrücker soll 4160 Euro Kindergeld für jungen Syrer zurückzahlen

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Alan Sabri und Nadine Sabri-Buck sollen 4160 Euro Kindergeld zurückzahlen. Foto: Swaantje HehmannAlan Sabri und Nadine Sabri-Buck sollen 4160 Euro Kindergeld zurückzahlen. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. 2015 nahm der Osnabrücker Alan Sabri seinen 15-jährigen Cousin bei sich Zuhause auf, der aus Syrien geflüchtet war. 2016 zog dieser zu seiner Tante, die auch in Osnabrück lebt. Die Sabris bezogen weiterhin Kindergeld für den Jungen. Nun fordert die Familienkasse 4160 Euro plus Zinsen von ihnen zurück.

Wenig Zeit? Am Ende des Artikels gibt es eine Zusammenfassung.

2015 war Abdullah allein aus Syrien über die Balkanroute nach Deutschland gekommen. Teile seiner Familie mussten zurückbleiben, andere hatten Syrien schon vor dem Bürgerkrieg verlassen.

In Deutschland angekommen nahm sein Cousin Alan Sabri den Jungen auf. „Meine Mutter hatte mich gebeten, ihn  zum Jugendamt zu bringen, damit er einen Asylantrag stellen kann“, berichtet der gebürtige Syrer im Gespräch mit unserer Redaktion. Er lebt eigener Angabe zufolge seit 20 Jahren in Deutschland, ist verheiratet, hat zwei Kinder (3 und 7 Jahre alt) und arbeitet in der Lebensmittelindustrie. Doch das Jugendamt sei überlastet gewesen, daher habe er den heute 18-Jährigen erst einmal bei sich aufgenommen.

Sabri übernimmt Vormundschaft

Nach ein paar Wochen habe das Jugendamt Abdullah im Emsland unterbringen wollen. „Er war für uns eine fremde Person, dennoch haben wir es nicht über das Herz gebracht, dass er irgendwo hinkommt“, berichtet Sabri weiter. Das Amt schlug vor, dass er die Vormundschaft übernimmt – was der 36-Jährige auch tat, gerichtlich bestätigt. Daraufhin erhielt er Kindergeld. „Wir haben uns darum gekümmert, dass er zur Schule kommt und hier integriert wird, und es hat alles super geklappt.“ 

Vor zwei Jahren, mit 16, zog Abdullah innerhalb Osnabrücks zu seiner Tante, Sabris Mutter, wo er bis heute lebt. „Das Kindergeld haben wir weiterhin bekommen und ihm gegeben“, sagt Sabri. Abdullah und Sabris Mutter könnten das bestätigen.

Geld für zwei Jahre

Als Sabri dann im April dieses Jahres einen Folgeantrag auf Kindergeld stellte, bemerkte die zuständige Familienkasse Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit, dass Abdullah eine neue Adresse hat. „Dann haben sie das Kindergeld zurückgefordert.“ 4160 Euro plus 118 Euro Hinterziehungszinsen will sie für den Zeitraum September 2016 bis Mai 2018 zurück haben.

„Wir fühlen uns ungerecht behandelt, wir haben doch nichts falsch gemacht“Alan Sibri

Sabri sollte Vermögen verwalten

„Wir sind der Meinung, dass nur ich als sein offizieller Vormund das Kindergeld beantragen konnte“, sagt Sabri. Mit der Übernahme der Vormundschaft verpflichtete er sich, das Vermögen des Jungen zu verwalten. „Da habe ich auch das Kindergeld drunter verstanden. Wir haben immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt“, versichert er. Wenn Eltern ihre Kinder zum Studieren schickten, bekämen sie das Kindergeld doch auch weiterhin. „Wir fühlen uns ungerecht behandelt, wir haben doch nichts falsch gemacht.“

