Auch Chance für Kinder aus Osnabrück So lebt es sich im Internat auf Spiekeroog

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Unterricht auf dem Großsegler. Sieben Monate dauert der Törn, den Hermann-Lietz-Schüler in der 10. Klasse absolvieren können. Foto: Hermann-Lietz-SchuleUnterricht auf dem Großsegler. Sieben Monate dauert der Törn, den Hermann-Lietz-Schüler in der 10. Klasse absolvieren können. Foto: Hermann-Lietz-Schule

Spiekeroog/Osnabrück. Man muss schon ganz tief in sich reinfühlen, um klar zu bekommen, ob man tatsächlich auf einer Insel wie Spiekeroog seine Schulzeit verbringen möchte. Das Eiland im ostfriesischen Wattenmeer hat eigentlich nichts zu bieten, was einem Jugendlichen Begeisterungsstürme entlocken würde. Könnte man meinen – ist aber nicht so. Denn Spiekeroog hat ein Internat, eine ganz eigene Welt für Kinder und Jugendliche, die so auf dem Festland schlicht nirgendwo zu finden ist.

Wer den Begriff „Internat“ hört, denkt an Elite, Geld und Adel. Falsch. Um all das geht es in der Herman-Lietz-Schule nicht. Zumindest nicht primär. Natürlich gibt es den Internatsbesuch nicht umsonst. So in etwa 2700 Euro im Monat sind da schon fällig. Aber es gibt auch unter Umständen Hilfe durch die Jugendämter oder Stipendien der schuleigenen Stiftung, mittels derer der Aufenthalt auf dem Eiland vor der ostfriesischen Küste möglich wird. Bei im Schnitt etwa 20 Prozent der Schüler kommen nicht die Eltern für die Kosten auf. „Wer sich für ein Stipendium bewirbt, sollte schon gute Noten haben“, sagt Schulleiter Florian Fock in seinem Büro im Obergeschoss des Backsteinbaus am Ostende der Insel.

Florian Fock ist Leiter der Hermann-Lietz-Schule auf Spiekeroog. Foto: Dietmar Kröger

Die Osnabrücker Friedel & Gisela Bohnenkamp-Stiftung will sich nun mit 100.000 Euro in das Stipendiengeschehen einbringen. „Wir möchten Kindern und Jugendlichen aus der Stadt und dem Landkreis Osnabrück, deren schulische Leistungen den Besuch eines Gymnasiums zulassen, die aber in einem schwierigen Umfeld leben, dass einen solchen Besuch unmöglich macht, die Chance geben, die Hermann-Lietz-Schule zu besuchen“, begründet Kuratoriumsvorsitzender Franz-Josef Hillebrandt das Engagement. Die Osnabrücker Stiftung hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 2008 als Bildungsstiftung einen Namen gemacht und zahlreiche Projekte in der Region Osnabrück gefördert. „Primäre Aufgabe der Stiftung soll es sein, das Potenzial von Kindern und Jugendlichen, vorzugsweise in der Osnabrücker Region, zu stärken und Ihnen durch die Verbesserung von Bildungschancen eine – so hoffe ich – bessere Zukunft zu ermöglichen“, formuliert Gründerin Gisela Bohnenkamp das Ansinnen ihrer Stiftung.

Die Hermann-Lietz-Schule auf Spiekeroog. Foto: Dietmar Kröger

In der Hermann-Lietz-Schule sehen die Osnabrücker nach den Worten Hillebrandts eine überzeugende Form reformpädagogischer Arbeit, die den Stiftungsgedanken trägt und so Kindern und Jugendlichen aus der Region Osnabrück Chancen eröffnet, die sie anderenfalls wohl kaum hätten.

Das Internat liegt direkt hinter dem Deich. Mit ihrer Deichbaugilde sorgen die Schüler dafür, dass das Bollwerk gegen die stürmischen Nordsee für den nächsten Sturm fit bleibt. Foto: Hermann-Lietz-Schule

