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Scheel: Verständnis für Horst Köhler

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Über den Rücktritt von Horst Köhler, die Fußball-WM und eine Mitgliedschaft in der NSDAP sprach Alt-Bundespräsident Walter Scheel im Interview unserer Zeitung:Herr Scheel, eine Ihrer ersten Amtshandlungen war die Überreichung des WM-Pokals an das Team von Helmut Schön. Was trauen Sie Jogi Löw zu?Die deutsche Nationalmannschaft ist eine Turniermannschaft.

Daher hoffe ich, dass sie eine gute Leistung bringen wird. Das erste Spiel war ja schon ein toller Start.

Was hat es für Sie bedeutet, das deutsche Team als Weltmeister zu ehren?

Es war eine Sensation. Ich war gerade als Bundespräsident am 1. Juli vereidigt worden und zog mit meiner Familie in die Villa Hammerschmidt, als der Tag des Endspiels kam: Neben meinem Freund Prinz Bernhard der Niederlande konnte ich das Spiel sehen und dann dem strahlenden Beckenbauer den Pokal überreichen. Da war mein 55. Geburtstag, in den wir hineinfeierten, schön, aber nebensächlich.

Dem zehnten Bundespräsidenten könnte also Ähnliches bevorstehen wie Ihnen?

Die Weltmeisterschaft findet ja nicht in Deutschland statt. Aber Ihre Frage zielt auf das Amt ab. Wir können alle sehr glücklich über die Konstruktion unserer Verfassung sein. Dem Parlamentarischen Rat ist 1948 ein Meisterwerk gelungen. Wir können überaus glücklich über unseren ersten Präsidenten Theodor Heuss sein, der dem Amt eine Prägung gab, die vortrefflich war. Noch heute lebt das Amt des Bundespräsidenten davon.

Wären Sie an Horst Köhlers Stelle zurückgetreten?

Ich habe Verständnis für das Handeln des Bundespräsidenten Horst Köhler in dieser speziellen Situation. Aber einen Vergleich zu anderen Personen oder zu mir zu ziehen ist einfach absurd. Es geht gerade um das Persönliche, das eben nicht auf andere Personen zu übertragen ist.

Was muss ein Bundespräsident Ihrer Ansicht nach bewirken?

Ich will eigentlich nicht von „muss“ sprechen. Aber der Bundespräsident muss Vorbild und erster Vertreter des Volkes sein.

Ende der 1970er-Jahre hieß es, Sie seien Mitglied der NSDAP gewesen. Stimmt das?

Nein. Ich war von dem Tage an, als Deutschland und Frankreich gegeneinander Krieg geführt haben, bis zum Kriegsende Soldat der Luftwaffe. Und als Soldat der Wehrmacht war es gesetzlich verboten, Mitglied der NSDAP zu sein. Im Übrigen wäre eine NSDAP-Mitgliedschaft für mich nicht infrage gekommen.

Sie waren Bundespräsident während des sogenannten Deutschen Herbstes. Sahen Sie damals Staat und Gesellschaft bedroht?

Es war eine dramatische Zeit, und ich stand ständig im Austausch mit dem Innenminister, dem Kanzler und Hans-Dietrich Genscher. Aber die Bundesrepublik hat auch gezeigt, welchen Zusammengehörigkeitssinn sie hat und mit welcher Kraft sie Krisen meistern kann.

Haben Sie damals je ans Aufgeben gedacht?

Nein.

Zeitzeugen zufolge hatte für Sie das Amt oberste Priorität: Ihren Besuch bei US-Präsident Gerald Ford sollen Sie noch mit Bravour bewältigt haben, danach aber mit einer Nierenkolik zusammengebrochen sein. Was ist damals passiert?

Meine Gesundheit war damals nicht in besonders guter Verfassung. An einen Zusammenbruch kann ich mich allerdings nicht erinnern. Wohl, dass ich froh war, wieder in Deutschland zu sein und dort von meinen Ärzten behandelt zu werden.

Wie ist Ihre Gesundheit heute?

Mir geht es eigentlich gut. Die Teile des Körpers, die Schwierigkeiten bereitet haben, habe ich rausgeschmissen und alle Versuche, meiner Gesundheit zu schaden, bekämpfe ich mit allen Mitteln. Hinzu kommt, dassich das Glück habe, wenig „normale“ Gesundheitsbeschwerden zu haben. Ich habe nie so etwas wie Kopfschmerzen oder Halsschmerzen. Auf der anderen Seite: Mit fast 91 Jahren ist alles nicht mehr so einfach wie mit neun Jahren.


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