Das sieht die Familienkasse anders. Schließlich habe Abdullah nicht mehr bei den Sabris gelebt. „Zum 1. September 2016 ist er aus dem Haushalt ausgezogen. Damit endete das Pflegekindschaftsverhältnis. Ein Anspruch auf Kindergeld bestand insoweit nicht mehr“, sagt Holger Habenicht, Sprecher der zuständigen Arbeitsagentur für Arbeit Hannover, auf Anfrage unserer Redaktion. „Wenn der Bescheid ergangen ist, muss das Geld zurückgezahlt werden.“

Womöglich wird ein Gericht entscheiden

Die Familie nahm sich eine Anwältin. Womöglich wird ein Gericht entscheiden – eine Klage ist zur Fristwahrung zumindest eingereicht, sagt Sabri. Er und seine Frau Nadine Sabri-Buck hadern aber noch damit, denn sollten sie verlieren, kommen auch noch die Gerichtskosten hinzu. Die Rechtsschutzversicherung habe den Fall wegen der geringen Aussicht auf Erfolg abgelehnt. „Und wir müssen ja selbst mit zwei kleinen Kindern über die Runden kommen.“ Zu den geforderten 4278 Euro kommen weitere 460 Euro für die Anwältin.

Im Grunde genommen gilt der Fall als „ausverhandelt“, sagt Habenicht. Der Bescheid sei ergangen, die Behörde folgte darin nicht der Argumentation in der Stellungnahme Sabris und seiner Anwältin. Die Rückzahlung muss also erfolgen? „Es sollte das Klageverfahren vor dem Finanzgericht abgewartet werden“, sagt Habenicht. Nach der Anfrage unserer Redaktion versicherte er, dass die Familienkasse den Fall noch einmal prüfen werde. Der Bescheid könne aber nur dann zurückgenommen werden, wenn die Behörde einen Verfahrensfehler findet. Ansonsten sei eine Ratenzahlung denkbar.

Grundsätzlich sei die Rückzahlung auch dann erforderlich, wenn die Sabris nachweisen, das Kindergeld stets an Abdullah gegeben zu haben, führt Habenicht weiter aus. „Eine Weiterleitung kann nur dann anerkannt werden, wenn das Kindergeld an den vorrangig Anspruchsberechtigten weiterleitet wird – im Zweifel ist nicht das Kind kindergeldberechtigt. Eine Weiterleitung an das Kind direkt ist nicht anzuerkennen“, sagt Habenicht.

Abdullah will in die Pflege

Abdullah sei die ganze Sache sehr unangenehm, sagt Sabris Frau, Nadine Sabri-Buck. Er würde gerne etwas dazu beitragen, verdiene derzeit aber gerade einmal 350 Euro monatlich. Der 18-Jährige hatte seinen erweiterten Realschulabschluss erlangt und eine Ausbildung in der Pflege angestrebt. Einen Ausbildungsplatz bekam er nicht. Nun begann er Anfang des Monats ein Freiwilliges Soziales Jahr im Pflegebereich in einem Osnabrücker Krankenhaus – mit der Perspektive, danach eine Ausbildung beginnen zu können.

„Wir haben unsere Aufgabe mehr als gut gemacht“Alan Sabri

Und Sabri? „Wir haben unsere Aufgabe mehr als gut gemacht.“ Als Abdullah kam, habe man ihnen jede Hilfe zugesagt. „Und nun ist keiner mehr da. Für uns ist das ein Tritt in den Hintern.“

Zusammenfassung: 2015 nahm der Osnabrücker und gebürtige Syrer Alan Sabri seinen 15-jährigen Cousin Abdullah auf, der alleine aus Syrien geflohen war. Der 36-Jährige übernahm die Vormundschaft des Jungen. 2016 zog Abdullah zu seiner Tante in Osnabrück. Sabri bezog weiterhin Kindergeld, das er dem Jungen gab. Für die Jahre 2016 bis 2018 soll er nun 4160 Euro Kindergeld zurückzahlen. Die Familienkasse argumentiert: Abdullah wohnte nicht mehr bei Sabri, daher habe er das Kindergeld zu Unrecht kassiert. Der 36-Jährige fühlt sich ungerecht behandelt.


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