Umbenennung stößt auf Kritik Mieter vom Berliner Platz wollen nicht am Helmut-Kohl-Platz wohnen

Von Rainer Lahmann-Lammert

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Helmut-Kohl-Platz? "Nicht mit uns!", sagen Bewohner und Vermieter des grünen Hochhauses am Berliner Platz 1. Das haben sie auch der Stadt Osnabrück mitgeteilt. Foto: David EbenerHelmut-Kohl-Platz? "Nicht mit uns!", sagen Bewohner und Vermieter des grünen Hochhauses am Berliner Platz 1. Das haben sie auch der Stadt Osnabrück mitgeteilt. Foto: David Ebener

Osnabrück. Am Helmut-Kohl-Platz wollen sie nicht wohnen: Die Mieter vom Berliner Platz in Osnabrück wehren sich entschieden gegen die geplante Umbenennung. 21 von ihnen haben ihre ablehnende Haltung der Stadt mitgeteilt, ebenso ihr Vermieter Ulrich Grewe. Die übrigen sollen aber auch dagegen sein.

Postalisch ist nur ein Gebäude dem Berliner Platz zugeordnet, das grüne Hochhaus mit der Nummer 1. Schön sieht es nicht aus, aber das soll sich mit einer umfassenden Sanierung in den nächsten Jahren ändern. Der Umstand, dass „nur wenige Menschen dort wohnen“, war für den CDU-Fraktionsvorsitzenden Fritz Brickwedde ein entscheidendes Argument, den Berliner Platz für eine Umbenennung vorzuschlagen. Nach dem Tod des Altbundeskanzlers im Juni 2017 hatte er den Antrag gestellt, in Osnabrück eine Straße oder einen Platz nach Helmut Kohl zu benennen. Eine große Mehrheit im Rat schloss sich an, um den "Kanzler der Einheit" und den Europapolitiker zu ehren. 

Als "Kanzler der Einheit" wurde Helmut Kohl gefeiert, hier bei einem Wahlkampfauftritt 1990 in Erfurt. Foto: dpa

Bei Anwohnern sind Straßenumbenennungen generell unbeliebt, weil Briefköpfe und Stempel angepasst, Freunde und Lieferanten benachrichtigt oder Zeitschriftenabos umdisponiert werden müssen. Um den Betroffenen entgegenzukommen, bietet die Stadt an, amtliche Dokumente wie Personalausweise oder Führerscheine unentgeltlich zu ändern. Das haben die Leute vom Berliner Platz zwar gelesen, aber ihnen geht es weniger um die Formalitäten, als um den Namenspatron selbst. 

Kritik an Spendenaffäre

"Kohl passt hier einfach nicht hin", findet Anita Lhotta, die schon seit 42 Jahren im Haus lebt. Berliner Platz, das klinge nach Großstadt, und das werde dem Charakter des Viertels auch gerecht. Aber mit Kohl verbinde sie die Spendenaffäre. "Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden", stellt die resolute Mieterin klar.

Vor sechs Wochen haben alle Bewohner des grünen Hauses einen Brief bekommen, in dem die Stadt Osnabrück ihre Absicht kundtut, den Berliner Platz in Helmut-Kohl-Platz umzubenennen. Als Bundeskanzler habe Kohl die deutsche Wiedervereinigung entscheidend vorangetrieben und mitgestaltet, heißt es in dem Schreiben des Fachbereichs Geodaten und Verkehrsanlagen, auch an der Bildung der Europäischen Union und der Einführung des Euro habe er maßgeblichen Anteil gehabt. Das dunkle Kapitel wird nicht ausgespart: "Umstritten blieb er wegen seiner Parteispendenaffäre".

Die Wahlkämpfe führten den CDU-Politiker immer wieder nach Osnabrück. Hier beim Händeschütteln mit Fans im Februar 1994. Foto: Michael Hehmann

Es folgt eine staatstragendes Bewertung, aus der sich schließen lässt, dass die Stadt ihren Frieden mit dem Geziehenen sucht: "Aufgrund seiner bedeutenden Verdienste, insbesondere bei der deutschen Wiedervereinigung und in der Europapolitik, ist die Umbenennung eines bestehenden Platzes gerechtfertigt". Ein Satz, den Anita Lhotta so nicht stehen lassen möchte. Immer wieder ist die Frau aus dem 2. Stock die Treppen hinauf- und hinabgelaufen, um Mitstreiter zu finden.

