„Teurer Schildbürgerstreich“ Als in Osnabrück die Panzerstraßen gebaut wurden

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Bau der Betonstraße zwischen Haste und der Limberg-Kaserne, der späteren Vehrter Landstraße, als neue Panzerstraße, um 1956. Das Foto eines ungenannten Fotografen hat uns Leserin Inge Fellmann zur Verfügung gestellt. Ihr Vater Ernst Conzen arbeitete in der Kolonne.Bau der Betonstraße zwischen Haste und der Limberg-Kaserne, der späteren Vehrter Landstraße, als neue Panzerstraße, um 1956. Das Foto eines ungenannten Fotografen hat uns Leserin Inge Fellmann zur Verfügung gestellt. Ihr Vater Ernst Conzen arbeitete in der Kolonne.

Osnabrück. Die Deutschen durften sie bauen, aber die Briten haben dafür bezahlt: die Panzerstraßen im Norden Osnabrücks. Eine davon, der heutige Power Weg vom Limberg nach Vehrte, erwies sich als teurer Schlag ins Wasser – oder, besser gesagt, in den Sumpf.

Panzerstraßen werden für gepanzerte Kettenfahrzeuge dort angelegt, wo diese häufig zwischen ihrer Kaserne und dem Standortübungsplatz verkehren müssen. Auch wenn die Ketten durch Gummistollen etwas straßenfreundlicher ausgerüstet sind, halten Asphaltstraßen einem 50 Tonnen schweren Kampfpanzer nicht lange stand.

Panzerstraßen sind in der Regel aus Beton. Die Fugen zwischen den Betonsegmenten werden mit einer dauerelastischen Masse ausgegossen. Die soll Spannungsrisse vermeiden helfen, indem sie Größenveränderungen durch Temperaturwechsel ausgleicht. Nachteil dieser Fugen ist, dass sie deutlich hörbare „Kla-bumm“-Geräusche entwickeln, wenn normale, gummibereifte Fahrzeuge darüberrollen. Anlieger der Vehrter Landstraße und der benachbarten Wohnstraßen wissen ein Lied davon zu singen.

Bau der britischen Mercer/Imphal Barracks

Das größte zusammenhängende Kasernengelände in Osnabrück, auf dem sich die britische Besatzungsmacht nach 1945 einrichtete, war mit 70 Hektar das am Limberg in der Dodesheide. Vor dem Zusammenbruch hatte hier die Teuto-Metallwerke GmbH Munition hergestellt.

Die Briten ließen die Fertigungsgebäude abreißen und errichteten 1951/52 eine Doppelkasernenanlage: im Süden die Imphal Barracks und nördlich davon die Mercer Barracks. In den Imphal Barracks waren ab 1952 die „3rd Carabiniers (Prince of Wales’s Dragoon Guards)“ stationiert. Dieser Traditionsname führt allerdings in die Irre: Die Soldaten dieser Einheit liefen nicht etwa mit Karabinern durch die Heide, sondern saßen in schweren Centurion-Panzern.

Protest vorsichtig, aber erfolgreich

Panzer müssen ihre Einsatztaktik im Gelände üben. Dafür hatten die Briten zunächst ein Auge auf 700 Hektar zwischen Rulle, Icker und Powe geworfen, also quasi direkt vor der Haustür der Limberg-Kaserne. 90 bis 100 teils alteingesessene Bauernhöfe hätten umgesiedelt werden müssen, gute Böden wären verloren gegangen, Kulturgüter wie die Wittekindsburg wären nicht mehr erreichbar gewesen. Kein Wunder, dass eine Protestwelle aufbrandete. Wobei man sich Protest nicht so vorstellen darf wie heutzutage im Hambacher Forst. Er wurde eher dezent von den deutschen Behörden bei Beratungen mit den Briten vorgetragen. Souverän war schließlich die Besatzungsmacht, nicht etwa das deutsche Volk. Aber die Zeitungen kritisierten die Ursprungspläne deutlich.

Die Rheinarmee lenkte im August 1951 ein und beschlagnahmte stattdessen ein weiter nördlich gelegenes Gebiet zwischen Icker Egge und Venner Egge, nordwestlich des heutigen Belmer Ortsteils Vehrte. Hier waren nur neun Höfe und weniger wertvolles Kulturland betroffen, eher Sumpf und Wald. Für den dadurch nun längeren Anmarschweg begann man mit dem Bau einer Panzerstraße, sechs Kilometer lang und identisch mit dem heutigen Power Weg.

