Vor 100 Jahren Osnabrück im September 1918: der Feind im eigenen Lande

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Siegesgewiss oder kriegsmüde? Man wüsste gern, was in den Köpfen dieser Soldaten zu Beginn des fünften Kriegsjahres vorgegangen ist. Das Bild aus dem Archiv Ortmann zeigt Osnabrücker Angehörige des Artillerie-Lichtmesstrupps 105 an der Westfront.Siegesgewiss oder kriegsmüde? Man wüsste gern, was in den Köpfen dieser Soldaten zu Beginn des fünften Kriegsjahres vorgegangen ist. Das Bild aus dem Archiv Ortmann zeigt Osnabrücker Angehörige des Artillerie-Lichtmesstrupps 105 an der Westfront.

Osnabrück. Osnabrück im September 1918: Zu Beginn des fünften Kriegsjahres wendet sich das Kriegs-„Glück“ immer mehr den Alliierten zu. Die für das Deutsche Reich bedrohliche Lage an der Westfront scheint auch zwischen den Zeilen der ansonsten stramm auf Propagandalinie liegenden deutschen Heeresberichte durch – auch in den Osnabrücker Zeitungen.

So heißt es etwa am 6. September 1918 in der „Osnabrücker Zeitung“, dass sich die Lage zwischen Cambrai und Arras „weiter zugespitzt“ habe, aber „von einem Durchbruch im eigentlichen Sinne ist selbstverständlich nicht die Rede“. Die Zeitung rät den Lesern, „den Tatsachen ins Auge zu sehen, sie zu ertragen, stark zu bleiben und keinen Augenblick, auch jetzt nicht, das Vertrauen zu unserer Heeresleitung zu verlieren“. Der Häufung von Misserfolgen gegen eine feindliche Übermacht würden, „dessen können wir sicher sein, auch wieder bessere Tage folgen“. Paul von Hindenburg sei schließlich ein „Spezialist in Rückzügen, die früher schon oft genug in große Erfolge und Siege verwandelt wurden“.

Überbordende Bürokratie

Als „Feind im eigenen Lande“, der die Siegeszuversicht beschädige, wird der „Kriegsbürokratismus“ erkannt. „Von einem fleißigen Manne – er muß Sinn für Satire haben oder auch selbst ein Bürokrat sein – ist festgestellt worden, daß wir seit Kriegsbeginn mit über 88000 Bestimmungen, Verfügungen und Verordnungen bedacht worden sind“, schreibt die Zeitung. Dieser „unbrauchbare Wust“ sei, bei wenigen notwendigen Ausnahmen, „die Wurzel unseres inneren Übels“. Dem gewöhnlichen Sterblichen bleibe keine andere Möglichkeit, als sich irgendwie durchzumogeln, „weil nämlich trotz der Vermehrung der Lebensregeln um 88000 Stück der Tag nur seine 24 Stunden behalten hat. Es ist gar nicht die Zeit vorhanden, ihnen nachzugehen.“

Herbstgemüse und -obst beschlagnahmt

Diesem Einspruch zum Trotz gibt es neue Verfügungen: Herbstgemüse und Herbstobst werden unter Zwangsbewirtschaftung gestellt. Die Beschlagnahme sei notwendig geworden, um zu erreichen, dass das in Lieferungsverträgen gebundene Gemüse auch tatsächlich in den Empfänger-Gemeinden ankomme und nicht, wie im Vorjahr häufiger geschehen, zu höheren Preisen an andere Stellen verkauft werde.

Die Absatzbeschränkung des Obstes erfolgt im Hinblick auf den gewaltig angestiegenen Bedarf an Brotaufstrich für die Zivilbevölkerung, für Heer und Marine. Angesichts des Mangels an anderen Brotaufstrichmitteln soll das gesamte inländische Obst der Marmeladenindustrie zugeführt werden. Ausgenommen ist der Absatz vom Erzeuger unmittelbar an den Endverbraucher, wenn die Menge von einem Kilogramm pro Tag nicht überschritten wird.

Gas nur noch gegen Pfand

Aufregung in den Städtischen Kollegien: Laut Bürgervorsteher Vesper wird den Anwohnern der Schützenburg (Kolonie Hammersen) nur noch gegen eine Hinterlegung von 40 Mark Gas geliefert. Diese Kaution sei notwendig geworden, weil in verschiedenen Häusern auf der Schützenburg wiederholt Gasautomaten aufgebrochen worden seien. Automaten und Gasmesser als Ersatz für beschädigte Geräte zu beschaffen sei derzeit kaum noch möglich, verteidigt Gaswerkdirektor Schwers die Maßnahme. Vesper bezeichnet dieses Vorgehen als unhaltbar. Zwei Straßen, nämlich Schützenburg und Bröckerweg mit insgesamt 47 Haushaltungen, würden unter ein Ausnahmerecht gestellt, was nicht gebilligt werden könne. Es könne sich ja nur um einzelne Leute handeln, die fremdes Eigentum nicht achteten. Er bittet den Magistrat, die Verordnung wieder aufzuheben und nicht die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden zu lassen. Es dürften nur überführte Gesetzesbrecher herangezogen werden. Stadtsyndikus Reimerdes sagt zu, die Angelegenheit im Magistrat neu zu verhandeln.

