10 Jahre Runder Tisch Bald ein Junger Tisch der Religionen in Osnabrück?

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Diese jungen Leute gaben dem Festakt zum Jubiläum des Runden Tisches der Religionen eine besondere Wendung: (von links) Karlina Becker, Lea Feldkamp, Yasin Kabaktepe, Nika Ghaduashvili und Hannah Lassek. Nicht im Bild ist Tasnem Koukeh. Foto: Hans-Hermann TiemannDiese jungen Leute gaben dem Festakt zum Jubiläum des Runden Tisches der Religionen eine besondere Wendung: (von links) Karlina Becker, Lea Feldkamp, Yasin Kabaktepe, Nika Ghaduashvili und Hannah Lassek. Nicht im Bild ist Tasnem Koukeh. Foto: Hans-Hermann Tiemann

Osnabrück. Der Festakt zum zehnjährigen Bestehen des Runden Tisches der Religionen im Osnabrücker Rathaus nahm plötzlich eine unerwartete Wende: Sechs junge Menschen gaben die Initialzündung zur Gründung eines Jungen Tisches der Religionen.

Es waren vor allem Menschen des mittleren und gehobenen Alters, die am Montagabend im Friedenssaal die Gründung des Runden Tisches der Religionen vor zehn Jahren gemeinsam feiern wollten. Aber auch sechs Jugendliche – Christen, Juden, Muslime – waren da, und sie sollten bald neben Innenminister Boris Pistorius die Hauptrollen spielen. Unter der Moderation von Susanne Haverkamp erzählten Karlina Becker (16, Jüdin), Lea Feldkamp (17, Christin), Yasin Kabaktepe (25, Muslim), Hannah Lassek (17, Christin), Tasnem Koukeh (17, Muslima) und Nika Ghaduashvili (17, Jude), was ihnen der Glaube bedeutet, wie sie mit Gleichaltrigen darüber reden und was ihnen im Alltag widerfährt, wenn sie als Juden oder Muslime erkannt werden.

"Ich fühle mich wohl in Osnabrück", sagte etwa Tasnem Koukeh, "aber manchmal hört man schon von der Seite: Guck mal, ein Kind mit Kopftuch." Anfeindungen? Nein, das hat keiner von ihnen persönlich bislang erlebt, eher viel Neugierde und Nachfragen der Mitschüler. 

Lea Feldkamp sagte, sie habe in der Vorbereitung dieser Gesprächsrunde zum ersten Mal intensiveren Kontakt zu andersgläubigen, jungen Menschen geknüpft. "Das hat mich unheimlich bewegt, und ich würde mich freuen, wenn sich daraus ein Runder Tisch der Religionen für Jugendliche entwickeln würde." Der Funke war gezündet.

Davon ließ sich auch Reinhold Mokrosch anstecken, Mitgründer und Sprecher des Runden Tisches. Ja, junge Leute, aber auch Frauen und andere Religionsgemeinschaften seien am Runden Tisch willkommen, sagte der evangelische Theologe. Er blickte auf die Tätigkeit des Rundes Tisches zurück, der sich tagespolitisch mit  öffentlichen Erklärungen und Demonstrationen zu Wort gemeldet habe, vor allem aber das Verständnis füreinander verbessert und das Miteinander in der Friedensstaat bereichert habe. "Gemeinsamkeiten stärken, den Unterschieden gerecht werden", das sei ein Grundsatz am Runden Tisch.

Osnabrück war vor zehn Jahren ein Vorreiter in der interreligiösen Arbeit. Mokrosch, VHS-Geschäftsführer Carl-Heinrich Bösling, Margret Poggemeier und Aloys Lögering  waren 2007 die Initiatoren des Runden Tisches. Im Juni 2008 trafen sich Vertreter der christlichen Kirchen, der muslimischen und jüdischen Gemeinschaften zum ersten Mal. Später stieß die Bahai-Gemeinde dazu. Der Runde Tisch solle der Vertrauensbildung und als Brücke der Religionen zur Stadt  dienen, wie es in der Satzung heißt. 

An der Spitze der Stadt stand in der Gründungszeit des Rundes Tisches Boris Pistorius (SPD), heute niedersächsischer Innenminister. Er nutzte seine Redezeit für ein flammendes Appell, allen islamfeindlichen, antisemitischen, rassistischen oder demokratiefeindlichen Bestrebungen entschlossen entgegen zu treten. Mit Blick auf Chemnitz und Köthen sagte Pistorius: "Hören wir auf zu beschwichtigen und kleinzureden. Verständnis haben für die Sorgen, ja, aber nicht für die Art und Weise, wie sich diese Bahn brechen."

2019 werde ein richtungweisendes Jahr werden. "Wenn wir nicht aufpassen, erlebt unsere Gesellschaft einen Umbruch", mahnte Pistorius und erinnerte an die Wahlergebnisse für die NSDAP zwischen 1926 und 1933. In diesen sieben Jahren steigerte die Hitler-Partei ihren Stimmenanteil von drei auf 43 Prozent. Der Unterschied zu heute sei, "dass wir Erfahrung haben mit Faschismus und Ausländerfeindlichkeit und dass wir seit 70 Jahren in einer stabilen Demokratie leben". Der Runde Tisch der Religionen ein kleiner, aber wirkungsvoller Baustein des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Diesen Zusammenhalt bekräftigten auch Michael Grünberg von der jüdischen Gemeinde und Mustafa Cito von der muslimischen Milli-Görrüs-Gemeinde. Ganz so friedlich wie es scheine, sei das Zusammenleben in der Friedensstadt aber nicht, sagte Grünberg. "Auch in Osnabrück muss das jüdische Gemeindezentrum beschützt werden, auch hier gibt es Islamfeindlichkeit." Wenn es Probleme und offene Feindseligkeiten gegen Gläubige welcher Religion auch immer gebe sollte, "stehen wir an ihrer Seite", versicherte Grünberg. Mustafa Cito ergänzte: "Wir wollen in keiner Gesellschaft leben, in der Menschen ihre Religiösität vertuschen müssen."



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