Schulleiter Fock freut sich über das Osnabrücker Engagement. Er hat gute Erinnerungen an die Stadt an der Hase. Immerhin hat er hier gelebt und für kurze Zeit sogar mal mit ein paar Freunden die Gaststätte Knollmeyers Mühle im Nettetal betrieben. Ein Intermezzo, dass den Schulleiter lächeln lässt, bevor er sich wieder – nachdem er noch kurz mit einem Schüler gesprochen hat – dem Leben an seiner Schule zuwendet. Stichwort Pädagogik: Fock langweilt nicht mit Theorie, sondern erzählt viel lieber aus dem Alltag. Von den Gilden wie der Bootsbaugilde, der Gartengilde oder der Deichbaugilde, in denen die Schüler außerhalb der Schule arbeiten und vor allem auch lernen, Verantwortung zu übernehmen. Er erzählt von den „Familien“, den Gruppen in denen jeweils ein oder zwei Lehrer und fünf bis sieben Schüler aus verschiedenen Jahrgängen zusammengefasst sind. Lehrer und Schüler wohnen getrennt, verbringen aber vor allem die Mahlzeiten miteinander, machen gemeinsame Reisen und sind so während der Internatsphasen für die Kinder Ersatz für die eigentliche Familie daheim. Natürlich sei der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern aber auch zu den Eltern sehr eng, sagt Fock. Das muss man mögen. „Potenzielle neue Kollegen sehen sich unsere Schule an und entscheiden dann“, sagt Fock. Ein „Mal-Sehen“ gibt es nicht. „Wer hier arbeitet, der steht voll und ganz hinter unserem Konzept.“

Was ist zu tun? Lehrerin Katharina Bachmann (l.) leitet die Schüler in der Gartengilde an. Foto: Dietmar Kröger

Ein Lehrerdasein mit Haut und Haaren also? Wie zum Beweis steht schon wieder jemand in der geöffneten Tür, entschuldigt sich für die Störung und richtet das Wort an Fock. Diesmal ist es ein ehemaliger Schüler, der einfach nur mal kurz „Guten Tag“ sagen will, natürlich mit dem hier üblichen „Moin“ und mit „Du“, denn an der Schule gibt es kein „Sie“ im Kontakt zwischen Lehrern und Schülern. Er ist zur 90-Jahr-Feier angereist und fragt kurz, wo er denn bei den Vorbereitungen noch mit anfassen kann.

Die Bootsgilde ist bei den Schülern sehr beliebt. Foto: Hermann-Lietz-Schule

Draußen wölbt sich ein strahlend blauer Himmel über grünen Wiesen, Dünen, Strand und Meer. Ideale Bedingungen also, das Areal der Schule zu erkunden. Fock kommt locker daher, die langen Haare zum Zopf gebunden, macht er – wie auch seine Kollegen – einen tiefenentspannten Eindruck. Kultusministerium und Landesschulbehörde und mit ihnen die manchesmal unsägliche Bildungsbürokratie sind weit weg, jenseits des Wattenmeeres. Fock grinst. Ja, er und seine Kollegen seien sicherlich in vielen Punkten nicht den Zwängen der Festlandschulen unterworfen. Gleichwohl sei die Hermann-Lietz-Schule ein Gymnasium und als solches an die gleichen Bedingungen und curricularen Anforderungen gebunden wie jedes andere niedersächsische Gymnasium auch.

Gechenkt gibt es das Abi nicht

„Wer zu uns kommen will, muss das auch wollen“, sagt Fock. Geschenkt gibt es auch auf dem kleinen autofreien Eiland nichts, auf dem man noch nicht mal ein Fahrrad mieten kann, weil es der Spiekerooger gerne ganz ruhig und stressfrei hat. Und selbst, wenn Segeln als Schulfach auf dem Lehrplan steht, mit dem Motto „chillig bis zum Abi, Papis Geld wird´s schon richten“ schafft auch auf Spiekeroog keiner die allgemeine Hochschulreife.

Lernen in kleinen Gruppen ist einer der Garanten für den schulischen Erfolg der Lietz-Schüler. Foto: Dietmar Kröger

Allerdings – und davor darf man die Augen nicht verschließen – machen kleine Lerngruppen, die intensive Betreuung und der ständige Austausch zwischen Schülern und Lehrern das Lernen und damit das Erreichen einen höherwertigen Qualifikation einfacher. Es ist das Lernumfeld, dass den Lernerfolg ausmacht. Und das lässt sich nun mal mit einer besseren, weil privat finanzierten, monetären Ausstattung angenehmer gestalten als in staatlichen Schulen, die um jeden Cent betteln müssen.