Ein Koffer mit einem größeren Posten frischem Fleisch wird auf dem hiesigen Hauptbahnhof beschlagnahmt. Die Sachen sollten „auf dem Weg des Schleichhandels“ von Osnabrück nach Essen/Ruhr befördert werden. Das Fleisch wird zur Polizeibehörde gebracht.

Klinken werden ausgetauscht

Auch Türklinken und Fenstergriffe aus Messing und Bronze sind beschlagnahmt. Die Heeresverwaltung liefert Ersatz, der in der Regel billiger ist als der Ablieferungspreis der Edelmetallbeschläge. Die Differenz wird dem Ablieferer ausgezahlt. Der zur Ablieferung Verpflichtete kann die Teile selbst aus- und die Ersatzstücke selbst einbauen. Dann wird eine besondere Umbauvergütung gewährt. Ersatztürdrücker mit Langschild kosten 3,50 Mark, mit Nachtriegel 4,50 Mark.

Stiefel gestohlen

Aus dem Gerichtssaal: Ein Hotelgast will das Hotel dafür haftbar machen, dass ihm seine Stiefel gestohlen worden sind, die er zum Putzen vor die Tür gestellt hat. Das Gericht weist die Klage ab. Stiefel seien in der heutigen Zeit als Wertstücke anzusehen, zu deren sicherer Aufbewahrung der Gast vernünftigerweise selbst sorgen müsse. Der Gast hätte mit Rücksicht auf die geänderten Verhältnisse die Pflicht gehabt, einen Weg zu finden, wie er, ohne Gefahr bestohlen zu werden, die Stiefel an Bedienstete zum Putzen hätte durchleiten können.

Lehrlinge arbeiten lieber in der Kriegsindustrie

Die Osnabrücker Handwerkskammer beklagt eine „Lehrlingsflucht aus dem Handwerk“ hin zur Rüstungsindustrie. Von den eingeschriebenen Tischlerlehrlingen hätte im vorigen Jahr nur die Hälfte ausgelernt, und nur vier neue Lehrlinge seien eingeschrieben worden. Ähnlich liege die Sache beim Schmiede- und Schlosserhandwerk. Das sprach den Wunsch aus, der Kriegsindustrie zu verbieten, Lehrlinge abzuwerben, bevor bei der betreffenden Innung angefragt wurde.

Ein Leben nach dem Tode?

Werbeanzeige der Firma K. Rautenstrauch, Große Straße 55: „Vor Anschaffung eines Konservenglasöffners besichtige man erst meinen Schlingmann-Öffner Marke ‚Gummischützer‘. Er öffnet jede Glasgröße und -form spielend leicht, ohne das Glas und den schlechtesten Kriegsgummiring zu beschädigen, auch dann nicht, wenn der Deckel in ihn, eine tiefe Rille bildend, hineingepresst ist. ‚Gummischützer‘ erspart im Haushalt viel Geld für Gummiringe und Gläser.“

„Gibt es ein Fortleben nach dem Tode?“ Diese Frage beantwortet für 2,85 Mark plus 30 Pfennig Nachnahme das Buch aus dem Zentral-Verlag Max Kröning, Stuttgart. Das Inserat macht neugierig: „Auch heute noch irren viele im Dunklen. Für sie ist der Tod ein Sprung in die Finsternis. Wir fragen uns, gerade in der heutigen Zeit, sehr oft: Was wird aus unseren Toten?“ Max Kröning beantwortet diese Frage und bringt den Nachweis, „daß unsere Toten weiterleben und wir überzeugt sein dürfen, sie einst wiederzusehen.“ Aus dem Inhalt: „Den Trauernden zum Trost“, „Welchen Sinn hat unser Leben?“, „Der Heldentod“, „Schicksal oder Fügung?“, „Die Trennbarkeit der Seele vom Körper im Experiment“, „Rätselhafte Erscheinungen bei Sterbenden“, „Können Verstorbene vom Jenseits zurückkehren?“, „Ist ein Verkehr mit ihnen möglich?“ Kröning jedenfalls garantiert: „Es gibt ein Wiedersehen!“


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