Silberbecher löst Spurensuche aus „Ballon-Fuchsjagd“ schließt Lücke in Osnabrücker Flieger-Chronik

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Aus der Versenkung aufgetaucht: Ein 108 Jahre alter Silberbecher, hier präsentiert vom segelfliegenden Superintendenten Joachim Jeska, erinnert an die „Ballon-Fuchsjagd“ im September 1910. Foto: Gert WestdörpAus der Versenkung aufgetaucht: Ein 108 Jahre alter Silberbecher, hier präsentiert vom segelfliegenden Superintendenten Joachim Jeska, erinnert an die „Ballon-Fuchsjagd“ im September 1910. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Die Osnabrücker Segelflieger sind ihrer eigenen Geschichte wieder ein Stück näher gekommen. Keiner hatte je von der „Ballon-Fuchsjagd“ gehört – bis jetzt ein silberner Becher zur Erinnerung an das lokale Großereignis im Jahr 1910 auftauchte.

Ein Antiquitätenhändler war aus dem Privatbesitz wahrscheinlich eines Nachkommen der damals beteiligten Ballonfahrer an den Becher gekommen. Er fand heraus, dass der eingravierte Stifter des Bechers, der „Osnabrücker Verein für Luftschiffahrt“, heute unter dem Namen „Osnabrücker Verein für Luftfahrt“ (OVfL) fortlebt und Segelflug auf dem Flugplatz Achmer betreibt. Eine kurze Anfrage genügte: Ja klar, die heutigen Luftfahrer hatten Interesse an dem Becher und erwarben ihn.

Zeitungsarchiv hilft

Besonders neugierig machte sie das eingravierte Datum: 25. September 1910. Der Verein war ein Jahr zuvor von Enthusiasten der Ballonfahrt gegründet worden, Motor- oder Segelflug standen noch nicht auf dem Programm. Die Vereinsaufzeichnungen gaben nichts darüber her, was im zweiten Vereinsjahr am 25. September wohl passiert sein könnte. Joachim Jeska, promovierter Theologe, seit zwei Jahren Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Osnabrück und in seiner Freizeit begeisterter Segelflieger, befragte das Zeitungsarchiv. Und siehe da, es konnte weiterhelfen: Unter „Lokales“ berichtet das „Osnabrücker Tageblatt“ am 26. September 1910 über die „gestrige Ballonfuchsjagd“, die unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und unter dem Protektorat des Großherzogs von Oldenburg stattgefunden habe.


Osnabrücks erster Freiballon wurde im Juli 1909 von Oberbürgermeister Julius Rißmüller feierlich auf den Namen „Osnabrück“ getauft und stieg von der Wiese neben der Gasanstalt an der Luisenstraße zum Jungfernflug auf. Ansichtskarte des Verlags Rudolf Lichtenberg aus der Sammlung von Helmut Riecken.


Beteiligt waren der Ballon „Osnabrück“, der an der roten „Äquatorbinde“ als zu verfolgender „Fuchs“ zu erkennen war, und als „Meute“ die Ballons „Münster“, „Bielefeld“ und „Elmendorf“. Bereits die Füllung mit Stadtgas, die morgens um kurz nach sieben Uhr begann und viereinhalb Stunden dauerte, zog eine „nach Tausenden zählende Menschenmenge“ an, die beim Spiel der Infanteriekapelle „den für diese Zwecke vorzüglich geeigneten Startplatz bei der städtischen Gasanstalt umstand“. Führer des Ballons war Oberleutnant Klotz vom Feld-Artillerie-Regiment Nr. 62. Die Zeitung vergisst nicht zu erwähnen, dass sich unter den drei Mitfahrenden sogar eine „hiesige Dame“ befand, nämlich ein Fräulein Frielinghaus.

"Fuchs" und "Meute" steigen auf

Kurz nach zwölf Uhr erhob sich „unter brausendem Jubel der Menge der Ballon ‚Osnabrück‘ in majestätischem, fast kerzengeradem Aufstieg in die Lüfte, um langsam über den Südosten der Stadt seinen Weg in der Richtung nach Iburg – Lengerich zu nehmen“. Die drei Verfolger-Ballons folgten in kurzen Abständen. „Osnabrück“, „Bielefeld“ und „Elmendorf“ blieben ziemlich nahe zusammen, während der Ballon „Münster“ gleich von Anfang an „bedeutende Mengen Ballast auswarf und zu beträchtlicher Höhe emporstieg, sodaß er zeitweilig in einer Wolkenschicht verschwand.“ Offensichtlich hatten sich die Münsteraner in größerer Höhe günstigere Winde zu ihrem Vorteil versprochen. Die Sache ging jedoch schief, „Münster“ verlor das Feld um den Fuchs und gab schließlich auf. Der Fuchsballon „Osnabrück“ landete um 14.05 Uhr glatt bei Dorfbauer in der Gemeinde Lienen. Ihm am nächsten ging „Bielefeld“ nieder und wurde damit erster Sieger, „Elmendorf“ belegte Platz zwei.

Huldigungstelegramm an Großherzog

Mit der Fuchsjagd war auch eine Automobilverfolgung verbunden. Die recht langsame Ballonfahrt brachte es mit sich, dass die Autos keine Probleme hatten, mitzuhalten. Fünf Automobilisten erreichten den Landeplatz nahezu gleichzeitig, sodass der Sieger per Losentscheid bestimmt werden musste. Abends beim Festessen im 


Silberbecher zur Erinnerung an die "Ballon-Fuchsjagd" am 25. September 1910. Foto: Gert Westdörp.


Großen Klub erhielten alle Teilnehmer Erinnerungsbecher überreicht. „Der festlichen Stimmung gab der Vorsitzende des Osnabrücker Vereins, Hauptmann Romberg, in einer zündenden Rede Ausdruck, in der die Bedeutung der Luftschiffahrt und […] die Veranstaltung des Tages und ihre schönen Erfolge beleuchtet wurden.“ Die Teilnehmer des Abends verfassten ein „Huldigungs- und Dankestelegramm für die Übernahme des Protektorats“ an den Großherzog. Der kabelte sofort zurück: „Erfreut über den guten Verlauf sende ich freundlichen Dank und Gruß. Friedrich August, Großherzog von Oldenburg.“

Ballon auf Nussbaum-Bild

Für Jeska und seine Fliegerkameraden ist die Geschichte von der Ballon-Fuchsjagd ein wertvoller Mosaikstein in ihrer Vereinsgeschichte, von dem bislang keiner etwas wusste, und der durch den Erinnerungsbecher nun auch fassbar geworden ist. Ein weiterer spannender Aspekt kam im Zuge der Nachforschungen ans Tageslicht: Felix 


Felix Nussbaum hat den Ballon auf seinem Gemälde „Landstraße mit malendem Felix Nussbaum“ aus dem Jahr 1928 verewigt. Dadurch ist die gelbe Farbe der Ballonhülle bekannt. Repro: VG Bild-Kunst, Bonn.


Nussbaum hat auf seinem Gemälde „Landstraße mit malendem Felix Nussbaum“ aus dem Jahr 1928 den Ballon „Osnabrück I“ verewigt. Auf dem Bild sieht man, dass der Ballon eine gelbe Hülle hatte. „Auch das wussten wir bislang nicht, weil wir nur Schwarz-Weiß-Bilder von unserem Ballon im Archiv haben“, beschreibt Jeska den weiteren Erkenntnisgewinn.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN