Interview mit Michael Schmoll Kammerchorleiter über eine alles andere als tote Musikszene im Osnabrücker Land

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Ganzer Stolz: In seinem Wohnzimmer spielt Michael Schmoll auf seinem restaurierten Cembalo, das er regelmäßig auch zu Auftritten mitnimmt. Foto: Thomas OsterfeldGanzer Stolz: In seinem Wohnzimmer spielt Michael Schmoll auf seinem restaurierten Cembalo, das er regelmäßig auch zu Auftritten mitnimmt. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Seit 40 Jahren leitet der studierte Pianist Michael Schmoll Chöre wie den Osnabrücker Kammerchor Corona Vocalis. Hauptberuflich lehrt er an der Hochschule Osnabrück Gehörbildung und Musiktheorie. Im Interview berichtet der 60-Jährige von der lebendigen Chorszene in der Region, und welche wichtige Funktion ein Chor jenseits der Musik hat.

Herr Schmoll, Ihren ersten Chor haben Sie 1978 übernommen. Was hat Sie über einen so langen Zeitraum an der Arbeit mit Chören fasziniert?

Diesen ersten Chor habe ich direkt nach meinem Examen übernommen. Obwohl ich mir während des Studiums eigentlich geschworen hatte, nie einen Chor zu leiten. Ich fand das einfach furchtbar. Lustig, dass genau das im Laufe der Zeit für mich so wichtig geworden ist. Ich glaube es ist einfach die Arbeit mit den Menschen, die mich begeistert. Ein Chor ist wie ein lebendes Instrument, das aber natürlich auch seine Macken haben kann. Ein Chor kann genau wie ein Klavier verstimmt sein, und das kann unzählige Gründe haben. Es ist also ein sehr gefährliches Instrument. Ich habe am Ende ziemlich wenig Einfluss auf den Klang. Ich kann den Chor nur dirigieren, was am Ende rauskommt, bestimmen die Sänger. Aber das macht es einfach spannend.

Was macht für Sie einen guten Chor aus?

Das ist vergleichbar mit einem guten Orchester. Jeder einzelne bringt sich mit seinen musikalischen Leistungen und Fähigkeiten ein. Je besser die sind, desto leichter habe ich es natürlich als Chorleiter. Je mehr Aufbauarbeit ich leisten muss, umso länger dauert es auch bis ein Chor gut ist. 

Von welchen Fähigkeiten sprechen Sie genau?

Zum einen natürlich eine gute Singstimme und eine gute musikalische Auffassungsgabe. Lieder vom Blatt singen zu können, wird dagegen oft zu hoch bewertet. Es ist auf jeden Fall toll, wenn ein Sänger das kann aber wichtiger ist, dass er sich Töne gut merken und sich einfügen kann. Mit seiner Stimme ist der Sänger Teil eines Klangs und trägt zum Gesamtbild des Chores bei. Bei einem Instrument würde man darauf achten, wie teuer es ist oder wie gut es gebaut ist. Beim Chor singt jeder mit dem Instrument, das ihm von Natur aus gegeben ist – und das ist bei den Menschen natürlich sehr verschieden. 

Wie gehen Sie mit diesen verschiedenen Instrumenten um?

Wenn jemand Neues in den Chor kommt, ist es wichtig, sich mit demjenigen auch auseinanderzusetzen. Viele sind überfordert damit, dass so viele Leute um sie herum verschiedene Töne singen. Als Chorleiter muss man den Mut und die Power haben, sich um neue Mitglieder zu kümmern, und vielleicht in Einzelproben erstmal zu zweit zu singen.

40 Jahre Begeisterung: Um den musikalischen Nachwuchs zu fördern, gründete Michael Schmoll 1993 die Musikakademie Dümmer-See als Anlaufstelle für musikalische Gruppen, Chöre und Schulklassen. Foto: Thomas Osterfeld


Welchen Herausforderungen sehen Sie sich als Chorleiter noch gegenüber?

Die Frage ist immer: Wie vermittle ich den Sängern die Musikstücke? Sag mir wie du probst und ich sag dir wie du klingst – das ist über die Jahre zu einem meiner Leitsprüche geworden. Zu einer Probe im Amateurbereich kommen die Menschen freiwillig. Ich muss also erstmal überlegen: Wie gehe ich mit denen um? Wenn ich die Sänger in den ersten zehn Minuten platt mache, haben sie keinen Spaß mehr. Da muss ich also sehr diplomatisch und behutsam vorgehen. Die Stücke sind dagegen im Amateurbereich eher einfach – zumindest, wenn man Musik studiert hat.

Es geht also um mehr, als nur darum für Auftritte zu proben?

