Das Wesentliche kompakt Spieltriebe: Alle Stücke im Überblick

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ch.a./dab/dö/lü/rei Osnabrück. Also echt: Neun Uraufführungen gibt es bei den Spieltrieben, insgesamt elf Produktionen, die Orte in der ganzen Stadt bespielen. Gar nicht so leicht, da den Überblick zu behalten. Hier stellen wir sämtliche Stücke kurz vor.

Theater am Domhof

„Das Leben der Insekten“: Die Motten fühlen sich magisch vom Licht angezogen, die Mücken von Haut und Blut, die Pillendreher von ihrer Kugel Mist: Die Insekten in „Das Leben der Insekten“ vom russischen Erfolgsautor Viktor Pelewin philosophieren nach Kräften über den Ausschnitt von Wirklichkeit, den sie eben gut kennen. Damit passt das Rahmenstück für alle fünf „Spieltriebe“-Routen bestens in das Festival-Thema „total real“. Die verschiedenen Vielfüßler in der dramatisierten Version des Romans verhalten sich mal wie Vielfüßler, mal wie Menschen, wenn sie sich betrinken, vor Fledermäusen flüchten oder sich am Blut besaufen, wenn sie lieben, morden oder kannibalisieren. Alle streben sie aber über sich hinaus nach dem Licht der Erkenntnis.

Route 1 – Hellmann - Blau

„Real Life“: Die eine leidet unter dem Ehekrach der Eltern, die nächste bejubelt ihr Coming-out: In einzelnen Monologszenen stellen die Osnabrücker Jugendclubs Mania und Amigos Bandidos eine Querschau jugendlicher Innenwelten zusammen. Der Zuschauer muss dabei selbst eine Auswahl treffen: Auf vier Etagen des Bürobaus der Spedition Hellmann stehen jeweils vier Schauspieler. Und insgesamt vieren davon kann man in ein Büro folgen - um dort in großer Nähe den Monolog als berührende Gemeinschaftserfahrung erleben. Ein starkes Konzept von Regisseurin Anja Deu und vielen oft ausgezeichneten Schauspielern.

„Club d’Europe“: Nach der Erstauflage im Friedenslabor des Osnabrücker Theaters (2012) kommt mit „Club d’Europe“ ein weiteres Live-Hörspiel von Carsten Golbeck auf die Bühne. Wieder sitzen drei Schauspieler an einem mit Mikros, Hupen und Perücken überhäuften Tisch. In turbulentem Wechsel von Figuren und Situationen deklinieren sie alle gängigen Klischees, Theorien und Mythen zum Stichwort Europa zusammen - und geraten immer wieder in die Sackgasse unauflöslicher Paradoxa. Mit Erfolg: Kein Kabarett kommt den Widersprüchen des „Müll trennendsten und Müll produzierendsten“ Kontinents näher als die schreiend komische Tour de Force von Patrick Berg, Stephanie Schadeweg und Martin Schwartengräber.

Route 2 - Hellmann - Rot

„Morphings“: An den Treppengeländern von drei Stockwerken schauen die „Spieltriebe“-Besucher auf die

Tänzer hinunter. Osnabrücks Tanztheaterchef Mauro de Candia zeigt im Gebäude der Spedition Hellmann auf den Routen 1 und 2 sein neue Stück „Morphings“. „Morphings setzt sich mit der Metamorphose von Bewegungen und Bewegungsbildern, von Emotionen und Situationen auseinander, heißt es ganz allgemein im Festival-Flyer. Konkret sieht man auf dem Boden des Erdgeschosses die Tänzer in einem eng verknäulten Haufen liegen wie einen Wurf junge Hunde. Sie räkeln sich langsam und vorsichtig im Schlaf, um sich nicht zu stören und nicht den warmen Körperkontakt zu verlieren. Allmählich bewegt sich die Gruppe auf das Feld, das von einem strengen geometrischen Raster beleuchtet wird. Die Tänzer versuchen ihre Bewegungen diesem Raster anzupassen, das seine Form verändert und auch mal gefährlich kippt oder sich in Einzelbestandteile auflöst.

„Die Kunden werden unruhig“: Staubig ist die große Lagerhalle der Spedition Hellmann und laut. Umso eleganter wirken Sitzgruppe und Personal im Tagungshotel des Stückes „Die Kunden werden unruhig“ von Johannes Schrettle. Eine Personaltrainerin, eine Führungskraft und ein verklemmter Bankangestellter treffen sich zu einem Coaching, um den Kundenkontakt des Bankangestellten zu optimieren. Der ist einer Kundin auf die Spur gekommen, die sich seit Jahren nicht mehr um ihr Bankgutachten kümmert. Die ach so gut gemeinte Jagd nach solchen „Schläfern“ im internationalen Geldgeschäft entwickelt sich zum Krimi um den schnöden Mammon und zur virtuosen Farce. Schrettle vermischt die Ebenen seines Stückes solange, bis niemand mehr zwischen Bühne und Realität unterscheiden kann

Route 3 - Sutthausen - Grün

„Sam“: „Kommen Sie, folgen Sie uns zum Käfig“: Schon im Bus beginnt das Stück „Sam“. Die Schauspieler Jakob Plutte und Thomas Schneider, zwei freundliche Herren im hellen Sommeranzug, geleiten die Besucher zur Galerie des Künstlers Volker Johannes Trieb in Osnabrück-Sutthausen. Durch einen wie verwunschen daliegenden Skulpturengarten geleiten die beiden seltsamen Zeremonienmeister ihre Gäste zu einem dunklen Gebäude. Die Besucher werden hinein gebeten, dann schließen sich die Türen. „Sam“ entfaltet das Spiel um einen Künstler, der sich am 30. September 1978 für ein Jahr in einen Käfig begeben hat. Das Stück handelt von dem, was die Substanz eines Menschen ist, von einer Isolation, die immer Beobachter braucht, um wahrgenommen werden zu können.