"Wir, die Mieter vom Berliner Platz, sprechen uns gegen eine Umbenennung des Berliner Platzes in Helmut-Kohl-Platz aus", steht auf Seite 1 ihrer Petition. Alle angesprochenen Hausbewohner hätten sich ohne Umschweife eingetragen, sagt die Initiatorin der Protestnote. 21 Namen sind aufgereiht, mit Geschossangabe und Unterschrift. Nur zwei Mieter habe sie nicht rechtzeitig vor dem Abgabetermin angetroffen, sagt Anita Lhotta, aber die seien wohl auch gegen einen Helmut-Kohl-Platz.

Kohl und die Glasfaser

Die Gründe für die Ablehnung sind sehr unterschiedlich. Für Nico Packeiser (39), der seit fast elf Jahren im 4. Stock wohnt, zählen nicht so sehr politische Aspekte ("damit habe ich nichts am Hut"), sondern persönliche. Berliner Platz und Helmut Kohl – "das passt nicht", findet er, und den "Papierkram mit der Ummeldung" will er sich nicht antun.

Bernhard Luedtke aus dem 6. OG ist mit seinen 21 Jahren zu jung, um sich an die Kanzlerschaft des "schwarzen Riesen" zu erinnern. Aber der Student hat gehört, dass in der Ära Kohl der schon beschlossene Ausbau von Glasfasernetzen zugunsten von Kupferkabeln gestoppt wurde – mit dem Ergebnis, dass Deutschland heute weltweit zu den Schlusslichtern bei der Digitalisierung gehöre. Unsinnig findet er es generell, einen Platz "nach irgendwem zu benennen", nur weil der gestorben ist.

Ein Politiker mit Ecken und Kanten: Bundeskanzler Helmut Kohl 1995 bei einer Regierungserklärung im Bundestag. Foto: dpa

Die anderen Mieter haben ebenfalls ihre Gründe, am Berliner Platz festzuhalten, aber sie wollen sich damit nicht öffentlich exponieren. Aus den Gesprächen lässt sich jedoch ziemlich sicher schließen: Im grünen Hochhaus leben keine Fans des Altkanzlers, ganz im Gegenteil.

Alternative Wittekindplatz

Auch Vermieter Ulrich Grewe hat in einem Schreiben an die Stadt klar gestellt, dass er eine Namensänderung nicht befürwortet. Als Investor für den neu entstehenden Komplex setze er auf einen Namen, der nach Großstadt klinge. Beim Berliner Platz sei das der Fall, bei der geplanten Umbenennung nicht mehr, gibt Grewe zu bedenken. Er schlägt vor, dem verstorbenen Altkanzler das Straßenschild zu widmen, auf dem jetzt "Wittekindplatz" zu lesen ist. Der Sachsenherzog bleibe dennoch präsent, weil es dann ja immer noch die Wittekindstraße gebe.

Wie geht es jetzt weiter? Die Stadt hat die Unterschriften der Mieter inzwischen entgegengenommen. 21 von 25 gemeldeten Personen hätten sich gegen die Umbenennung ausgesprochen, berichtet Stadtsprecher Sven Jürgensen. Ihr Votum sei wichtig für den Entscheidungsprozess, aber nicht bindend, fügt er hinzu. Am 7. November will sich der Kulturausschuss mit der Frage beschäftigen, was künftig auf dem Straßenschild stehen wird, das etwas unscheinbar am Ampelmast auf der Mittelinsel befestigt ist.


Besondere Adresse: Nur ein Haus ist postalisch dem Berliner Platz zugeordnet, aber seine Bewohner sind gegen die Umbenennung in "Helmut-Kohl-Platz". Foto: David Ebener

Die endgültige Entscheidung ist dem Rat vorbehalten, der sich bislang mit großer Mehrheit für den CDU-Antrag ausgesprochen hat. Frühestens am 4. Dezember wird sich entscheiden, ob aus dem Berliner Platz der Helmut-Kohl-Platz wird. Ober ob die Mieter aus dem grünen Hochhaus ihre Adresse behalten dürfen.  





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