Es gibt so einen Leitspruch: Wenn du in die Probe kommst und dich nicht nach zehn Minuten besser fühlst als vorher, dann stimmt etwas nicht. Manche Sänger hatten vielleicht einen schlechten Tag, haben überlegt, ob sie überhaupt zur Probe kommen. Aber wenn sie erst da sind, ist alles nach kurzer Zeit vergessen. Die Sänger müssen einfach sagen können: Das war eine tolle Probe, und es hat Spaß gemacht. Das klappt natürlich nicht immer, aber doch meistens.

Wie hat sich die Chorszene im Osnabrücker Land in den vergangenen Jahrzehnten geändert? 

Die gewachsenen Chöre, also die ortsgebundenen, wie zum Beispiel Kirchenchöre, leiden derzeit besonders. Für viele Menschen sind feste Probezeiten nicht mehr regelmäßig wahrzunehmen. Das hat viel mit der heutigen Arbeitswelt zu tun. Wer abends bis 22 Uhr arbeitet, kann einfach nicht im Chor singen. Vielen Menschen fehlt es nicht an der Begeisterung für die Musik, sondern an der Zeit.

Wie kann die Chorszene diesem Trend entgegenwirken?

Die Verantwortlichen müssen neue Angebote schaffen. Die gewachsenen Chöre tun sich aber schwer damit. Ein Probenwochenende oder ähnliche Veranstaltungen sind oft nicht möglich. Da gibt es seit 50 Jahren einen festen Probentag in der Woche und daran wird nicht gerüttelt. Wobei das auch etwas Schönes hat. Ich kenne 80-jährige Sänger, die sich die ganze Woche auf diese Probe freuen. Chor hat also auch immer eine soziale Komponente. Es muss nur jeder den richtigen Chor für sich finden. 

Welche Bandbreite an Chören gibt es in der Region?

Erstmal sind es alles Amateurchöre, die aber auf verschiedenen Leveln agieren. Wir haben Ortschöre, die gelegentlich auftreten und auch nicht so oft proben, bis hin zu Ensembles, die auf einem sehr hohen Niveau singen. Ähnlich groß ist die Bandbreite bei den Genres. Von der klassisch-romantischen Chormusik, die wir im Kammerchor singen über Neue Musik, sakrale Musik, Gospelchöre – von denen es rund 30 in der Gegend gibt – Pop-Chöre, Angebote für Kinder und Shanty-Chöre ist die Szene sehr gut aufgestellt.

Angenommen ich habe mit meinem Chor ein festes Programm eingeprobt: Welche Möglichkeiten habe ich dann, um aufzutreten?

Viele Chöre haben ihre festen Orte und Anlässe für Auftritte vor allem in den Gemeinden und Kirchen. Die freie Chorszene muss sich dagegen selbst um Auftritte bemühen. Mein Chor Corona Vocalis ist zum Beispiel völlig ungebunden. Wir müssen immer aufs Neue schauen, zu welchem Veranstaltungsort wir mit unserem Programm passen. Inzwischen werden wir aber auch regelmäßig eingeladen. Viele Chöre tauschen sich untereinander aus, auch was Möglichkeiten für Auftritte angeht. 

Wie bewerten Sie die Zukunft der Szene?

Viele Ensembles brechen mit der Zeit altersbedingt weg. Es gibt aber fast genauso viele Neugründungen besonders im Bereich der Popmusik. Auf dem absteigenden Ast ist die Szene also definitiv nicht.


Mein lieber Herr Gesangsverein

Shanty, Gospel, Klassik oder Pop: Die Chorszene im Landkreis Osnabrück ist breit gefächert und lebt besonders von Menschen, die sich ehrenamtlich für Vereine und Gruppen einsetzen. Bei vielen Ensembles bleibt jedoch der Nachwuchs aus. Das Resultat: Gerade alteingesessene Ortschöre verschwinden über die Jahre. Dabei erfüllt die Chorszene nicht nur einen musikalischen Zweck. Mehr soziale Kontakte im Alter, ein Ausgleich nach einem stressigen Arbeitstag und ein besserer Zusammenhalt vor allem in kleineren Gemeinden – das alles wurde bereits wissenschaftlich nachgewiesen. Aus diesen Gründen präsentieren wir Ihnen in den kommenden Wochen unserer Serie "Mein lieber Herr Gesangsverein", bei der wir Chöre aller Altersgruppen und Genres aus dem Landkreis Osnabrück vorstellen. Sie singen auch in einer lockeren Gemeinschaft oder einem Chor? Dann melden Sie sich in der Lokalredaktion unter Tel. 0541/310-631 beziehungsweise per E-Mail an sekretariat-stadt@noz.de.

Corona Vocalis auf der Bühne

Unter dem Titel "Komponisten-Jubiläen 2018" gibt Michael Schmoll am Donnerstag, 27. September, mit dem Kammerchor Corona Vocalis ein Konzert in der Osnabrücker Bergkirche. Beginn ist um 21 Uhr, der Eintritt ist frei. 

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