Osnabrücker Friedensgespräche Festvortrag zum Tag der Deutschen Einheit

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Osnabrücker Friedensgespräche: Den Festvortrag im Rathaus hielt der Philologe Prof. Heinz Wismann. Foto: Philipp HülsmannOsnabrücker Friedensgespräche: Den Festvortrag im Rathaus hielt der Philologe Prof. Heinz Wismann. Foto: Philipp Hülsmann

Osnabrück. Bei den Osnabrücker Friedensgesprächen hielt der Philosoph und Philologe Heinz Wismann einen Festvortrag zum Tag der deutschen Einheit im Osnabrücker Ratssitzungssaal.

28 Jahre nach der Wiedervereinigung rückte Wismann die Frage der französischen Wahrnehmung Deutschlands in den Mittelpunkt. Der Professor an der Universität Sorbonne in Paris gab einen Einblick in drei Perspektiven auf Deutschland, die in Frankreich zu unterschiedlichen Phasen der Geschichte und Gegenwart vorherrschten. 

Blick in die Vergangenheit

Wismann ging zunächst auf die römische Eroberung des alten Griechenlands ein. Diese sei vorbestimmt gewesen, eine Art schicksalhafte Fügung. In ähnlicher Weise hätte Frankreich nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648, über das entscheidend im Osnabrücker Rathaus des Westfälischen Friedens verhandelt worden war, geglaubt, dafür bestimmt zu sein, das zerstückelte Heilige Römische Reich zu besetzen.

Während der napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts wurde dies in der „Franzosenzeit" Realität, als große linksrheinische und nordwestdeutsche Gebiete vom Kaiserreich annektiert worden waren und der Rheinbund unter französischer Kontrolle stand, was das Ende des Heiligen Römischen Reiches bedeutet hatte. Die anschließenden Befreiungskriege veränderten die Situation in Mitteleuropa erneut, sodass 1871 die Gründung des Deutschen Kaiserreichs in Paris erfolgte. Damit endete gleichzeitig das erste Deutschlandbild der Franzosen als ein schwaches Land.

Wandel des Deutschlandbilds

Im zweiten Deutschlandbild, das Wismann beschrieb, verkehrte sich die französische Sichtweise auf den deutschen Nachbarn ins Gegenteil. Nun wurde der Expansionsdrang der Deutschen als Bedrohung empfunden. Auch im Vergleich der universitären Lehre erkannten die Franzosen einen deutschen Vorsprung. Während die Bildung in Frankreich überwiegend statisch war und sich auf die Assimilation an bereits bekanntes Wissen beschränkte, wurden an deutschen Universitäten, nach dem neuhumanistischen Einfluss Humboldts, die individuellen Talente stärker gefördert, um den Studenten Selbstverwirklichung und Fortschritt zu ermöglichen.

In den beiden Weltkriegen eroberte das deutsche Militär später wiederholt Frankreich, was die französische Nationalseele, Wismann zufolge, schwer traumatisierte. Charles de Gaulle sprach deshalb in seinen Memoiren unter anderem davon, es dürfe nie wieder ein zentralistisches Deutschland geben. Speziell seine Äußerung, dass Frankreich hinter keiner Linie sicher sein könne, erschütterte den französischen Stolz. Das Publikum war amüsiert, als Wismann erklärte, dass die Franzosen ihr Land zudem als ein fast perfektes Sechseck („l'hexagone") betrachteten, das leider am Genfer See in der Schweiz etwas eingeschnürt sei.

Heutiges Deutschlandbild der Franzosen

Die alliierten Siegermächte gestalteten die Bundesrepublik 1949 als föderalen Staat, während in der sowjetischen Besatzungszone im selben Jahr die zentralistisch-sozialistische DDR entstand. Wismann erläuterte, dass die französische Politik überraschenderweise mehr Parallelen zum Aufbau der DDR gesehen habe als zu dem der Bundesrepublik. Als sich 1989 die Wende andeutete, verhandelten neben den USA und Großbritannien der als listiger Stratege berüchtigte französische Präsident Mitterrand und Kanzler Kohl maßgeblich die Einheit Deutschlands. Zuvor hatte Mitterrand noch die DDR besucht und strategische Schritte unternommen, um die Kriterien der Wiedervereinigung mitzubestimmen. Letztlich konnten Streitfragen wie die über eine neue Unverrückbarkeit der Grenzen, auch der Oder-Neiße Grenze, erfolgreich geklärt werden.

Mitterrand allerdings erkannte das Potenzial der starken gesamtdeutschen Wirtschaft und sah voraus, dass Deutschland allein durch seine Wirtschaftskraft künftig wieder expandieren könnte. Wismann berichtete, dass der französische Präsident genau deshalb von Helmut Kohl forderte, eine gemeinsame Währung zu schaffen: den Euro. Mit Ausnahme harter Jahre für die junge wiedervereinigte Bundesrepublik Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre entwickelte sich Deutschland zu einem erfolgreichen Land. Im dritten von Wismann gezeichneten Deutschlandbild sei Frankreich aktuell ein wenig enttäuscht darüber, dass Deutschland nicht mehr sonderlich viel Interesse an Frankreich habe und ergänzte mit einem Augenzwinkern, dass dies durchaus eine Ähnlichkeit mit der ausgeprägten Selbstzufriedenheit vieler Franzosen sei. Deutschland sei zwar durch seine föderale Struktur manchmal politisch gelähmt, das „geregelte Gegeneinander" der Länder und ihre Konkurrenz zueinander habe sich aber als wirtschaftlicher Vorteil erwiesen. 

Es geht nur mit Europa

In seinem Resümee sagte Wismann, dass die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen nur in einem gemeinsamen Vor(an)gehen in Europa liegen könne. Die Europäische Union sei die Hoffnung und einzige Chance zugleich. 

Zur Zeit sehen sich die EU und ihre Mitgliedsstaaten etlichen Herausforderungen gegenüber, wie auch Roland Czada, Professor für Staat und Innenpolitik an der Universität Osnabrück, gegenüber der NOZ nach dem Vortrag feststellt: "In ganz Europa kann man gerade beobachten, dass sich die Parteiensysteme in einem Wandel befinden. Wir wissen heute noch nicht, wohin der Wandel geht. Aber es scheint, dass Regierungsbildungen - auch in Deutschland - wohl bald schwieriger werden. Vielleicht ähnlich wie in Italien." Die Bewegung „En Marche!" von Frankreichs Präsident Macron sei Czada zufolge der Versuch eines Neuanfangs, der Schule machen könnte.

28 Jahre Wiedervereinigung

Roland Czada sieht auch nach 28 Jahren immer noch Narben, die seit der Vereinigung geblieben sind. Die vergleichsweise starken Umfrageergebnisse für die AfD im Osten könne man dadurch erklären, „dass zum Beispiel die Geschichte der DDR von der gesamtdeutschen Erinnerungspolitik in eine totalitäre Ecke, vergleichbar dem Nationalsozialismus, gestellt wurde. Die große Mehrheit der DDR-Bürger hatte ihren Staat jedoch nicht als totalitär empfunden." Viele, die nicht dem zivilen Widerstand angehört hatten, führten laut dem Politikwissenschaftler ein relativ normales Leben in der DDR, hatten eine gute Ausbildung, machten Urlaube und hatten keine Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Grundsätzlich sei die Wiedervereinigung aber dennoch geglückt, nur sei sie eben alles andere als perfekt verlaufen.


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