„Du wurdest ausgewählt“: Was für ein Theatersatz in einem Kirchenraum, untermalt von grummelnden Orgelklängen! Paul Bullingers Vier-Personen-Stück mit Marie Bauer, Rosemarie Fischer, Marcus Hering und Thomas Kienast, entwickelt sich in der Osnabrücker Melanchthonkirche als Spiel aus beharrlichen Fragen und tastenden Antworten. Ein ganz in weiß gekleideter Mann befragt eine junge Frau nach ihrem Leben. Was als freundliche Zuwendung beginnt, verdichtet sich schnell zum beißenden Verhör. Wer ist dieser Mann - Seelsorger oder Sektenchef? Und was geschieht mit der jungen Frau, die zunächst wie spielerisch antwortet, um sich später immer mehr in die Enge getrieben zu fühlen? „Ein neues Stück“ handelt von einer Zuwendung, die zur Herrschaft wird. Und vom wunden Punkt eines jungen Lebens.

Route – 4- Gut Leye - Orange

„Somnio ergo sum“: Schein oder nicht Schein - das ist die Frage im Musiktheaterprojekt „Somnio ergo sum“ (Ich träume, also bin ich). Die tschechische Regisseurin Vendula Nováková und der multimediale kolumbianische Komponist Sergio Vásquez Carrillo haben das Stück auf Grundlage von Pedro Calderón de la Barcas „Das Leben ein Traum“ entwickelt. In an das barocke Drama angelehnten Bildern wird vom Jüngling Sigismund erzählt, der nur eine Illusion seines Vaters zu sein scheint. Neben Sopranistin Pia Salome Bohnert und Darsteller Günther Grollitsch sind vier als Gottwesen verkleidete Bläser des Osnabrücker Symphonieorchesters bei der Inszenierung in der Kaserne Eversburg dabei.

„Mensch Karnickel“: Der 13-jährige Clemens (Sandro Šutalo) hat Schreckliches hinter sich. Nachdem seine Mutter (Manja Haueis) ihn im Zweiten Weltkrieg landverschickt hat, geht er im heutigen Polen auf der Flucht verloren. Fünf Jahre lang hat er in einem Heim gelebt; fünf Jahre lang hat seine Mutter, die inzwischen neu verheiratet ist, ihn gesucht. Als Clemens tatsächlich vor ihrer Tür steht, traut der verstörte Junge sich nicht herein. Und sein neuer Bruder Timo will ihn auch gar nicht dahaben. Gibt es eine Lösung die beiden Jungen und die Mutter? Das Stück beruht auf Rudolf Herfurtners Roman „Mensch Karnickel“, der das Buch selbst für die Inszenierung auf dem Gut Leye (Regie: Constanze Burger) umgeschrieben hat.

„Bombsong“: Schon in der letzten Spielzeit war Thea Dorns „Bombsong“ im Emma-Theater zu sehen. Quasi als kleines Zwischenprogramm ist ein Stück-Ausschnitt auf dem Gelände der Kaserne Eversburg zu sehen. Maria Goldmann spielt eine junge Frau, die kämpfen will, aber nichts hat, wofür sie kämpfen kann. Aus Frust beschließt sie einen Terroranschlag - und fährt in der Inszenierung (Regie: Clemens Braun) auf dem Kasernengelände mit einem roten Bomben-Köfferchen im Auto davon. Wurde das Stück im Emma-Theater auf einer Treppenstiege gezeigt, hat Maria Goldmann in der leer stehenden Halle und dem Platz davor sehr viel Raum zum Austoben.

Route 5 - Innenstadt - Pink

„Die Phobiker“: Claire und Clemens bereiten den Junggesellenabschied vor, obwohl sich die Liebe längst verflüchtigt hat und die Hochzeit allenfalls noch aus Kalkül stattfindet.In der Wohnung der beiden treffen das Paar, die Eltern und Freunde der beiden zusammen – und damit kommt ein ganzes Handbuch an Neurosen und Phobien zusammen. Die werden alle schön gepflegt und ausgelebt, und das sehr wort- und temporeich. Ein brillantes Konversationsstück voller Witz.

„Die Götterdämmerung in Wien“: Kurz für Kriegsende planen die Nazis eine Produktion der „Götterdämmerung“: in verschiedenen Bunkern der zerstörten Stadt soll das wahnwitzige Projekt entstehen. Im Bunker an der Redlinger Straße dreht das Stück von Constantin von Castenstein diese Idee noch ein ganzes Stück weiter: Es behandelt Projekte, in denen Musik für Kriegszwecke instrumentalisiert wird, vom Ersten Weltkrieg über die Rosinenbomber des Kalten Kriegs bis hin zum Algerienkrieg Anfang der 60er Jahre und den Nordirland-Konflikt. In zwei Gruppen bewegt sich das Publikum durch die Räume des Bunkers - zur Musik von Michael Emanuel Bauer gibt es bedrückende Szenen,dokumentarische und sehr witzige. Was davon ist wahr? Egal - wenn so vieles so gut erfunden ist.


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