Dortmunder stellen Produktion ein Das Osnabrücker Bier wird nicht mehr gebraut

Von Rainer Lahmann-Lammert

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Der letzte Schluck: Osnabrücker Pils wird nur noch in der Lagerhalle und im "Grünen Jäger" ausgeschenkt. Ende des Jahres werden die Vorräte vebraucht sein. Foto: David EbenerDer letzte Schluck: Osnabrücker Pils wird nur noch in der Lagerhalle und im "Grünen Jäger" ausgeschenkt. Ende des Jahres werden die Vorräte vebraucht sein. Foto: David Ebener

Osnabrück. Zuletzt war es nur noch eine Marke, doch die verschwindet jetzt von der Bildfläche: Das Osnabrücker Bier wird nicht mehr gebraut. Bis zum Jahresende sollen die letzten Hektoliter verbraucht sein. Nur in wenigen Gaststätten wird das Pils mit Lokalkolorit noch gezapft.

Die Radeberger Gruppe hat es bestätigt: "Wir bieten Osnabrücker Bergquell Pils ab Januar 2019 nicht mehr an", schreibt Uwe Helmich, Sprecher der Dortmunder Brauereien, auf Anfrage unserer Redaktion. Nur noch in "einigen wenigen Osnabrücker Gastronomien" sei das Bier vertreten. Mit den Inhabern würden "konstruktive Gespräche" geführt, um auf einen "Ersatz aus unserem Portfolio" zu wechseln.

Das Dortmunder Erzeugnis mit dem Osnabrücker Logo ließ sich offenbar immer schlechter absetzen. Maßgeblich für die Aufgabe der Marke sei die Marktentwicklung gewesen, vermerkt Helmich, und beteuert, dass den Verantwortlichen die Entscheidung nicht leicht gefallen sei. 

Das Bier für Lokalpatrioten

Wenn jetzt vom Ende der Osnabrücker Brautradition gesprochen wird, erheben Kenner Widerspruch und weisen darauf hin, dass die "tiefen Quellen des Westerberges" bereits 1987 aufgegeben wurden. Seit das Bier aus Dortmund kommt, haftet ihm der Ruf an, dass es vor allem aus lokalpatriotischer Verantwortung getrunken werde. 

Bis 1987 wurde noch in Osnabrück gebraut. Das Sudhaus wurde 1991 abgerissen. Heute steht auf dem Gelände das Diakonie-Wohnstift. Foto: Elvira Parton

Fragen nach dem Geschmack mögen nicht einmal Wirte eindeutig beantworten. Mit dem Standardsatz "Milder als das Jever" ziehen sie sich aus der Affäre. Oder sie sagen gar nichts wie Pascal Rupp, der Inhaber der Traditionsgaststätte "Grüner Jäger", der von sich behauptet, dass er in seinen 49 Lebensjahren noch nie einen Schluck Bier getrunken habe. (Weiterlesen: Georg Lechner – Der Mann, der im Biermuseum lebt und im Fass schläft)

Seine Gäste sind da weniger abstinent. Im "Jäger" gibt es zwar auch Jever vom Fass und Pilsener Urquell aus der Flasche, "aber das Osnabrücker Pils läuft um Längen besser", bekennt Rupp. Ohne Not würde er nicht wechseln, aber die Brauerei will ihn nicht mehr mit der Hausmarke beliefern. Irgendwann im November werden wohl die letzten Restbestände aufgebraucht sein, und nun hat der Kneipier die Qual der Wahl. Wahrscheinlich wird er auf Brinkhoffs No. 1 umsatteln, die erste Empfehlung der Radeberger Gruppe, an die sein Lokal gebunden ist.

Lagerhalle stellt um

Auch in der Lagerhalle ist das Osnabrücker Pils die Standardmarke, und der Umsatz lässt keineswegs zu wünschen übrig. "An uns liegt's nicht", sagt Geschäftsführer Klaus Thorwesten mit Blick auf das nahende Ende, "wir stehen zu Osnabrück". Aber gegen die Konzernentscheidung aus Dortmund sei nichts zu machen. Ein paar Wochen noch, dann wird auch die Lagerhalle umstellen auf Nummer Brinkhoff.

Dass es eine kleine Marke wie das Osnabrücker Pils schwer hat auf dem heiß umkämpften Markt, ist für Thorwesten vor allem die Folge eines Konzentrationsprozesses. Überall werde zentralisiert und mit der Fernsehwerbung am Image gefeilt. Die weniger prominenten Namen könnten im Konzert der Großen nicht mithalten. (Weiterlesen: Die drei Damen vom Bier - Detmolder Privatbrauerei fest in weiblicher Hand)

Im "Holling" an der Hasestraße hat das Osnabrücker Bier schon ausgedient. Inhaber Heiner Hummen ist ebenfalls auf Brinkhoffs No. 1 umgestiegen. Auch er zeigt sich "nicht glücklich über die Entscheidung" aus Dortmund. Nach seiner Beobachtung waren es oft auswärtige Besucher, die sich für das Pils mit dem Rathaus im Logo entschieden – "weil die glaubten, das kommt hierher", wie er anmerkt.

