Enttäuschung über Hannover Warum brauchen die Theater die sechs Millionen?

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Osnabrück. Schwere Enttäuschung über die Landesregierung in Theater und Politik, aber auch angespanntes Hoffen auf Nachbesserung: Welcher Bedarf steckt eigentlich hinter den sechs Millionen Euro Zusatzförderung an die kommunalen Bühnen des Landes? Ein Gespräch mit Osnabrücks Intendant Ralf Waldschmidt.

„Im Osnabrücker Theater gärt es“, sagt Intendant Ralf Waldschmidt. Aber nicht nur dort: Die sechs anderen niedersächsischen Theater in kommunaler Trägerschaft, die Stadttheater Celle, Göttingen und Lüneburg, die Landesbühnen in Hildesheim und Wilhelmshaven sowie das Göttinger Symphonie Orchester, reagieren auch befremdet und alarmiert. Politiker auf städtischer und Landesebene äußern Enttäuschung und Unverständnis. Es geht um die sechs Millionen Euro Fördergelder, die laut Koalitionsvereinbarung von SPD und CDU den kommunalen Bühnen zugesagt wurden, um sie zu stärken. Nun kommen sie nicht mehr im aktuellen Haushaltsplan 2019 vor. „Wenn in den nächsten ein, zwei Wochen da nicht nachgebessert wird, sehen wir von der Zusatzförderung nichts“, sagt Waldschmidt im Gespräch. Deshalb sammelt das Osnabrücker Theater nach jeder Vorstellung Unterschriften, deshalb fährt es wie die anderen betroffenen Bühnen auch am Mittwoch, 24. Oktober Hannover zu einer „Parade“ vor den Landtag, um mit Unterschriften zu „ #rettedeintheater “ und der Petition auf Einhaltung der Zusage zu pochen.

Was enthält die Summe?

Wie kommt die Summe von sechs Millionen Euro Zusatzförderung zustande, die nun Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU) aus dem Haushaltsplan genommen haben soll? „Sie ging nicht nur als Forderung von den Theatern aus, sondern ist bei Treffen in verschiedenen Kreisen von Wissenschafts-und Kulturminister Björn Thümler in Aussicht gestellt worden“, erläutert Waldschmidt im Gespräch. Als Reaktion auf eine Deckungslücke bei den Tariferhöhungen, die seit 2012 vom Land nicht vollständig ausgeglichen wurden.

Der Ausgleich der Tariferhöhungen ist schon lange ein Dauerthema der kleineren Bühnen im Land, die anders als die Staatstheater alles andere als umfassend vom Land getragen werden. „Neu hinzu kommt als Belastung des Osnabrücker Theateretats die Anhebung der Mindestgagen für Künstler von monatlich 1850 Euro auf 2000 Euro, was eine Erhöhung auch der anderen Gagen im unteren Segment nach sich zieht“, erklärt der Osnabrücker Intendant. Nicht ausgeglichen wird die Miete von 200 000 Euro, die das Theater seit zwei Jahren an die Stadt zahlen muss.

Theater errechneten Mehrbedarf

Alle sieben Bühnen haben ihren jährlichen Mehrbedarf ausgerechnet, dem Land vorgelegt und sind allerdings auf insgesamt neun Millionen Euro gekommen. Für das Theater am Domhof wurde ein jährlicher Mehrbedarf von 2.550.000 Euro errechnet, der auch einen Ausgleich des eingefrorenen Landeszuschusses von 2005 bis 2011 und den Investitionsbedarf für 2019 einbezieht. Wie sich die sechs versprochenen Millionen auf die sieben Bühnen verteilen, so sie denn kommen, hängt von vielen individuellen Faktoren der jeweiligen Bühne ab, darunter ihre Rechtsform und der jeweilige Verteilungsschlüssels von Zuschüssen aus verschiedenen Töpfen. Für Osnabrück ist dann eine Summe von 1,3 Millionen Euro vorgesehen. Das ist über eine Million weniger als im errechneten Mehrbedarf.

„Wenn nun das Finanzministerium die Zusage Thümlers auf Null stellt, dann müssen wir an Personalabbau denken oder unsere Angebote zurückfahren“. Waldschmidt meint damit vor allem, was das Theater so ganz nebenbei an Jugendarbeit, gesellschaftlichen Extraformaten, Flüchtlingsintegration oder Schulkooperationen leiste – und momentan nicht mehr in der Lage sei, diesen Bedarf zu decken. Waren es zu Beginn seiner Intendanz schon 24 Theaterkooperationen mit Schulen, so sind es heute 44, für die die vier Theaterpädagogen nicht reichten. „Wir brauchen fünf oder sechs“. Zumal es eine Warteliste für Kooperationen aus dem Landkreis gebe. Ähnlich sieht es mit der Jugendarbeit im Amateurtheater aus: Anfragen kann nicht nachgekommen werden, es fehlen auch hier Probenräume – eine für alle Seiten frustrierende Situation, findet Waldschmidt. Ihn befremdet der Rückzieher aus Hannover auch deshalb, weil Niedersachsen im Ländervergleich an drittletzter Stelle in der kulturellen Pro-Kopf-Förderung liege. Andere Bundesländer hätten längst die gesellschaftlichen Aufgabe von Theatern begriffen und Etats nachgebessert.

Enttäuschung bei Grünen und SPD

Die Osnabrücker Grünen zeigen sich schwer enttäuscht vom Kulturhaushalt der Landesregierung. Dass trotz Rekordmehreinnahmen von 1,8 Milliarden Euro bis 2022 notwendige Investitionen in die Kultur ausbleiben sollen, sei ein Skandal, schreiben Fraktionsvorsitzender Volker Bajus und der kulturpolitische Sprecher Sebastian Bracke in einer Pressemitteilung. „Jetzt lässt die Große Koalition vor allem Theater und Kommunen im Regen stehen. Im Wahlkampf wurde noch das Gegenteil versprochen. So viel kulturpolitische Ignoranz macht uns fassungslos“.

Nicht weniger deutlich formulieren es die SPD-Fraktionsvorsitzende Frank Henning (MdL) und der kulturpolitische Sprecher der Osnabrücker SPD-Ratsfraktion Heiko Schlatermund. Als „katastrophale Fehleinschätzung“ und „Schlag ins Genick des Theaters“ bezeichnen sie in einer Pressemitteilung die Entscheidung in Hannover.

Hoffnung auf Nachbesserung

Burkhard Jasper, CDU-Landtagsabgeordneter, sagt auf Anfrage für die CDU der Stadt und die Ratsfraktion: „Wir haben uns dafür eingesetzt bei den Koalitionsverhandlungen, dass etwas geschieht zugunsten der kommunalen Theater. Wir stehen nach wie vor voll dahinter und setzen uns jetzt weiter vehement dafür ein, dass im Haushaltentwurf eine Verbesserung erreicht wird.“

Es bleibt also spannend in den nächsten Tagen und Wochen, was die Regierungsfraktionen in Hannover zugunsten der kommunalen Theater bewirken können.


Ab sofort können sich Zuschauerinnen und Zuschauer, die zur Parade am 24. Oktober in Hannover mitfahren wollen, unter der Mailadresse rettedeintheater@theater-osnabrueck.de beim Theater Osnabrück melden. Das Theater nimmt dann Kontakt mit den Interessenten auf und teilt weitere Einzelheiten mit.

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