(Weiterlesen: Zehn Jahre nach dem Abzug: Was von den Briten in Osnabrück übrig blieb)

Panzer fuhren sich fest

Im Januar 1952 kam das Gerücht auf, dass das vorgesehene Truppenübungsgelände gar nicht für die Befahrung mit Panzern geeignet sei. Belms Gemeindearchivar Ulrich Brinkmann hat entsprechende Zeitungsausschnitte gesammelt und weiß auch noch aus frühen Erzählungen: „Die Engländer haben nur einmal probeweise Panzer in das Vehrter Bruch gebracht und dann bald gemerkt: Das wird nichts“, sagt er. Die schweren Kettenfahrzeuge hätten sich in den weichen Boden eingegraben und wären mit eigener Kraft nicht wieder herausgekommen. Pioniereinheiten mit Bergepanzern und langen Stahltrossen hätten sie herausziehen müssen.

Die Zeitungen schrieben unter Titeln wie „Mußte das sein?“ von „unverantwortlicher Fehlplanung“ und „Schildbürgerstreich“, Tausende von Bäumen seien für den Bau der Panzerstraße gefällt worden, und nun habe „der Brite“ das Straßenbauprojekt gestoppt.

Ihrem ursprünglichen Zweck diente die Straße fast nie

Aber wie das so ist bei Militärs: Die einmal bewilligten Gelder müssen auch verbaut werden, und mit dem Eingeständnis einer Fehlplanung tut man sich schwer. So wurde die Panzerstraße im Laufe des Jahres 1952 tatsächlich fertiggestellt. Sie war zunächst eine reine Militärstraße. Zivilpersonen bekamen eine Sondergenehmigung zur Nutzung, wenn sie Anlieger waren. Einige Male schickte man Infanterieeinheiten über die schicke neue Straße ins Manöver. Auch die Bundeswehr freute sich in den 1960er-Jahren über eine gute Zufahrt zu dem Schießstand, den sie ins Vehrter Bruch baute. Der Schießstand ist übrigens schon lange demilitarisiert und wird heute vom Landschaftsbaubaubetrieb Dukat genutzt.

Das Problem mit dem Übungsgelände für Panzer war damit aber noch nicht gelöst. Die Rheinarmee fällte die Entscheidung, ersatzweise im Haler Feld südlich des Fliegerhorstes Achmer eine 1000 Hektar große Fläche zu beschlagnahmen. Damit die Panzer vom Limberg sie erreichen konnten, musste eine neue Panzerstraße gebaut werden.

„Roberts Barracks“ eingebunden

Zwei Trassenvarianten verfolgten eine direktere Linie südlich am Piesberg vorbei auf Pye zu. Zur Ausführung kam aber eine dritte, die zwar länger war, aber den Vorteil hatte, überwiegend bestehende Wirtschaftswege nutzen zu können und gleichzeitig auch bei den „Roberts Barracks“ in der ehemaligen Winkelhausen-Kaserne vorbeizuführen. So entstanden die bis heute im Volksmund als Panzerstraße bezeichnete Vehrter Landstraße und ihre Fortsetzung nach Norden im Zuge des Fürstenauer Weges.

Auf dem letzten Kilometer vor der Haster Mühle, ab der Straße Vogelsang, nahm die Vehrter Landstraße die Trasse der Siedlungsstraße An de Brehen auf. Für die Verkehrsplaner der Stadt war es eine glückliche Lösung, die Panzerstraße kurz vor der Haster Mühle nach Norden über die Nette verschwenken zu können, um dadurch eine direkte Durchfahrt auf die Römereschstraße zu ermöglichen. Noch bis 1956 endete die Römereschstraße stumpf in der Bramscher Straße. Das abgehängte Endstück der Straße An de Brehen ist 140 Meter lang, versorgt sieben Grundstücke mit Zufahrten und stößt auf die Bramscher Straße.

Panzer landen im Vorgarten

Der Norden Osnabrücks war ab 1957 gut mit Panzerstraßen versorgt, wobei der rege Panzerverkehr unter den Anwohnern in der Dodesheide, in Haste, Pye und Hollage oft für Unmut sorgte. Dass Panzer nach Fahrfehlern mal in Vorgärten landeten, war das eine. Regelmäßig aber sorgte der Lärm für Beschwerden.

Die Panzerstraße und ihre lärmenden Fugen, hier vor dem Nettebad, sind ein Dauer-Beschwerdethema in den Bürgerforen. Foto: Archiv/Jörn Martens

Besserung versprach der Bau einer Verladerampe auf dem Gebiet der Roberts Barracks 1985. Wer gehofft hatte, dass damit die Panzerfahrten auf eigener Kette nach Achmer entfallen würden, sah sich allerdings getäuscht. Die Bahnverladung war nur für längere Strecken etwa ins Sennelager oder nach Bergen-Hohne gedacht. Diese Transporte waren notwendig, wenn eine ganze Brigade üben sollte. Dafür war das standortnahe Übungsgelände Achmer zu klein.


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