Jürgen Abromeit: „Wir sind keine Heuschrecke, ganz im Gegenteil“ Osnabrücker Manager hat Vorstandsvorsitz der Indus Holding abgegeben

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Wendet sich neuen Aufgaben zu: Jürgen Abromeit leitete die Indus Holding seit 2012, nun hat er den Vorstandsvorsitz abgegeben.

            

              
                Foto: Indus/Catrin MoritzWendet sich neuen Aufgaben zu: Jürgen Abromeit leitete die Indus Holding seit 2012, nun hat er den Vorstandsvorsitz abgegeben. Foto: Indus/Catrin Moritz

Osnabrück. Jürgen Abromeit kennt den Mittelstand wie seine Westentasche. Aber auch an den Finanzmärkten ist der Osnabrücker zu Hause. Beide Welten miteinander zu versöhnen war lange Zeit die Aufgabe des Chefs der Indus Holding. Der bekennende VfL-Fan hat nach sechseinhalb Jahren den Vorstandsvorsitz des SDax- Konzerns abgegeben.

„Wir sind keine Heuschrecke – ganz im Gegenteil“, stellt Abromeit klar. Er weiß um das zweifelhafte Image, das Beteiligungsgesellschaften in der Öffentlichkeit anhaftet – spätestens seit 2005 der damalige SPD-Chef Franz Müntefering die „Heuschrecken“-Debatte anstieß.

Doch mit knallharten Sanierern und gewissenlosen Firmenplünderern hat Indus nichts gemein, wie Abromeit betont. „Wir sind Langfristinvestor. Wenn wir ein Unternehmen erwerben, wollen wir es auf Dauer halten und haben nicht schon den Ausstieg im Kopf.“

Der Osnabrücker hat das SDax-Unternehmen mit Sitz in Bergisch Gladbach seit 2012 geleitet, nun verlässt er den Konzern. Den Chefposten hat Abromeit zum 1. Juli an seinen Vorstandskollegen Johannes Schmidt übergeben. Dieser übernimmt einen Konzern, der unter Abromeits Ägide kontinuierlich gewachsen ist. Der Umsatz kletterte von 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2012 auf gut 1,6 Milliarden Euro 2017, der operative Gewinn (Ebit) stieg im selben Zeitraum von 105 auf 153 Millionen Euro. Parallel wuchs das Portfolio von 38 auf inzwischen 45 Unternehmen.

Die Indus Holding pickt sich die Perlen des deutschen Mittelstands heraus, erklärt Abromeit. „In aller Regel sind das technische Unternehmen, die eine eigene Entwicklung und Fertigung haben, halt ,engineered and made by German Mittelstand‘.“ Zwischen 20 und 150 Millionen Euro Umsatz müssten sie erwirtschaften und vor allem: erfolgreich sein. Man lege größten Wert auf eine Produktion in Deutschland, zugleich sei Indus sehr international. „Mehr als 50 Prozent unseres Konzernumsatzes machen wir außerhalb Deutschlands“, sagt der frühere Vorstandschef.

Auf mögliche Kaufkandidaten werden Abromeit und seine Vorstandskollegen auf mehreren Wegen aufmerksam. Da Indus es inzwischen zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hat, kommen manche Unternehmer von sich aus auf die Holding zu. „Es ist ein sehr persönliches Geschäft“, sagt der Osnabrücker. Doch natürlich wird der Konzern auch selbst aktiv. Rund 3000 Unternehmen in Deutschland werden von Indus jährlich „gescreent“, wie der Vorstandschef sagt. „Wir kennen uns sehr gut aus im Mittelstand und wissen, wer zu uns passen würde.“

Über die Jahre entstand so eine „Wunschliste“. Auf dieser finden sich auch noch ein, zwei Unternehmen aus Osnabrück, verrät Abromeit, freilich ohne Namen zu nennen.

Das Unternehmensportfolio gliedert sich in fünf Segmente: Bau/Infrastruktur, Fahrzeugtechnik, Maschinen- und Anlagenbau, Medizin- und Gesundheitstechnik sowie Metalltechnik. Besonders in der Medizin- und Gesundheitssparte kaufte die Indus Holding in den vergangenen zehn Jahren zu, und hier erkennt Abromeit weiteres Wachstumspotenzial. 2014 übernahm der Konzern den Rollstuhl- und Rollatorenhersteller Rolko aus Borgholzhausen in Westfalen. „Wir investieren in Geschäftsbereiche, von denen wir überzeugt sind, dass dort auch in den nächsten zehn Jahren die Post abgeht“, sagt der Manager.

