Festivalauftakt mit „L’Arpeggiata“ Musica Viva und die Spätfolgen der 68er

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Osnabrück. Dreißig Jahre wird das Festival Musica Viva in diesem Jahr alt. Für Festivalleiter Herbert Vieth ein Anlass, zurückzublicken – und sich auf die nächsten Festivals zu freuen.

Selbst macht Herbert Vieth kaum noch Musik. „Zuhause steht ein sehr schöner Hammerflügel“, sagt er, ein Original aus Wien, Baujahr 1810. Nach einem 14-Stunden-Arbeitstag geht der Antrieb, sich an das Instrument zu setzen, aber gegen Null. Ja, er vermisst das. Andererseits weiß er, welchen Gegenwert er für die langen Arbeitstage, in der Regel sieben pro Woche, bekommt: ein Festival mit Musik, für die er wirklich brennt. Andernfalls würde er das kaum seit 1988 machen. Weiterlesen: Finale von Musica Viva 2017 mit den King’s Singers

Weltniveau, gespielt auf historischen Instrumenten

Als „Tage Alter Musik“ startete das Festival damals; ungefähr auf halber Strecke hat Vieth es, als kleine Konzession an den Zeitgeist, in „Musica Viva“ umgetauft. Der Inhalt ist gleich geblieben: klassische Musik auf Weltniveau, gespielt auf historischen Instrumenten und nach den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis.

Für das Osnabrücker Land dürfte das Festival in seinen Anfangsjahren einer kleinen Revolution gleich gekommen sein. „Einen Countertenor auf der Bühne hatte es bis dahin hier nicht gegeben“, sagt Vieth. Instanzen wie Herbert von Karajan prägten den Musikbetrieb mit sattem Hochglanzsound; die Apologeten der historischen Aufführungspraxis formulierten dazu in scharf artikulierter Klangrede die Gegenposition. „Es war eine alternative Musikszene“, sagt Vieth, „eine Spätfolge der 68er-Bewegung.“ Und er gehörte dazu.

Ein Szenemagnet

„Jeder kannte jeden“, sagt er heute; deshalb unterrichteten die Stars der Szene an seiner Weiterbildungsakademie Forum Artium, und deshalb gastieren sie bis heute bei seinem Festival. Tatsächlich liest sich die Künstlerliste von Musica Viva wie ein Almanach der historischen Aufführungspraxis: Gustav Leonhardt, René Jacobs, Emma Kirkby, Christoph Prégardien: Die Aufzählung lässt sich locker fortsetzen. Weiterlesen: Christoph Prégardien singt die „Dichterliebe“

Schnell wurden die Tage Alter Musik deshalb zum Magneten für die Szene. „Gäste kamen von weit her“, erinnert sich Vieth, und es war keine Seltenheit, dass sie Tickets fürs gesamte Festival buchten. Derart enthusiastische Gäste hat er heute noch sieben oder acht, erzählt Vieth mit einem Lächeln. Natürlich ist der Wandel in der Musikszene nicht spurlos an seinem Festival vorbeigegangen. „Damals gab es ein Dutzend Festivals in ganz Deutschland, heute sind es über 500“, sagt er. Auch hat die historische Aufführungspraxis ihren Exotenstatus verloren; Beethoven klingt bei den Berliner Philharmonikern heute deutlich mehr nach Originalklang als nach Karajan. Andererseits versteht Christina Pluhar mit ihrem Ensemble L‘Arpeggiata die Alte Musik längst nicht mehr so streng, wie die Freaks der Gründerjahre. Beim Eröffnungskonzert führt sie vermutlich wieder vor, wie modern „Alte Musik“ klingen kann.

All diese Wandlungen hat Musica Viva unbeschadet überstanden. Die Publikumszahlen entwickeln sich prächtig; der Vorverkauf fürs Jubiläumsfestival läuft hervorragend, und auch wenn es nicht leicht ist, den Etat zusammenzukratzen, denkt Vieth bereits ans Festival 2019 und noch lange nicht ans Aufhören. „Tolle Konzerte befeuern mich“, sagt er, deswegen hört er jedes Konzert seines Festivals mit eigenen Ohren. „Manchmal würde ich gern selbst mit auf der Bühne sitzen“ – das ist wohl echte Begeisterung.


Musica Viva: 20.9. bis 17.10. Weitere Infos und Tickets: Tel. 05401/35108

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