Sonderanfertigungen für Professoren Von Mäuselabyrinth bis Holz-Titanic: Das baut die Osnabrücker Uni-Tischlerei

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Uni-Tischlerei: Kerstin Schulz und Richard Jatzkowski an der Kreissäge. Foto: Thomas OsterfeldUni-Tischlerei: Kerstin Schulz und Richard Jatzkowski an der Kreissäge. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Die Universität Osnabrück besitzt eine eigene Tischlerei, die Ideen von Professoren in Holz umsetzt – vom Mäuselabyrinth bis zum Titanic-Modell. Sogar ein schwebender Schallplattenschrank entstand in der Werkstatt, wo von sieben Handwerkern drei Frauen sind.

Hinter Gebäude 62 der Universität Osnabrück, das neben dem Botanischen Garten auf dem Westerberg steht, verbirgt sich kein Hörsaal und kein akademischer Lehrstuhl, sondern die hauseigene Tischlerei. Schon von draußen hört man Hämmer schlagen und Sägen kreischen. Drinnen strömt einem der süße Geruch von Holz entgegen. 

Werkstattleiter Stefan Siebenand sitzt an seinem Schreibtisch vor dem Computer. Die meisten Möbel in seinem Büro hat er selbst angefertigt: Sideboard, Garderobe oder auch das Brett mit Spiegel, Ablage und Haken für Schlüssel.

Der Leiter der Uni-Tischlerei Stefan Siebenand ist für über 30 Gebäude zuständig. Foto: Thomas Osterfeld

16 Jahre lang ist der 50-Jährige aus Rulle schon Chef der Osnabrücker Uni-Tischlerei. Doch zu seinem Handwerkszeug gehören nicht nur Hammer und Säge, sondern auch Bleistift und Taschenrechner. Wenn zum Beispiel massenhaft neue Fenster oder Tische für Hörsäle benötigt werden, kalkuliert er die Mengen und beauftragt andere Firmen mit der Herstellung. Sein eigenes Team aus sieben Mitarbeitern könnte solche Großprojekte nicht in der gewünschten Zeit stemmen.

Mäuselabyrinth für die Verhaltensbiologie

Stattdessen hat sich die Uni-Tischlerei darauf spezialisiert, Sonderwünsche von Professoren zu erfüllen. Für einen Musikprofessor etwa baute sie mal einen Schrank, in den man mehrere Tubas hineinstellen kann. "Einen Einbauschrank kann ja jeder", sagt Siebenand. Für die Biologie schreinerte sein Team ein Mäuselabyrinth. "Barnes Maze" heißt die wissenschaftliche Testapparatur, bei der kognitive Fähigkeiten von Mäusen erforscht werden – insbesondere räumliches Lernvermögen.


Das Mäuseversuchsmodell bauten die Uni-Tischlerei. Foto: Stefan Siebenand


Runde Tischplatte mit zwölf Löchern

Das Versuchsmodell ähnelt einem runden Tisch. Am Rand der Tischplatte sind zwölf Löcher. Chadi Touma, Professor für Verhaltensbiologie an der Universität Osnabrück, erklärt: 


Unter der Platte steht der Heimatkäfig der Maus, der über einen Tunnel mit einem Loch in der Platte verbunden ist.


Alle anderen Löcher sind Sackgassen. Im Experiment zählt der Professor, wie oft die Maus einen falschen Weg ausprobiert, und misst zugleich die Zeit, bis die Maus wieder im Käfig ist. Der Theorie nach soll sich das Versuchstier mit jeder Wiederholung besser im Raum zurechtfinden und schneller ans Ziel kommen.

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"Die Uni-Tischlerei macht gute Arbeit", findet Touma. Ein Barnes Maze könne man zwar auch kaufen, "aber so ist es günstiger, und die Tischler bauen es so, wie wir es gerne hätten – zum Beispiel mit einer kleineren Oberfläche oder anderem Material." Für Touma zimmerte die Uni-Tischlerei übrigens noch eine andere Apparatur: die sogenannte "Dark-Light-Box". Sie besteht aus einer hellen und einer dunklen Kiste, die mit einem Tunnel verbunden sind. Damit werde das angstähnliche Verhalten der Mäuse getestet, so der Professor. "Wenn die Maus im Vorfeld ein angstlösendes Mittel bekam, hielt sie sich länger im hellen Bereich auf." Normalerweise bewege sich die Maus mehr im Dunklen, weil sie sonst eher von potenziellen Beutetieren angegriffen werden könnte.

