Forum Osnabrück Von Fürsorge und Notausgängen – Diskussion über Sterbehilfe

Von Susanne Haverkamp

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Von todkranken Menschen gebraucht werde fürsorgende Begleitung in den Familien und Freundeskreisen, in der Palliativmedizin und in den Hospizvereinen, meint Elmar Kos. Foto: Philipp HülsmannVon todkranken Menschen gebraucht werde fürsorgende Begleitung in den Familien und Freundeskreisen, in der Palliativmedizin und in den Hospizvereinen, meint Elmar Kos. Foto: Philipp Hülsmann

Osnabrück. „Menschen zum Weiterleben zu zwingen, ist auch nicht fürsorglich!“ Keine Frage: Die These von Dieter Birnbacher, im Hauptberuf Philosophieprofessor an der Universität Düsseldorf, im Ehrenamt Präsident der Gesellschaft für humanes Sterben, ist provozierend.

Zumal er mit seiner Sympathie für die Erlaubnis der Sterbehilfe für todkranke Menschen ziemlich allein auf weiter Flur ist. Denn eingeladen zu der Veranstaltung „Leben müssen, sterben dürfen. Moralische Orientierungen“ haben verschiedene katholische Einrichtungen und zwei Hospizvereine. Da ist die Richtung klar.

Dieter Birnbacher zielte mit seiner These auf den einführenden Vortrag von Elmar Kos, Professor für Theologische Ethik an der Universität Osnabrück/Vechta. Darin hat er eine Lanze gebrochen für die Fürsorge für Todkranke und Sterbende. Fürsorge, so Kos, ermögliche erst die freie Selbstbestimmung. Wenn man auf reine Autonomie poche, bestünde die Gefahr, Schwerkranke in der entscheidenden Situation des Lebens alleinzulassen. 

Fürsorgende Begleitung

Kos verstand seinen Vortrag nicht als Einzelfallanalyse. „Darüber, wie Einzelne in bestimmten Extremsituationen entscheiden, kann und will ich nicht urteilen.“ Ihm ging es um die Frage, wie „wir als Gesellschaft“ mit dem Ende des Lebens umgehen wollen, um „allgemeine Regeln“, nicht die Ausnahme. Und da dürfe die Sterbehilfe nicht zu einer gleichberechtigten Option unter vielen werden. Gebraucht werde vielmehr fürsorgende Begleitung in den Familien und Freundeskreisen, in der Palliativmedizin und in den Hospizvereinen.

Dass Menschen, die in schwerster Krankheit gut medizinisch versorgt und menschlich begleitet werden, überhaupt den Wunsch nach einem vorzeitig herbeigeführten Tod haben, das erlebt Winfried Hardinghaus selten. Der Palliativmediziner und Gründer des Vereins „Spes Viva“, der Sterbende begleitet, meint: „Wenn Kranke sagen: Ich will nicht mehr leben!, dann meinen sie: Ich will so nicht mehr leben.“ So voller Schmerzen, mit Atemnot oder ständiger Übelkeit. „Diese Symptome können wir inzwischen gut beherrschen“, so der Facharzt. „Und wenn es Menschen dann besser geht, ihre Lebensqualität steigt und sie noch Wünsche erfüllt bekommen, dann wollen sie auch nicht mehr sterben. Oder jedenfalls nicht vorzeitig sterben.“

Angst vor einem unwürdigen Sterben

Das bestätigt auch der Philosoph Dieter Birnbacher, der kein Hardliner der Sterbehilfe ist. „In der Schweiz sind viele Leute Mitglied in einem Sterbehilfeverein. Aber die Zahlen derer, die sie in Anspruch nehmen gehen zurück, je besser die palliativmedizinische Versorgung wird.“ Das findet er auch gut, besser als in den Niederlanden, wo kranke Menschen sich schon fast einer Erwartungshaltung gegenüber sehen, ihr Leid doch endlich zu selbst zu beenden. Dennoch, so Birnbacher: „Viele Menschen haben Angst vor einem unwürdigen Sterben. Sie wollen nicht abhängig sein von Pflege anderer Menschen. Sie wollen einen Notausgang, und den soll man ihnen auch lassen.“

Führt der „Notausgang“ zu mehr innerer Freiheit? Oder lässt er Menschen, die des Lebens müde sind zu schnell allein? Dient er der berechtigten Selbstbestimmung? Oder treibt er die Gesellschaft in eine Richtung, die Leid als Teil des Lebens per se ablehnt und abschaffen will und deshalb den schnellen Tod vorzieht - zum Wohle der Angehörigen und der Krankenkassen?

Mehr Palliativmedizin und mehr Geld für die Pflege

Bei Elmar Kos und Winfried Hardinghaus überwiegt die Skepsis gegenüber allzu schnellen Todeswünschen; sie fordern mehr Begleitung, mehr Empathie, mehr Fürsorge, mehr Palliativmedizin und mehr Geld für die Pflege, damit das Ende des Lebens ein gutes Ende werden kann. Dieter Birnbacher wünscht sich diese Begleitung auch; aber er denkt an die, die trotzdem nicht mehr wollen und dies seiner Meinung nach auch dürfen sollen.


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