Marienhospital nutzt Stent aus den USA Deutschlandpremiere in Osnabrück: Neue Prothese gegen Zeitbombe im Bauch

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Das Blut in der Bauchschlagader fließt durch den Stent (weiße Prothese) der Firma Gore aus den USA. Das Aneurysma (hier eine Schlagaderaussackung im Bauch) kann dann nicht mehr platzen. Foto: W. L. Gore & Associates (UK) Ltd.Das Blut in der Bauchschlagader fließt durch den Stent (weiße Prothese) der Firma Gore aus den USA. Das Aneurysma (hier eine Schlagaderaussackung im Bauch) kann dann nicht mehr platzen. Foto: W. L. Gore & Associates (UK) Ltd.

Osnabrück. Das Marienhospital Osnabrück ist als erste deutsche Klinik ausgewählt worden, eine neue Prothese (Stent) aus den USA zur Behandlung einer krankhaft erweiterten Hauptschlagader im Bauch zu implantieren. Der neue Stent kann bei mehr Patienten eingesetzt werden und ist weniger riskant als eine offene Operation.

Der normale Durchmesser einer Aorta, der größten Schlagader im Körper, liegt bei zwei bis drei Zentimetern. Bei einem Aneurysma ist die Schlagader sackförmig erweitert: Die krankhafte Stelle der Aorta ist acht oder neun Zentimeter bei den behandelten Patienten im MHO groß. "Ist eine Schlagader ausgeleiert, besteht die Gefahr, dass sie platzt", erklärt Dr. Jörg Heckenkamp, Direktor des Gefäßzentrums und Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie des Marienhospitals Osnabrück (MHO). Ähnlich wie ein Luftballon ist auch die Wand einer Schlagader nur bis zu einem bestimmten Grad strapazierfähig. Platzt das Aneurysma, verblutet der Mensch innerhalb von wenigen Minuten von innen.Den neuen Stent setzt Dr. Jörg Heckenkamp, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am MHO, in eine krankhaft erweiterte Bauchschlagader ein. Foto: Jana Henschen

Zeitbombe im Bauch

Wenn ein Aneurysma mehr als fünf Zentimeter groß ist, wird operiert. Heckenkamp setzt bei seinen Patienten einen sogenannten Stent in die Schlagader ein. Ein Stent ist eine implantierbare Gefäßstütze, die genauso groß wie eine gesunde Schlagader ist. Das Blut fließt dann durch den Stent, das Aneurysma ist vom Blutstrom ausgeschaltet und kann nicht mehr platzen.

Über einen dünnen Drahtseil wird der Stent in die krankhaft erweiterte Bauchschlagader eingesetzt. Foto: W. L. Gore & Associates (UK) Ltd.


Als erste Klinik in Deutschland verwendet das Marienhospital Osnabrück nun eine innovative Prothese aus den USA. Neu an der Prothese: "Sie lässt sich knicken und ganz flexibel in jede Form bringen", sagt Heckenkamp. Vorher musste bei Patienten mit einer stark gewinkelten Aorta (Hauptschlagader des Menschen) der Bauchraum aufgeschnitten werden. Das ist nun nicht mehr notwendig. Stattdessen kann auch bei Patienten mit einer schwierigen Anatomie die weniger invasive Methode verwendet werden, bei der der Stent über eine Punktionsstelle in der Leiste eingeführt wird. "Selbst Hausärzte wundern sich später oft, dass nur so ein kleiner Punkt als Narbe bleibt", sagt Heckenkamp im OP.

Der neue Stent (rechts) hat das gleiche Grundmaterial, aber lässt sich dank der kleineren Wellen knicken. Foto: Jana Henschen


Schonender und risikoärmere Methode

Rund 70 Prozent der Aneurysmen werden endovaskulär behandelt. Der Eingriff innerhalb eines Blutgefäßes wird also nicht am Zielort, sondern an einer Punktionsstelle wie der Leiste eröffnet. "In unserem Haus werden 90 Prozent aller Patienten endovaskulär behandelt und wir hoffen dank des neuen Stents, noch mehr Patienten so versorgen zu können", so Heckenkamp. Die Methode sei für Patienten viel schonender und eine risikoärmere Alternative zur offenen Operation.

Das Team um Chefarzt Dr. Jörg Heckenkamp (hinten links) behandelte im Operationssaal drei Patienten mit dem neuen Stent. Foto: Jana Henschen


Statt drei bis vier Stunden dauerten die ersten beiden Operationen nur 1,5 Stunden. Der erste Patient war bereits mittags bei Bewusstsein. Heckenkamp geht davon aus, dass die Patienten nach zwei bis drei Tagen wieder entlassen werden können. "Es ist seltener notwendig, später erneut einen Eingriff vorzunehmen", sagt Heckenkamp, "aber das kommt natürlich vor." Es könne sein, dass sich an anderer Stelle ein neues Aneurysma bilde.

MHO als erste Klinik in Deutschland ausgewählt

„Dass wir für diese Deutschlandpremiere ausgewählt worden sind, ist eine große Ehre für unsere Klinik“, so der Chefarzt. Damit würdige der Hersteller aus den USA die zukunftsweisende Kompetenz der Klinik auf diesem Gebiet der Gefäßchirurgie. Das MHO arbeitet seit über zehn Jahren mit dem Stent von Gore und hat neben der Erfahrung einen hochmodernen Operationssaal. Der Hybrid-OP hat die neueste Technologie: Während die Ärzte operieren, können sie dank eines Röntgengerätes, welches sich wie ein Roboterarm in jede Richtung bewegen lässt, detaillierte Bilder des Bauchraums auf Bildschirmen sehen.

Der moderne Hybrid-OP des Marienhospitals Osnabrück (MHO) liefert den Ärzten während der Operation dank Röntgengerät aktuelle Bilder des Bauchraums des Patienten. Foto: Bettina Meckel-Wolf/Niels-Stensen-Kliniken

Die Osnabrücker Klinik ist die erste in Deutschland, die das Produkt einsetzt. Die Markteinführung in Deutschland ist damit erfolgt. In der kommenden Woche folgt ein Krankenhaus in Darmstadt. Abzuwarten bleibt, inwiefern sich der neue Stent auf dem Markt durchsetzen wird.

Der innovative Stent der Firma Gore kostet rund 8000 Euro. Das Krankenhaus erhält von den Krankenkassen eine Auslage von rund 14000 Euro und kann damit sowohl die Prothese als auch die OP-Kosten, die Ärzte und Krankenschwestern bezahlen. "Für mich steht die Gesundheit des Patienten im Vordergrund", sagt Heckenkamp, "den ich medizinisch bestmöglich versorgen möchte."

Vor allem Männer betroffen 

Rund drei Prozent der Bevölkerung über 50 Jahren haben ein Aneurysma im Bauchraum. Genetisch bedingt seien besonders Männer davon betroffen. Weitere Risikofaktoren sind hoher Bluthochdruck und Rauchen. "In den USA nennt man die Aneurysmen 'silent killer', weil man sie nicht merkt", sagt Heckenkamp. Häufig seien die Aneurysmen Zufallsbefunde, die bei der Darmkrebsvorsorge oder im Ultraschall beim Urologen entdeckt würden.

1955 starb Albert Einstein an einem Bauchaortenaneurysma. Bei einer Darm-OP hatte man das Aneurysma damals entdeckt, konnte es aber noch nicht heilen. Noch in den 50er Jahren wurde der erste Aortenersatz erfunden. Seit Anfang der 90er Jahre wird eine Gefäßstütze ähnlich wie heute in die Aorta eingeführt.


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