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Erster Schritt in sichere Zukunft Osnabrücker Verein „Exil“ gibt kostenlos Deutschkurse für Flüchtlinge


Osnabrück. Ghana, Syrien, Pakistan, Ägypten: Es sind Krisenländer, aus denen die 14 Menschen stammen, die in der Lagerhalle zusammensitzen. Unter oft abenteuerlichen Umständen sind sie nach Deutschland, nach Osnabrück gekommen. Hier müssen sie vor allem eines können: warten. Und das auch mehrere Jahre. Denn Menschen, deren Asylanträge laufen oder die geduldet sind, haben kein Recht zu arbeiten oder Sprachkurse zu besuchen. Ein Stück Orientierung in unsicheren Zeiten gibt ihnen der Verein „Exil“.

Im Klassenzimmer ist es mucksmäuschenstill, während Maria Gottfried ganz langsam die ersten Sätze des Kurses spricht: „Guten Tag, ich bin Ihre Lehrerin.“ Klaus Stakemeier ergänzt ebenso ruhig: „Und ich bin Ihr Lehrer.“ Gemeinsam werden die beiden bis zu den Sommerferien die 14 Teilnehmer in die deutsche Sprache einführen. Für ihre Schüler ist der Kurs kostenlos, denn Asylanten haben nicht viel Geld. Laut Exil-Verein stehen Menschen, die Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten, monatlich 130 Euro zur freien Verfügung.

Amir ist seit September 2011 in Deutschland. Über die Türkei kam der Iraner nach Deutschland. Illegal. „Du musst Geld haben, um Leute zu bestechen, die dich außer Landes bringen“, erzählt der junge Mann, der in seiner Heimat seinen kleinen Sohn und seine ganze Familie zurückgelassen hat. Der Anlass für die Flucht des Musikers klingt für europäische Ohren absurd, in manchen Ländern aber ist es Alltag: „Die Richtung meiner Musik wurde vom Regime nicht akzeptiert“, sagt Amir. So flüchtete er per Flugzeug. Am Flughafen Hannover wurde er von der Polizei aufgegriffen, weil er keine gültigen Papiere bei sich hatte. Für Flüchtlinge ist das eine unheimliche Begegnung: „Man weiß ja nur, wie die Polizei im Iran ist“, erzählt Amir.

Zunächst kam er nach Braunschweig, dort stellte er seinen Asylantrag, dann kam er nach Osnabrück. Hier hofft er nun auf die baldige Anerkennung seines Antrags. Denn wie hoffnungslos sich manche Asylanten fühlen können, weiß er von einem Mitbewohner seiner Unterkunft an der Bremer Straße. Der Mann ist seit acht Jahren in Deutschland geduldet, hat keine Perspektive, wird schnell aggressiv und flüchtet sich inzwischen in den Alkohol.

Seine Geschichte erzählt Amir auf Deutsch. Vorsichtig bildet er deutsche Sätze. Wort für Wort. Ab und zu hilft ihm Sohila Abtehi, seine Gedanken in der ihm fremden Sprache zu formulieren. Sie arbeitet seit acht Jahren für den Verein „Exil“, der die Sprachkurse seit dem Jahr 2012 anbietet. Die auf Deutsch gestellten Fragen versteht Amir. Denn schon im vergangenen Jahr nahm der Perser an dem dreimonatigen Sprachkurs teil. Zweimal in der Woche treffen sich die Teilnehmer mit ihren Lehrern für zwei Stunden in einem Raum der Lagerhalle.

„Fast alle, die zu uns kommen, wünschen sich, die Sprache kennenzulernen“, sagt Sohila Abtehi. Die Aktiven des Exil-Vereins beraten Asylanten und Migranten zu Fragen des Aufenthalts- und Sozialrechts, zum Zugang zum Arbeitsmarkt, zur Integration und zur medizinischen Versorgung.

Dabei gehen die Mitarbeiter auch ins Flüchtlingslager Bramsche-Hesepe. „Flüchtlinge dort fragten uns, ob wir Sprachkurse anbieten“, erinnert sich Sohila Abtehi und ergänzt: „Die einzige Möglichkeit, in einem Land Fuß zu fassen und Verbindung zu einer Kultur aufzunehmen, ist die Sprache.“ Besonders groß sei die Motivation, Deutsch zu lernen, gleich zu Beginn des Aufenthaltes.

