Künstlerin Stella Geppert im Interview Projekt „Tangency“: Den Neumarkt humaner gestalten?

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Mit der Verknüpfung von Sichtachsen will Stella Geppert neue Perspektiven auf den Neumarkt eröffnen. Foto: NowitzkiMit der Verknüpfung von Sichtachsen will Stella Geppert neue Perspektiven auf den Neumarkt eröffnen. Foto: Nowitzki

Osnabrück „Augenblicksverknüpfungen“ nennt die Künstlerin Stella Geppert die Performance, die am Freitag, eingebunden in das Projekt „Tangency – Stadtverortung 2018“, am Neumarkt startet. Im Gespräch mit unserer Zeitung beantwortet sie Fragen zu Form und Zielsetzung der Performance.

Frau Geppert, ab Freitag wird man am Neumarkt Landvermesser der besonderen Art beobachten können. Was tun die dort?

Wir vermessen den Raum und kommunizieren mit ihm. Das ist Teil der Performance „Augenblicksverknüpfungen“, die ich im Rahmen des Projekts „Tangency“ in Osnabrück konzipiert habe.

Das heißt, Sie verknüpfen am Neumarkt Augenblicke? Wie geht das?

Es gibt drei Performer, die auf Dächern rund um den Neumarkt Position beziehen. Eine Vermesserin weist sie in ihre Positionen ein, nachdem sie die Koordinaten des Platzes aufgenommen hat. Letztendlich geht es um die Verknüpfungen von Blickachsen. Wenn wir uns in einen Raum begeben, gerade in einen öffentlichen Raum, fixieren wir meisten einen bestimmten Punkt oder verfolgen ein bestimmtes Ziel. Dadurch bilden wir eine Blickachse. Weil wir neugierig sind, schauen wir aber auch Objekten wie Autos und Personen hinterher. So zum Beispiel entsteht dann ein Blickstrahl. Um solche Strahlen geht es in meiner Performance.

Haben Sie dieses Konzept für Osnabrück entworfen?

Ja, aber erst, nachdem ich mich mit den Gegebenheiten hier auseinandergesetzt hatte. Die Idee, auf die Dächer zu gehen, ist bei meiner ersten Ortsbegehung entstanden. Ich habe festgestellt, dass der Platz allgemein enorm in Bewegung ist. Es gibt Autoverkehr, viele Passanten, außerdem ist der Platz ein Knotenpunkt für den öffentlichen Nahverkehr. Die Straßenverläufe ändern sich, im Moment sogar die Architektur, es wird gebaut. Da stellt sich doch die Frage, welche Funktion hat dieser Platz? Er ist durch und durch funktionalisiert, einerseits durch zielbestimmtes Gehen der Menschen von A nach B und anderseits durch den Konsum bestimmt.

Und Sie meinen, dass das nicht ausreicht?

Da hängt davon ab, was man von einem Platz erwartet. Er könnte ja auch andere Qualitäten aufweisen, als jene, von denen ich gerade sprach, zum Beispiel wie dies Plätze in Italien teilweise vermögen. Sie könnten auch Stätten der Kommunikation sein. Dieser Platz hier ist fast ausschließlich auf den Verkehr reduziert und die Kommunikation kommt zu kurz. Als ein allgemeiner Platz wird er seiner potentiellen Funktion nicht mehr gerecht.

Werden die Passanten auf der Osnabrücker Erde überhaupt auf die Performance aufmerksam?

Ja, indem sie die Vermesserin beobachten, indem sie versuchen, ihrer Blickachse zu folgen. Dann entdecken sie uns auf den Dächern und werden zusätzlich von wandelnden Bäumen irritiert, die sich auf dem Platz bewegen. Das ist der Bezug zur Natur, den ich herstellen möchte. Aber vielmehr geht es mir um die Blickachse, die durch die Irritation auf dem Boden abgelöst wird. Es ist halt eine „Augenblicksverknüpfung“. In den folgenden Tagen werden wir dann den Punkt der emotionalen Dichte eruieren, der dann wiederum als gleichberechtigter Messpunkt in die Koordinaten des Erdkörpers aufgenommen werden wird. Vielleicht finden wir über unsere Performance ein Konzept für eine humanere oder sozialere Gestaltung des Neumarkts.

Gab es besondere Herausforderungen bei der Umsetzung des Konzepts?

Oh, das war tatsächlich gar nicht so einfach. Es fing damit an, dass wir Genehmigungen einholen mussten, um überhaupt auf die Dächer gehen zu dürfen. Die Eigentümer bestehen natürlich darauf, dass wir ihre Gebäude und vor allem die Dächer nicht allein betreten, also werden wir immer von Hausmeistern begleitet, was ja auch verständlich ist. Allen Beteiligten sei an dieser Stelle für ihr Engagement gedankt. Außerdem mussten spezielle Versicherungen abgeschlossen werden. Aber das Team von „Tangency“ hat da sehr gute Arbeit geleistet.

Verbinden Sie mit den „Augenblicksverknüpfungen“ nicht sehr unterschiedliche künstlerische Arbeitsweisen?

Als Bildhauerin, die sich mit räumlichen Verhältnissen auseinandersetzt, bin ich es gewohnt, mich auf verschiedenen Ebenen zu bewegen. Die szenische und choreografische Bewegung ist nicht neu in der Bildhauerei. Wie der italienische Barockkünstler Gian Lorenzo Bernini zum Beispiel seine Skulpturen angelegt hat, wie er damit gearbeitet hat, dass sich die Blickachsen verändern, wenn man beispielsweise um die Skulptur „Apollo und Daphne“ herumgeht, da sehe ich durchaus Parallelen. Der Betrachtende vollzieht beim Herumgehen um die Skulptur die allmähliche Verwandlung von Daphne in einen Baum. Außerdem arbeite ich mit den Mitteln des Environments und des Happenings, die in den 60er Jahren praktiziert wurden und aus dem sich die Form der Performance entwickelt hat. Meine Richtung würde ich als performative Intervention bezeichnen, als Bildhauerin entwickle ich „choreografische Skulpturen“.


„Tangency – Stadtverortung 2018“. Performances am Neumarkt. 21. September (Eröffnung um 17 Uhr an der Ecke Große Hamkenstraße) bis 28. September.

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