Dortmund? Zum Lachen!

Für Bit hat sich dagegen Hans-Günter Schrage entschieden, der Inhaber der "Grünen Gans". Einige seiner Stammgäste bedauerten das, räumt er ein, aber im Grunde seien sich die angesagten Biere doch immer ähnlicher geworden. Und wenn jemand behaupte, das Osnabrücker Pils aus Dortmund mache da einen Unterschied, "dann bezweifel ich das sowieso".

Der Argwohn gegenüber der Brauerei zeigt sich auch bei anderer Gelegenheit. Kati Laufer, die als Aushilfe in der "Zwiebel" Bier ausschenkt, wird manchmal von auswärtigen Gästen gefragt, wo denn das Osnabrücker Pils gebraut werde. "Wenn ich dann Dortmund sage, gibt es Lacher!", erzählt sie belustigt. Geht es aber um den Geschmack, dann zeigt sie sich pragmatisch: Das Osnabrücker Bier lasse sich gut mischen sagt sie, und auch Frauen könnten es gut trinken, denn – und nun folgt ein zweifelhaftes, aber ernst gemeintes Kompliment: "Es schmeckt nicht so nach Bier!" Noch hat es die "Zwiebel" im Ausschank, aber in wenigen Wochen steht der Wechsel an.

Aus den tiefen Quellen des Westerberges: Die Osnabrücker Actien-Bierbrauerei ist schon lange Geschichte, das Osnabrücker Pils bald auch. Foto: Archiv

Einer, der sich gar nicht mit dem Aus der lokalen Marke anfreunden will, ist Alt-Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip. "Vom Marketing ist das nicht die richtige Entscheidung", lautet sein Kommentar, am grünen Tisch hätten sich Leute durchgesetzt, die für Tradition und Erinnerungswert keinen Blick hätten.

Als die Brauerei während seiner Amtszeit schon einmal wenig Neigung erkennen ließ, die Osnabrücker Biertradition fortzusetzen, schaltete sich der OB in Dortmund ein. Mit dem Ergebnis, dass fortan das Logo mit dem Osnabrücker Rathaus die Gläser zieren durfte. Dabei geht es Fip nicht so sehr um den Geschmack. Als Patriot legt er Wert darauf, dass ein typisches Merkmal für die Region erhalten bleibt.

Osnabrücker nicht  markentreu

Beim Blick zurück zeigt sich allerdings, dass die wenig ausgeprägte Markentreue der Osnabrücker Biertrinker maßgeblich zum Niedergang dieses Symbols geführt haben dürfte. Als sich 1983 der Himmel über dem Westerberg zu verdüstern begann und die Osnabrücker Aktien-Bierbrauerei (OAB) der Dortmunder Brauerei einverleibt wurde, drückte es OAB-Vorstand Hans-Dieter Mühl so aus: Der Erhalt der Braustätte hänge letztlich davon ab, "in welchem Umfang die Osnabrücker das heimische Bier weiter annehmen werden".

Ein Gewerbebetrieb auf dem Westerberg – das gab es bis zu Beginn der 90er Jahre. Das Archivbild entstand 1983 an der Brauerei. Foto: Klaus Lindemann

Eine Warnung, auf die kaum jemand hörte. Vier Jahre später ging die Produktion nach Dortmund, und in der Begründung hieß es, am Standort Osnabrück koste die Herstellung 17 DM pro Hektoliter, in Dortmund nur 9 DM. Zuletzt hatte die OAB in Osnabrück 100.000 Hektoliter pro Jahr gebraut. Diese Menge muss über die Jahrzehnte weiter geschrumpft sein. Schon lange wird das Osnabrücker Pils nicht mehr in Flaschen abgefüllt, sondern ausschließlich an die Gastronomie abgegeben. (Weiterlesen: Privatbrauerei Barre: Familienbrauerei zwischen Großkonzernen und Craft-Bier)

Der Name ist futsch

Absatz- oder Umsatzzahlen zu einzelnen Marken sind von der Radeberger Gruppe nicht zu erfahren – "so auch nicht für Osnabrücker Bergquell Pils", wie es Pressesprecher Uwe Helmich formuliert. Bergquell Pils oder Bergquell Pilsener? Der Name weckt Erinnerungen an alte OAB-Zeiten. Aber inzwischen wird er schon anderweitig verwendet: "Bergquell Pilsner" – ohne das mittlere e – ist eine Marke der Bergquell Brauerei Löbau in Sachsen.


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