Für Frieden und Fleischeslust Duo Suchtpotenzial bekennt Farbe in der Lagerhalle

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Vom Spitzboden in den Saal der Lagerhalle „abgestiegen“: Ariane Müller und Julia Gámez Martin alias Suchtpotenzial. Foto: David EbenerVom Spitzboden in den Saal der Lagerhalle „abgestiegen“: Ariane Müller und Julia Gámez Martin alias Suchtpotenzial. Foto: David Ebener

Osnabrück. Mit einem unverkrampften Rundumschlag ohne Hemmungen und Tabus sorgte das Duo Suchtpotenzial in der gut besuchten Lagerhalle programmgemäß für „Eskalatiooon!“ in alle Richtungen.

Ob Hippies, Veganer, Diktatoren oder der ganz normale Hipster aus Berlin-Mitte: Sie alle bekamen eine fette Scheibe ab vom wohltuend ungeschliffenen Humor und Wortwitz des drastischen Damen-Duetts, das sich selbst „für Comedy nicht lustig genug“ und „für Politkabarett zu banal“ findet. „Alkopop“ nennen deshalb Ariane Müller aus Ulm und Julia Gámez Martin aus Berlin ihr ganz eigenes Genre. Und mit dem räumen sie nicht nur unzählige Preise ab, sondern sind auch in der Lagerhallen-Hierachie vom Spitzboden, wo sie vor zwei Jahren ihre Osnabrück-Premiere feierten, in den großen Saal „abgestiegen“. 

Vergnüglicher Dialog

Dort teilten sie im vergnüglichen Dialog wortreich, aber auch mit musikalischer Wucht nach allen Seiten aus. Denn die eine ist eine annehmbare Gitarristin und Klavierspielerin und die andere eine ehemalige Musicaldarstellerin mit hörbar geschulter, kraftvoller Singstimme. Mit der intonierte die Berlinerin mit den spanischen Wurzeln etwa ein hocherotisches Lied über einen Fahrkartenkontrolleur oder einen standesgemäß auf der Akustischen begleiteten Lagerfeuersong über „früher“, als es doch tatsächlich noch „Sex and Drugs and Rock´n Roll“ gab. Das sind allerdings genau die Themen, an denen sich Suchtpotenzial auch aktuell abarbeiten, wenn auch in spiegelbildlicher Form. 

Humoristisch abgebrüht

So gaben sie etwa Tipps, wie man Kaffee- und Alkoholkonsum argumentativ in ein Deckmäntelchen der gesunden Ernährung einwickeln kann, spießten gekonnt den „hippen“ politisch korrekten und ökologischen Lebensstil auf und kochten den politisch aufgeheizten Themenkomplex Bikini versus Burka auf eine genial humoristisch säkularisierte Fashion-Erörterung runter. Virtuos spielten die sich auch gegenseitig frotzelnden Freundinnen mit sinnigen wie unsinnigen Anglizismen und ironisierten hochvergnügt allerlei Ausprägungen von Mileu- und Jugendsprache. 

Weltverbesserungspotenzial

Aber auch ihrem selbstauferlegten „Bildungsauftrag“ kamen die „Infotainment“-Queens nach, indem sie etwa anlässlich eines musikalischen Blow Jobs den Begriff Mundharmonika etymologisch erklärten, über die sexuellen Implikationen des männlichen Vornamens Reinhard aufklärten oder über die neuesten Hauptstadttrends berichteten wie zum Beispiel entschlackende, „katerfreie“ D-Tox-Parties, bei denen der DJ Elektrolyte auflegt. Im „ernsthaften“ 6/8tel-Takt versuchten sie, die „Welt ein kleines bisschen besser“ zu machen. Was aber als klebrige Hymne auf den Verzicht von Fleischkonsum begann, endete mit einem kannibalistischen Plädoyer zur Lösung des Überbevölkerungsproblems. Zur Verhütung von Kriegen empfahlen Suchtpotenzial am Ende in Form eines schönen Liebesliedes verhüteten, vor allem aber verstärkten Geschlechtsverkehr – und brachten das Lagerhallenpublikum doch tatsächlich dazu, im Chor „Ficken für den Frieden“ zu singen. Ein reizender Abend.


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