Plötzlich wurde alles anders Zeitzeugin Ruth Weiss bewegt Osnabrücker Schüler

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Zeitzeugin Ruth Weiss (94) sprach vor Schülern des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums. Foto: Gert WestdörpZeitzeugin Ruth Weiss (94) sprach vor Schülern des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Zeitzeugin Ruth Weiss (94) hat zwei Stunden in der Graf-Stauffenberg-Schule aus ihrem bewegten Leben erzählt: Als Kind erlebte sie die NS-Zeit und nach ihrer Flucht die Rassentrennung in Südafrika.

In der Aula des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums schilderte Ruth Weiss den zehnten Klassen Erlebnisse aus ihrer Kindheit in der NS-Zeit. "Für die Jugendlichen ist das tote Geschichte", sagte die 94-Jährige, "Die Schüler müssen es immer wieder - leider - in der Schule aufgreifen, aber die Details gehen verloren." Deshalb möchte sie Schülern von ihrem Leben erzählen.

Weiss fragte die Schüler: "Wissen Sie, wie viele Juden es im deutschen Reich gab?" Verschiedene Schätzungen von 25, 17 und 12 Millionen geben die Schüler ab. "Tatsächlich waren es nur eine halbe Millionen. Also rund 500.000 Juden", so Weiss und füget hinzu: "Wie kann eine so kleine Personengruppe eine Gefahr für ein Volk von 65 Millionen sein?!"
Wie kann eine so kleine Personengruppe eine Gefahr für ein Volk von 65 Millionen sein?!Ruth Weiss, Zeitzeugin


Alina Kassymbekov, Schülerin der 10. Klasse, zeigte sich beeindruckt: "Sie hat so viel erlebt und die Nazi-Zeit in Deutschland von Anfang an mitbekommen." Ihre Mitschülerin Maren Heumann hätte gerne noch mehr von Ruth Weiss gehört. "Von einem Tag auf den anderen hatte sie keine Freunde mehr, und es hat sich alles für sie verändert", sagte Maren Heumann.

Schöne Kindheit bis 1933

1924 wuchs Ruth Weiss als Kind von jüdischen Eltern in Nürnberg auf. "Juden waren in Fürth damals gleichberechtigte Bürger", erzählte Weiss. Sie ging in eine kleine Dorfschule, in der ein Lehrer vier Klassen unterrichtete. "Alle Kinder von sechs bis zwölf Jahren kannten mich, und ich wurde akzeptiert und nicht als etwas besonderes angesehen", erzählte Weiss, "Es war eine sehr schöne Kindheit bis 1933." 

"Unten auf der Seite stand 'Von deiner immer treuen Sitznachbarin Betti', die seit diesem Tag nicht mehr neben mir saß."Ruth Weiss, Zeitzeugin

Mit dem Zeitpunkt der Machtergreifung der Nazis wurde für sie alles anders. Von einem Tag auf den anderen hatte die damals Neunjährige keine Schulkameraden mehr. Sie saß allein in der Schule, auf dem Pausenhof mieden die anderen Kindern sie und die Mädchen tuschelten. "Auf dem Heimweg habe ich geweint", erzählte Weiss. Sie habe sich unter einen Baum gesetzt und in ihr Poesiealbum geschaut, in das vor ein paar Tagen noch drei Jungs hineingeschrieben hatten. Sie sah die Seite mit ihrer damals besten Freundin Betti an. "Unten auf der Seite stand 'Von deiner immer treuen Sitznachbarin Betti'",erzählte Weiss, und ihre Stimme wurde brüchig, "Betti, die seit diesem Tag nicht mehr neben mir saß."

Verwandte in Südafrika

Wenige Wochen später verlor ihr Vater seinen Job, und am 1. April 1933 riefen die Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. "Das Glück meiner Familie war, dass wir Verwandte in Südafrika hatten", so Weiss. 1933 wanderte ihr Vater aus, eröffnete einen Laden und versuchte dort eine Existenz aufzubauen. Ruth Weiss, ihre Schwester und Mutter zogen in die Stadt Fürth zu ihren Großeltern. Bis der Vater 1935 einen Brief an sie schrieb: "Ihr müsst sofort kommen." 

Der damalige NSDAP-Gauleiter Julius Streicher hatte es sich zur Aufgabe gemacht, 'Franken judenfrei zu machen' und war zudem Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer". "Haben Sie davon gehört?", fragte Weiss die Zehntklässler. Die Schüler schütteln die Köpfe. "Am schlimmsten war die jeden Tag gleiche Schlagzeile 'Der Stürmer - Juden sind unser Unglück'", berichtete Weiss.

Rassenhass in Südafrika

Die Verwandten hatten damals gesagt, dass Südafrika ein Einwanderungsland ist. "Aber sie hatten nicht erzählt, dass es ein Einwanderungsland für Weiße ist", erzählte die Zeitzeugin. Mit dem Schiff reiste ihre Familie sechs Wochen bis nach Südafrika. "Wir fuhren 3. Klasse. Die war nur für Flüchtlinge", berichtete Weiss, "Zur 1. und 2. Klasse hatten wir keinen Kontakt, aber zu den schwarzen Afrikanern." Gerade die Kinder seien begeistert von den Afrikanern gewesen, die mit ihnen tanzten, lachten und ihnen Essen anboten.

"Wir dachten, wir werden mit schwarzen Menschen zusammenleben und deren Sprache lernen, aber das war nicht so", sagte Weiss. Als eine Frau sie vom Hafen abholte und sich freute, dass Ruth Weiss eine weiße Hautfarbe hatte, merkte sie das erste Mal, dass das anscheinend wichtig war. In der Schule hatte sie eine weiße Klassenkameradin Nelli, mit der sonst niemand etwas zu tun haben wollte. Den Grund erfuhr sie erst, als ihre Freundin plötzlich nicht mehr in der Schule war: Nellis Mutter war schwarz. Die Lehrerin erklärte: "Nelli ist schon 15 Jahre alt und hat jetzt einen Job." Weiss sah ihre Freundin Nelli nie wieder.

Ein Schüler fragte, ob sie in Südafrika mitbekam, was in Deutschland passierte. "Anfangs hat meine noch Briefe von Verwandten bekommen, aber erst 1945 nach dem Ende des Krieges haben wir das Ausmaß erfahren", schilderte Weiss. Sie selbst sei 1950 zum ersten Mal wieder in Deutschland gewesen und habe die Zerstörungen gesehen. Ihre Schwester sei nie nach Deutschland gekommen. "Wir haben uns zum Beispiel in der Schweiz getroffen."

"Nicht alles akzeptieren, was die Politiker tun"

Zur aktuellen Geschichte stellten die Schüler keine Frage. Auf Nachfrage unserer Redaktion, wie Weiss die AfD und die Montagsdemonstrationen sieht, sagte sie: "Ich bin froh, vor zwei Jahren nach Dänemark gezogen zu sein." Sie habe wieder das Gefühl, von bestimmten Menschengruppen nicht erwünscht zu sein.

"Was wollen Sie den Schülern noch sagen?", fragte der Geschichtslehrer Hubert Hoffmann zum Ende der Begegnung. "Nicht alles akzeptieren, was die Politiker tun. Setzen Sie ihren Kopf ein und fragen sie sich, ob sie damit zufrieden sind", riet die 94-Jährige. "Wenn ein Mensch in ihrer Umgebung angepöbelt wird, haben Sie den Mut aufzustehen." Diesem Schlusswort folgte ein lauter Applaus der Schüler.


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