Premiere im Theater Osnabrück „Beethovens Neunte“ überwältigt mit Schönheit

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Tanzbilder mit großer Ausdruckswucht zeigt die Osnabrücker Dance Company für „Beethovens Neunte“.Foto: Jörg LandsbergTanzbilder mit großer Ausdruckswucht zeigt die Osnabrücker Dance Company für „Beethovens Neunte“.Foto: Jörg Landsberg

Osnabrück. Stark beeindruckter Applaus im Osnabrücker Theater am Domhof: So viel klar strukturierte Schönheit und so kühne wie variantenreiche Bewegungsarchitektur wie in „Beethovens Neunte“ hat Osnabrücks Tanzchef Mauro de Candia wohl noch nie in einem Tanzabend vereint.

Osnabrück Eine dunkle Leibermasse kriecht und wogt zeitlupenhaft langsam und qualvoll über den Bühnenboden. Derweil lässt eine einzelne Tänzerin in allerlei kraftmeierischen Posen ihre Muskeln spielen – ein erster Kommentar von Osnabrücks Tanzchef Mauro de Candia zur bedrängten Lage der politischen Freiheit auch in unseren Tagen?

Erst dann setzt die Pianistin Nami Ejiri mit ihrem Part am Flügel ein. Sie thront auf einem Podest über der Szene, interpretiert bravourös Franz Liszt s Klaviertranskription von Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie und macht jeder Zeit deutlich, dass mehr als alle Aktualisierung die vier Sätze der Sinfonie das Geschehen im Tanzstück „ Beethovens Neunte “ bestimmen. Die Uraufführung war am Samstag im Osnabrücker Theater am Domhof zu erleben.

Ausdrucksenergie

Kampf und Schrecken treiben brodelnd den ersten Satz voran, wilde Ekstase den zweiten, das Scherzo. Mauro de Candia findet immer neue Bewegungsbilder für Anspannung und Zerrissenheit in der Musik. Er baut vielgestaltige und berührende Skulpturen aus sich zueinander und in die Höhe, zum Licht, zur Freiheit drängenden Tänzerkörpern, er lässt energisch hin- und herwogende Reigen sich öffnen und zerfallen. Wie ein riesiger Mühlenflügel dreht sich eine Tänzerkette um ihre Mittelachse und erzählt so von der ungeheuren Ausdrucksenergie und -wucht der Musik, die Nami Ejiri mithilfe von Liszts genialem Klavierpart sehr wohl zu entfalten versteht.

Komplexe Tanzbilder

Für die Melodik einzelner musikalischer Themen findet der Tanzchef klar strukturierte, variantenreiche Bilder in der Formation wie wohl noch nie. Die zwölf Tänzer der Osnabrücker Dance Company (zwei Eleven sind mit von der Partie) lassen spürbar Musikalität durch ihre Körper fließen und zu berauschend schönen Skulpturen gerinnen.

Wenn bei Beethoven ein einmal angeschlagenes Motiv abrupt abbricht, verharren die Tänzer in Stille, auch mal zum Flügel hoch lauschend. Wenn der Komponist sein musikalisches Material zu Neuem verarbeitet, löst sich die Formation in Zweier-, Dreier oder Vierergruppen auf, die nun unterschiedliches Bewegungsmaterial bearbeiten. Das wirkt, als würden Beethoven/Liszts Notengruppen ganz plastisch zu tanzen anfangen. Das erinnert in Optik und und rhythmischer Gliederung an die sogenannten Schlaufenbilder des Malers und bildenden Künstlers Rudolf Englert aus dem Osnabrücker Land, auf die sich „Beethovens Neunte“ bezieht.

Schlaufe im Bühnenbild

Auch im Bühnenbild: Eine dicke, schwere Schlaufe hängt vom Bühnenhimmel herab, während auf der anderen Seite ein filigranes Wölkchen das Elysium andeutet.

Überraschend innig widmet sich der dritte, sangliche Satz der Variation: Ein Paar tanzt eine sehr zarte und zärtliche Adam-und-Eva-Situation, in der einer den anderen zum Leben erweckt.

Im berühmten vierten, vokalen Satz mit der Vertonung von Schillers „Ode an die Freude“ tragen Himmlisches und Irdisches in der Komposition allerletzte Vermittlungskämpfe miteinander aus, ohne bei Liszt und de Candia in einen Freudentaumel zu verfallen. Mit großer Zartheit lässt Nami Ejiri die Melodik von „Freude schöner Götterfunken“ wie einen fernen Traum über die Bühne wehen. Die Pianistin erntet den stürmischsten Publikumsapplaus vom sichtlich schwer beeindruckten Premierenpublikum.


Weitere Aufführungen von „Beethovens Neunte“: 1. November, 5. und 8. Dezember. Kartentel. 0541-7600076.

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