Tenor Andreas Hermann im Interview „Florestan war immer eine Traumrolle“

Von Jan Kampmeier

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Muss als Florestan in sehr hohen Lagen singen: Tenor Andreas Hermann. Foto: David EbenerMuss als Florestan in sehr hohen Lagen singen: Tenor Andreas Hermann. Foto: David Ebener

Osnabrück Andreas Hermann singt ab Samstag das erste Mal am Osnabrücker Theater. Er wurde als Tenor für die anspruchsvolle Partie des Florestan in Beethovens „Fidelio“ verpflichtet.

Wie fühlen Sie sich denn so als Florestan? Als Tenor ist man doch sonst der Held, und nun sitzen Sie im Kerker, treten überhaupt erst im zweiten Akt auf und müssen darauf warten, von Ihrer Ehefrau gerettet zu werden.

Ich fühle mich gut und auch gar nicht unheldisch oder dergleichen. Die Qualen, die Florestan erlitten hat, kommen in der Musik ja zum Ausdruck, insofern ist es schon heroisch, noch am Leben zu sein nach dem, was ihm angetan wurde.

Es heißt ja, Beethoven habe beim Komponieren keine Rücksicht auf Sänger und Stimme genommen. Wie fühlen Sie sich in dieser Hinsicht, wie „schwer“ ist Florestan zu singen?

Das stimmt, die Partie ist zu Recht berüchtigt für mehrere Schwierigkeiten, unter anderem für Passagen, die durchgängig in sehr hoher Lage geschrieben sind. Aber das Spannende ist, dann trotzdem schön zu musizieren. Den technischen Aspekt nicht im Vordergrund stehen zu lassen und vergessen zu machen, dass es sehr extrem geschrieben ist. Manche Leute sagen, das muss daran liegen, dass der Beethoven schon taub war und sich das ganz schön vorgestellt hat, und in Wirklichkeit ist das aber schwer. Es ist eine tolle Herausforderung, daraus eine schöne musikalische Phrase zu machen. Das macht mir aber Spaß, also fühle ich mich auch damit wohl.

Ihr Kollege Jonas Kaufmann hat über die Rolle einmal gesagt, man dürfe im Publikum den Schmerz und die Mühe schon spüren, so habe Beethoven das konzipiert. Wenn Sie sagen, man solle das vergessen machen, würden Sie ihm da also nicht zustimmen?

Doch, weil er einen anderen Aspekt aufgreift. Zum Beispiel steht in einer Arie die Anweisung „wahnhaft“, und dann folgt so eine hohe Passage, die auch ein bisschen verrückt klingt, und dadurch drückt sich natürlich etwas aus. Man darf nur nicht die hohen Töne irgendwie durchstehen und abliefern, sondern man muss gerade noch mehr Ausdrucksgesang machen. Hier habe ich mit Andreas Hotz viel an Details gearbeitet, auch wenn die artistische Herausforderung sehr hoch ist.

Sie haben Ihr Rollendebüt als Florestan in der letzten Spielzeit gegeben. Wo war das?

Am Nationaltheater Mannheim, wo ich fest im Ensemble bin. Das war eine ganz andere Produktion als diese hier. Für mich war das ein toller Punkt meiner Entwicklung, denn erstens war Florestan schon immer eine Traumrolle, und zum anderen habe ich ja viele Jahre im lyrischen Fach gesungen, und mit dem Florestan war der Wechsel ins jugendliche Heldenfach wirklich vollzogen. Und es war natürlich auch eine tolle Sache, das an einem Haus machen zu können, das so eine Tradition hat für diese großen „Schinken“.

Was meinen Sie damit?

Es gibt dort eben die Tradition, die großen Werke von Strauss, Wagner, Beethoven und Verdi immer im Repertoire zu haben. Solche, die einfach Größe erfordern. Mannheim hat einen Theaterbau aus der Nachkriegszeit mit einem wirklich großen Saal, und man sagt immer, wenn jemand eine Partie in Mannheim singen kann, dann kann er sie überall auf der Welt singen.

Wie verschieden war die Produktion dort musikalisch, müssen Sie die Rolle hier anders singen?

Andreas Hotz beleuchtet das Werk bis ins Detail aus der klassischen Tradition heraus und erarbeitet das auch mit uns Sängern so. Daraus ergeben sich Änderungen, wie ich singe, phrasiere und die Musik gestalte.

Ist das nicht manchmal schwierig? Sie haben doch bestimmt auch Ihre eigene Sicht, wie Sie das singen möchten.

Allerdings, die fließt auch natürlich mit ein, jeder Dirigent gibt mir da den Freiraum für meine Interpretation. Aber ganz grundsätzlich, und das finde ich auch toll, entsteht eine musikalische Interpretation heutzutage als Teamwork mit dem Dirigenten.

Wie gehen Sie denn vor, wenn Sie eine neue Rolle erarbeiten?

Ich fange bestenfalls ein Jahr vorher an, mir die Noten anzuschauen, lasse es idealerweise auch mal liegen und greife es wieder auf, dann erledigt sich das Auswendiglernen auch fast von selbst. Zwei, drei Monate vor der Produktion arbeitet man alles intensiv mit einem Pianisten durch, bevor es dann sechs Wochen vor der Premiere in die szenischen Proben geht.

Sie haben vorhin schon nebenher gesagt, Florestan sei immer eine Traumrolle gewesen. Warum?

Intuitiv einfach. Ich habe als Schüler und Student einige Stücke gesehen und gehört, und ein paar haben großen Eindruck bei mir hinterlassen. Und Fidelio, vor allem der zweite Akt mit dem Tenor, mit Florestan, gehörte dazu.

Sie haben schon angedeutet, dass Sie das Stimmfach des lyrischen Tenors inzwischen verlassen haben. Wo stehen Sie jetzt?

Ich würde sagen, dass ich jetzt zum Stimmfach des jugendlichen Heldentenors zu rechnen bin. Weitestgehend, das überlappt sich ja alles ein bisschen. Aber auf einige lyrische Rollen, die ich gesungen habe, blicke ich jetzt mit einem Lächeln zurück und singe sie sicherlich in Zukunft nicht mehr. Das hat sich relativ natürlich entwickelt. Mit den Jahren wird die Stimme eben oft reifer, und man entwickelt sich ins dramatischere Fach.

Gibt es etwas, wovon Sie als Sänger noch träumen?

Rollen, die ich noch gerne singen will, gibt es viele. Ich bin aber sehr glücklich in meinem Fach, weil ich schon immer gerne mehrschichtige Charaktere darstelle.

Und die haben Sie jetzt mehr? Ja, die Charaktere sind in diesem Fach grundsätzlich vielschichtiger.

Dann mögen Sie gerne auch als Schauspieler gefordert sein? Ja, absolut, aber vor allem auch im musikalischen Ausdruck, das geht Hand in Hand.


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