Schiffsmodell aus Holz

Für den Fachbereich Physik umrahmten die Uni-Tischler eine Laseranlage mit Plexiglasscheiben. "Das Schwierige war, dass der Professor von allen Seiten an die Anlage herankommen wollte", berichtet Werkstattleiter Siebenand. Die Scheiben mussten also so angebracht werden, dass sie die Anlage umschließen und gleichzeitig flexibel geöffnet werden können.

"Ich kann Ihnen sagen, was wir bauen und wie, aber welche Forschung dahintersteckt, das wissen die Professoren", so der Tischlermeister. Von einem Schiffsmodell für die Physik beispielsweise könne er deshalb nur dies berichten: "Der Aufbau stellt im Unterricht die Titanic dar, welche von zwei Schleppern gezogen wird." Tatsächlich soll es zeigen, wie verschiedene Kräfte aufeinander wirken.  


Schiffsmodell: Physikalische Kräfte wirken zwischen der nachgebauten Titanic und zwei Schleppern. Foto: Stefan Siebenand


50 Prozent Frauen in Uni-Tischlerei

Siebenand hat drei Männer, zwei Frauen und eine Auszubildende in seinem Team. Mit einem Frauenanteil von 50 Prozent ist diese Tischlerei also nicht nur von ihrem Aufgabenfeld her besonders. Der Chef stellt fest: 


Heute gibt es mehr Frauen in diesem Beruf als vor zehn Jahren


Lehrling Paula Jacobi ergänzt: "In meinem Ausbildungskurs sind wir sieben Mädels von 25 Schülern." Andreas Lehr, Pressesprecher der Handwerkskammer Osnabrück, bestätigt: "Wir verzeichnen gerade in diesem Handwerksberuf immer mehr Frauen." Im Jahr 2014 starteten im Kammerbezirk Osnabrück–Emsland–Graftschaft Bentheim 39 Frauen eine Ausbildung zur Tischlerin; 2018 waren es bereits 57 Frauen.


Tischler-Azubi Paula Jacobi baut ihre eigene Werkzeugkiste. Foto: Thomas Osterfeld


Säurebeständige Arbeitsplatten

Weil die Uni-Tischlerei ein Ausbildungsbetrieb ist, wird sie Jacobi nach Ende ihrer Lehre nicht übernehmen. Was die 19-Jährige danach macht, weiß sie noch nicht genau. "Vielleicht werde ich reisen und danach studieren." Meister Siebenand selbst begann vor 25 Jahren als Geselle im Fachbereich Kunst. "Die Anforderungen der Künstler und deren Ideen waren sehr herausfordernd und spannend", erinnert er sich – und muss lachen, als er an so manchen verrückten Einfall von Kunststudenten denkt, der aus statischen Gründen nicht umsetzbar war.

Deutlicher sind da die Richtlinien und Vorgaben in Labors. Die Arbeitsplatten sollen resistent gegen Chemikalien und Säuren, kratz- und schlagfest sowie antibakteriell sein. "In den Labors dürfen keine offenen Spanplatten sein, weil sich dort Bakterien absetzen könnten", erklärt der Werkstattleiter. Undichte Stellen würden dann meistens überklebt – mit einem Material in roter Farbe, wie sie die Uni im Logo führt.

Irgendein Uni-Fenster ist immer defekt

Wenn die Tischler mal keine Sonderwünsche von Professoren erfüllen, sind sie für Reparaturen an über 30 Gebäuden der Universität zuständig, und somit für zahlreiche Trakte und unzählige Fenster. "Puh, wie viele Fenster genau weiß ich nicht", gesteht Siebenand, "aber es sind viele, und irgendwo ist immer was zu reparieren." Wenn Fenster ausgebessert werden müssen, schickt er einen seiner Mitarbeiter los oder schaut selbst nach. Denn die alten Uni-Gemäuer, die teils unter Denkmalschutz stehen, erfordern ebenfalls Lösungen, die nicht gerade handelsüblich sind.


Der Geselle Richard Jatzkowski baut Sonnenliegen für den botanischen Garten. Foto: Thomas Osterfeld


Schwebender Schallplattenschrank

So fertigten die Tischler mal für einen Musikprofessor einen besonderen Schrank an, in dem Schallplatten aufbewahrt werden sollten. Durch die große Sammlung an Vinyl kam ein enormes Gewicht zusammen. Siebenand erklärt: 


Das war so schwer, dass der Schrank nicht auf dem Boden des Schlosses stehen durfte, sondern an der Wand angebracht werden musste.


Aber eine passende Halterung gebe es eben nicht im Baumarkt. Also tüftelten die Tischler an einer Konstruktion, die auch heute noch den Schallplattenschrank hält.


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