NOZ-Telefonaktion Bei Essstörungen „braucht es die Umwelt“

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Am Apparat bei der Telefonaktion zum Thema Essstörungen: Prof. Dr. Bernhard Croissant (Ärztlicher Direktor des Ameos-Klinikums Osnabrück), Marc Eilers (Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Niels-Stensen-Kliniken Bramsche, und Ärztlicher Direktor der Magdalenen-Klinik Harderberg) sowie Dr. Thomas W. Heinz (Ärztlicher Direktor der Fachkliniken St. Marienstift Neuenkirchen-Vörden und St. Vitus Visbek). Foto: Gert WestdörpAm Apparat bei der Telefonaktion zum Thema Essstörungen: Prof. Dr. Bernhard Croissant (Ärztlicher Direktor des Ameos-Klinikums Osnabrück), Marc Eilers (Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Niels-Stensen-Kliniken Bramsche, und Ärztlicher Direktor der Magdalenen-Klinik Harderberg) sowie Dr. Thomas W. Heinz (Ärztlicher Direktor der Fachkliniken St. Marienstift Neuenkirchen-Vörden und St. Vitus Visbek). Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Die Tochter verschwindet nach jedem Essen auf die Toilette, der Partner verliert sich in Fressattacken oder der Kollege wird jeden Tag schmaler – Essstörungen haben viele Gesichter, aber eines gemeinsam: Werden sie chronisch, können lebensgefährliche körperliche Schäden eintreten. Bei der NOZ-Telefonaktion nutzten Betroffene und Angehörige die Möglichkeit, mit Experten ins Gespräch zu kommen.

Nicht Wegschauen. In diesem Punkt waren sich Prof. Dr. Bernhard Croissant (Ärztlicher Direktor des Ameos-Klinikums Osnabrück), Marc Eilers (Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Niels-Stensen-Kliniken in Bramsche und Ärztlicher Direktor der Magdalenen-Klinik Harderberg) sowie Dr. Thomas W. Heinz (Ärztlicher Direktor der Fachkliniken St.-MarienStift Neuenkirchen-Vörden und St. Vitus Visbek) einig, bei der NOZ-Telefonaktion zum Thema Essstörungen. „Diese schambehaftete Krankheit führt die Betroffenen selbst oft nicht zum Doktor. Da braucht es die Umwelt“, sagt Croissant. Ob im Familien-, im Freundes- oder im Kollegenkreis, er und seine Kollegen sind sich sicher: „Letzten Endes sind die Menschen dankbar, wenn man reagiert“.  

In Deutschland leiden etwa fünf Millionen Frauen und Männer an Essstörungen, davon haben 3,7 Millionen gefährliches Untergewicht. Rund 100 000 Menschen, insbesondere Frauen leiden an Magersucht, rund 600 000 an Bulimie. Die Zahl der Magersüchtigen hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht.

Hohe Schamgrenze

Auch wenn das Thema in den Medien mittlerweile einen hohen Stellenwert habe, sei die Schamgrenze, darüber zu sprechen, für Betroffene immer noch hoch, sagt Eilers. Nicht immer sind es (falsche) Schönheitsideale, welche Essstörungen auslösen. Meist stecken – gerade bei extremen Formen – Traumata oder psychische Probleme dahinter. So gäbe es Beispiele von sexuell missbrauchten Frauen, die sich auf diese Weise „unattraktiv“ machen oder weibliche Rundungen vermeiden wollen, sagt Heinz. „Beim Essen haben wir die Kontrolle über das, was wir machen“, sagt Croissant. Auf diese Weise würden Menschen mit psychischen Problemen ein Ventil finden.

Zu den häufigsten Essstörungen zählen die Ess-Sucht (Binge Eating), die Magersucht (Anorexia nervosa) und die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa). Oft leiden die Betroffenen im Laufe der Erkrankung unter mehreren Formen von Essstörungen. Allen ist gleich, dass die Betroffenen sich zwanghaft mit dem Thema Essen beschäftigen und dieses großen Einfluss auf Tagesablauf und Leben hat. Unbehandelt kann das schlimme Folgen haben: Dazu gehören zum Beispiel lebensgefährliche Herz-Kreislauf-Probleme wie Herzstillstand oder Herzinfarkte oder Schäden an anderen inneren Organen und Knochen.

Hohe Reversibilität

Die Aussichten, die körperlichen Schäden einer Essstörung langfristig zu beheben, sind allerdings gut, sagen die Ärzte. „Wenn man sich auf die Therapie einlässt, gibt es eine hohe Reversibilität“. Dazu benötigt es allerdings nicht selten einen langen Atem. „Viele wünschen sich eine Hauruck-Aktion, aber das geht oft nicht so einfach“, sagt Heinz. „In den Kliniken arbeiten wir den körperlichen Teil auf, aber die psychologischen Hintergründe sind ja noch da“, ergänzt Croissant. Für Menschen mit Essstörungen gibt es zwei Jahren ein spezielles Therapieangebot in Osnabrück. Dabei arbeiten die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und die gemeinnützige GmbH Lebensimpulse zusammen.

Mediziner gehen bei der Behandlung meistens mehrere Wege gleichzeitig. Im Mittelpunkt steht dabei allerdings die Psychotherapie. Bei manchen Formen von Essstörungen macht eine familientherapeutische Behandlung Sinn. Denn die Krankheit belastet Familien oft sehr stark.


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