Entspannung vor dem Arbeitseinsatz. Conny und Felix bei der Praktischen Arbeit, die alle 14 Tage die gesamte Schulgemeinschaft gemeinsam verrichtet. Foto: Dietmar Kröger

Conny (15) hat ihr Schulleben an einer solchen staatlichen Schule begonnen, kennt also die weit verbreiteten Defizite und deren Auswirkungen auf den Lernerfolg. Jetzt ist sie als Stipendiatin auf Spiekeroog. „An meiner alten Schule waren alle so unmotiviert“, sagt sie und schiebt beim großen Putztag ihren Kumpel Felix in einer Schubkarre über das Schulgelände. Felix (14) ist Insulaner. Für ihn ist die Hermann-Lietz-Schule ein Glücksfall. So kann er – anders als die Jugendlichen auf den Nachbarinseln – bis zum Abi zu Hause wohnen. Gäbe es die Lietz nicht, müsste er ins Internat in Esens auf dem Festland.

Große Nähe zu den Schülern

Heimweh? Ja, klar. Das gibt es auch. Julia ist nicht frei davon, das gibt sie unumwunden zu. „Trotzdem bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie mir das hier ermöglichen“, sagt sie. „Hier kann man einfach besser lernen“, sprichts und wendet sich wieder der Gartenarbeit unter Anleitung von Katharina Bachmann zu. Die Lehrerin schwingt nicht nur an der Tafel die Kreide, sondern im schuleigenen Garten auch gerne mal die Hacke. Bachmann unterrichtet Spanisch und Englisch. Für sie ist die Nähe zu den Schülern eine „Herausforderung“ aber gleichzeitig auch ein Plus, weil sie die Kinder so auch in einem ganz anderen Kontext als dem schulischen kennenlernt.

Was die schulischen Herausforderungen angeht, kann die Lietz-Schule auch noch eins draufsetzen – mit der jährlichen High Seas High School. Dann geht es mit einem traditionellen Großsegler als segelndem Klassenzimmer quer über den Atlantik bis nach Mittelamerika. 30 Schüler (nicht nur Lietz-Schüler) können ihren Bildungshorizont auf dieser Tour erweitern. Und genau das will die Lietz-Schule.


Die Hermann-Lietz-Schule

Das Vorbild für sein eigenes Schulkonzept fand Hermann Lietz (1868- 1919) 1896/97 in England, in der von Cecil Reddie 1889 gegründeten New School Abbotsholme. 1898 eröffnete Lietz das erste „Deutsche Landerziehungsheim“ in Ilsenburg im Harz. Weitere Gründungen folgten: Haubinda 1901, Bieberstein 1904, Veckenstedt 1914. Sein Ziel war es, Heranwachsende geschützt vor den negativen Einflüssen der Stadt, geborgen in familienähnlichen Strukturen und im Sinne Pestalozzis mit „Kopf, Herz und Hand“ zu erziehen. Die stark nationalistisch geprägte Einstellung von Hermann Lietz und sein problematisches Verständnis vom Begriff der menschlichen Rassen ist auch ein Teil seiner Persönlichkeit gewesen. In allen vier Hermann Lietz-Schulen gilt heutzutage: Es kommt auf jeden an! Das friedliche Zusammenleben aller Weltbürger und globale Gerechtigkeit gehören zu unseren zentralen Wertvorstellungen. Der ehemaligen Mitarbeiter von Hermann Lietz Alfred Andreesen gründete 1928 das Landerziehungsheim Spiekeroog als Oberstufenheim. Die exponierte Lage mitten im Meer erforderte nicht zuletzt beim Deichbau einen besonderen Einsatz von Mitarbeitern und Schülern. Finanziell unterstützt wurde die Schulgründung durch den rheinischen Textil-Industriellen Heinrich Pferdmenges.

1983 wurde die Hermann Lietz-Schule Spiekeroog durch die Stiftung „Deutsche Landerziehungsheime Hermann-Lietz-Schule“ geschlossen. 1984 folgte die Neugründung in Form einer gemeinnützigen GmbH als Trägerin der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog durch eine gemeinsame Initiative von Mitarbeitern, Eltern und ehemaligen Schülern. Durch Initiative der Heinrich Pferdmenges Stiftung wurde eine eigene Stipendienstiftung gegründet. Ziel ist es, diese durch Sponsoren auszubauen, die der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog verbunden sind. Vorstandsvorsitzender der Stiftung ist Florian Fock.

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