Auch deshalb wollten die Aktiven des Exil-Vereins dem Wunsch nach Deutschkursen gern nachkommen. „Wir versuchten, in bereits bestehende Kurse der örtlichen Anbieter hineinzukommen“, sagt Abtehi. Doch das war vergeblich. Der Kosten und auch der Kapazitäten wegen.

So erarbeiteten sich die ehrenamtlichen Helfer ein eigenes Konzept, eine eigene Idee, Kurse anzubieten. Kostenlos sollte die Teilnahme sein, denn Asylanten stehen monatlich nur 130 Euro zur Verfügung.

Hier liegt auch das Problem des Exil-Vereins. Denn obwohl die Lehrer ehrenamtlich arbeiten, müssen die Kurse finanziert sein: Räume, Schulbücher, Lernmaterial und die Fahrten zum Kurs kosten Geld. „Wir sind auf Spenden angewiesen“, sagt Dieter Krüger, Mitglied des Exil-Vereins. Gern würden die Aktiven mehr Kurse anbieten oder einen dritten Tag, an dem gelernt werden kann. Willkommen sind dazu natürlich auch weitere ehrenamtliche Lehrer.

Mit Maria Gottfried, einer ehemaligen Lehrerin, und Klaus Stakemeier, ehemaligem Korrektor der NOZ, fanden sich bislang zwei engagierte Dozenten, die die Kurse gemeinsam begleiten. Sie wechseln sich ab: Dienstags steht Maria Gottfried an der Tafel, donnerstags ist es Klaus Stakemeier.

Nur in der ersten Stunde stellen sich die beiden gemeinsam vor. Mit dabei sind auch Sohila Abtehi und die beiden Studentinnen Cora Hummert und Swantje Decker. Neben ihrem Studium des Fachs „Cognitive Science“ (Kognitionswissenschaft, Erforschung der geistigen Prozesse) und Psychologie kümmern sich die beiden ehrenamtlich um organisatorische Fragen, oder sie dolmetschen in der ersten Stunde. Deutsch–Englisch, Englisch–Deutsch. Denn gerade beim ersten Treffen ist auch viel Organisatorisches zu klären. Beispielsweise, welche Ermäßigungen es für Busfahrkarten gibt.

Nach wenigen Minuten geht es dann intensiver los mit der deutschen Sprache, wobei: „Wir bieten nur eine Einführung. Ein richtiger Sprachkurs ist das eigentlich nicht“, sagt Klaus Stakemeier. Mit dem Eintritt seiner Rente wollte er sich gern ehrenamtlich engagieren. Der Weg zu „Exil“ war für ihn nicht weit, hat er doch privat viele Kontakte zu Migranten. „Die Erde ist nur eine Heimat, und alle Menschen sind ihre Bewohner“, sagt er.

Das Wichtigste für die Kursteilnehmer sei das Gefühl, angenommen zu sein, und dabei helfe vor allem die Sprache, meint Stakemeier. Über Verben, Adjektive und Nomen hinaus vermittelt der Kurs auch deutsche Kultur. So geht es bei Ausflügen gemeinsam in die Marienkirche und die Altstadt, die christlichen Feiertage werden erklärt. „Und ich erläutere, was die Maiwoche ist“, ergänzt Stakemeier, der sich über die Höflichkeit der Kursteilnehmer freut. Die persönliche Geschichte seiner Schützlinge versucht er indes, weitgehend aus dem Unterricht fernzuhalten. Denn diese zwei Stunden gehören dem Lernen.

„Alle Menschen, die hier sind und Deutsch lernen wollen, müssen es dürfen“, sagt Dieter Krüger energisch und ergänzt: „Viele halten Asylanten für faul. Aber sie sind nicht faul. Sie dürfen nichts tun.“ Gerade angesichts ihrer persönlichen Situation hätten sie Unterstützung verdient. „Die kommen ja nicht mit dem Orient-Express hierher“, betont Krüger.

Für Amir beispielsweise war es nicht wichtig, wohin ihn seine Flucht führte, nach Deutschland oder in ein anderes Land. Hauptsache, raus aus dem Iran, um in Sicherheit zu sein. Dafür hat er einiges in Kauf genommen. Nicht nur dass seine Familie nicht bei ihm ist, er muss ihr auch glaubhaft versichern, dass es ihm gut geht, damit sich Eltern und Geschwister keine Sorgen machen.

Und womit verbringt er seine Zeit? „Ein bisschen Musik, ein bisschen Sport. Und der Sprachkurs, der hat mir sehr geholfen, mich zurechtzufinden“, sagt Amir ganz ohne Hilfe auf Deutsch.


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