Zwischen den Exponaten lauert der Krieg Ausstellung in der Osnabrück nähert sich vielschichtig den letzten Kriegstagen

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Marikke Heinz-Hoek und Nils-Arne Kässens, Direktor des Nussbaum-Hauses, bei der Ausstellungseröffnung. Foto: Thomas OsterfeldMarikke Heinz-Hoek und Nils-Arne Kässens, Direktor des Nussbaum-Hauses, bei der Ausstellungseröffnung. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. „Es wird gewesen sein“ heißt die Ausstellung mit Exponaten von Marikke Heinz-Hoek, die sich mit eigener und kollektiver Vergangenheit künstlerisch auseinandersetzt.

Im kargen Kellerraum sind zwei unscharfe Fotografien von Kindern zu sehen. Mit großen Augen scheinen sie einen anzuschauen. Die Münder sind entstellt, die Haare scheinen sich aufzulösen. Was ist mit diesen Kindern? Eine handschriftliche Karte neben den Fotografien gibt nicht wirklich Aufschluss: „Berlin 1945“ ist da zu lesen. Der Betrachter darf assoziieren. Am Ende des Krieges lag Berlin unterm Bombenhagel. Die Bevölkerung verbrachte viel Zeit im Luftschutzkeller. Auf die Traumata, die den Menschen dort zugefügt wurden, wollen die Fotos hinweisen, auf den Horror, denen vor allem Kinder damals ausgesetzt waren.

Vielschichtige Erinnerungen

„Es handelt sich um Fotos aus der Zeit um 1945, die ich auf dem Flohmarkt gefunden habe“, sagt Marikke Heinz-Hoek. Am Computer bearbeitete sie die Antlitze der beiden Kinder, bis sie zum Spiegel der Erfahrungen wurden, die sie wohlmöglich damals gemacht haben. Um die Verquickung von Realität und Fiktion geht es in der Ausstellung, die Heinz-Hoek in der Villa Schlikker zeigt. „Es wird gewesen sein“ lautet ihr Titel. Die vage Zeitform, in diesem Fall Futur II, prognostiziert eine abgeschlossene Handlung in der Zukunft und hält so alle Optionen der Künstlerin offen. Denn eigentlich geht es in der Ausstellung um Erinnerungen. Persönliche Erinnerungen. Erlebte Erinnerungen. Erdachte Erinnerungen. Erinnerungen an den Krieg, an die Zeit der Nationalsozialisten, an Vertreibung, Internierung, Tod.

Man kann die Ausstellung nicht im Vorbeigehen erschließen. Wenn der Besucher nicht genau hinschaut, entdeckt er die Exponate von Marikke Heinz-Hoek vielleicht gar nicht. Denn sie sind in bestehende Dauerausstellung zur Stadtgeschichte und zu der Zeit, da die Villa von der NSDAP okkupiert war, integriert. So findet man die Liebesbriefe, die Hauptkriegsverbrecher Alfred Jodl kurz vor seiner Verurteilung zum Tode durch die Nürnberger Prozesse seiner Angebeteten schrieb, auf einem Schreibtisch. Einem Schreibtisch, der zur Dauerausstellung in der Villa gehört. Im Keller hat die Künstlerin gezeichnete Porträts von jungen Menschen vor der Kulisse der zerbombten Stadt Bremen zwischen Schrapnells und historischem Kinderspielzeug aufgehängt.

Heute wichtiger denn je? 

Wie sehr Marikke Heinz-Hoek die Ausstellung speziell für die Villa Schlikker konzipiert hat, spürt man in der Veranda. Dort, in der Sichtachse zum Felix-Nussbaum-Haus, befinden sich Porträts des Osnabrücker Künstlers, der von den Nazis ermordet wurde. Die in Bremen lebende Heinz-Hoek hat sie als ihre eigene Interpretation von Nussbaums „Selbstporträts mit Judenpass“ angefertigt.

Original-Objekte aus der persönlichen Vergangenheit, fiktive Briefe, ein Erlebnisraum mit einer Video-Installation - die Auseinandersetzung mit der barbarischen Etappe deutscher Geschichte ist vielfältig und scheint heute wichtiger denn je zu sein.


Öffnungszeiten

Museumsquartier Osnabrück, Villa Schlikker: „Es wird gewesen sein“. Video, Fotografie, Installation und Zeichnung von Marikke Heinz-Hoek. Sonntag, 16. September (Eröffnung um 11.30 Uhr) bis 13. Januar, Di.-Fr. 11-18 Uhr, 1. Do. im Monat 11-20 Uhr, Sa. und So. 10-18 Uhr. 

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