Auch in seiner Heimatstadt ist Indus präsent mit der Kieback-Schäfer-Gruppe. Der Automobilzulieferer Kieback ist seit 1998 dabei und damit eines der Urgesteine im Portfolio der Holding. „Damals ist Indus auf uns zugekommen. Eigentlich wollten wir gar nicht verkaufen“, erinnert sich Jörg Kieback. Seine Familie ließ sich überzeugen, Kieback blieb auch nach dem Verkauf als Geschäftsführer in dem Unternehmen – bis heute. Man habe damals einen Partner gewollt, „der uns vorantreibt, entwickelt und unterstützt“, sagt der Unternehmer. „Ich bin sehr froh, dass wir die Indus Holding als Sparringpartner haben. Denn als Mittelständler stehst du manchmal ganz allein da.“

Glaubt man Kieback und Abromeit, gewährt Indus seinen Tochterunternehmen große Unabhängigkeit. Die Unternehmen sind Abromeit zufolge allein verantwortlich für das operative Geschäft. „Wir regieren den Unternehmen nicht in das operative Geschäft rein. Die Tochtergesellschaften haben ihre eigenen Planungen und machen ihre eigenen Budgets.“ Jedes Unternehmen ist einem Indus-Vorstand zugewiesen, der Osnabrücker Abromeit betreut unter anderem Kieback-Schäfer. „Wir kommen dann ins Spiel, wenn es um Strategie, um Weichenstellungen und weitreichende Finanzierungsthemen geht.“ Bei aller unternehmerischer Autonomie: Die Zahlen müssen stimmen, daran lässt Abromeit keinen Zweifel. Auch die Indus Holding hat sich schon von Unternehmen getrennt, „weil wir erkannt haben, dass es so nicht zukunftsfähig weitergeht und es in einem anderen Umfeld bessere Entwicklungschancen gibt“.

Die Tochtergesellschaften profitieren bei großen Investitionen von der Finanzkraft des Mutterkonzerns. „Man muss immer so ein, zwei Millionen im Jahr investieren, um auf dem Stand der Technik zu bleiben“, sagt Kieback. Gerade hat er den neuen 3-D-Metalldrucker beim Automobilzulieferer Schäfer in Osnabrück begutachtet, den Kieback ebenfalls leitet. Den 3-D-Metalldrucker hat Indus sich mehrere Millionen Euro kosten lassen. „Das hätte das Unternehmen Schäfer nie stemmen können“, sagt Abromeit. Ihm schwebt vor, Schäfer zum 3-D-Metalldruck-Innovationszentrum der Indus-Gruppe auszubauen.

Den Bezug zu seiner Geburts- und Heimatstadt hat der Osnabrücker auch als SDax-Manager nicht verloren. Bei Heimspielen des VfL kann man den Dauerkarteninhaber mit seinem Sohn auf der Nordtribüne sehen. Seine Liebe zum Fußball reicht weit zurück, beinahe wäre er als junger Mann selbst Profi-Spieler beim VfL geworden. Als Mittelstürmer spielte er für die Landesauswahl des SV Viktoria 08 in Georgsmarienhütte, als die Lila-Weißen auf ihn aufmerksam wurden und ihm 1978 einen Profivertrag für die 2. Bundesliga Nord anboten.

Abromeit lehnte ab und schlug stattdessen eine Bankerlaufbahn ein. Bei der Dresdner Bank in Osnabrück ließ er sich zum Bankkaufmann ausbilden, es folgten Stationen in Hannover, Hamburg und Frankfurt. Nach 16 Jahren im Bankenbereich wechselte Abromeit zum Stahlkocher Georgsmarienhütte, wo er die Finanzen verantwortete und später auch das Fusions- und Übernahmegeschäft. Im Jahr 2008 verschlug es ihn schließlich zu Indus, wo er Finanzvorstand wurde, ehe er 2012 den scheidenden Vorstandschef Helmut Ruwisch beerbte.

Noch heute spielt Abromeit gelegentlich Fußball, doch mit seiner Entscheidung gegen die Profikarriere hadert er nicht. Mit seinen bisherigen drei beruflichen Stationen sei er sehr zufrieden. Über die vierte und voraussichtlich letzte Station hüllt Abromeit sich noch in Schweigen.


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