Mehr Ruhe oder mehr Lärm Was bringen die "Berliner Kissen" auf dem Westerberg?

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35 Berliner Kissen sollen den Verkehr auf dem Westerberg ausbremsen - so auch auf der Gluckstraße (Foto), die nach der Deckensanierung wieder befahrbar ist. Foto: hin35 Berliner Kissen sollen den Verkehr auf dem Westerberg ausbremsen - so auch auf der Gluckstraße (Foto), die nach der Deckensanierung wieder befahrbar ist. Foto: hin

Osnabrück. 35 Ruhekissen für den Verkehr auf dem Westerberg in Osnabrück: Der Einbau der "Berliner Kissen" ist seit Freitag abgeschlossen, zwei wichtige Querverbindungen sind zu Buckelpisten geworden. Bringen die Kissen die gewünschte Entlastung für die Anwohner? Oder sind sie nutzlos und nervig, wie Kritiker meinen? Die Anwohnerschaft ist gespalten.

Die Sanierung der Gluckstraße, die nach mehrwöchiger Sperrung jetzt wieder befahrbar ist, bildet den Schlusspunkt der Kissen-Offensive auf dem Westerberg. Insgesamt 35 der roten Bremsbuckel hat die Stadt auftragen lassen, 19 auf der Westroute Mozartstraße/Lieneschweg/Händelstraße/Gluckstraße und 16 auf der mittleren Westerberg-Querung Caprivistraße/Albrechtstraße. Der Witz an den Berliner Kissen ist: Sie sind 1,80 Meter breit, so dass Lastwagen und Busse weitgehend ungehindert darüber hinwegrollen können, Pkw-Fahrer aber sind zur behutsameren Fahrweise gezwungen. 140.000 Euro hat die Verbuckelung der beiden Straßenzüge gekostet.

Anwohner verärgert 

Doch die Verkehrsbremser sind umstritten. Die Anwohnerschaft ist gespalten. Vor allem Anlieger, die ein Kissen vor der Tür haben, befürchten mehr Lärm durch das Abbremsen und Anfahren und den Rütteleffekt. In der Testphase im Herbst 2016 unterschrieben 70 von 100 Anliegern des Lieneschweges eine Protestnote. Den Prozess aufhalten konnten sie damit nicht. 

Jetzt meldete sich Dierk Meyer-Pries, Osnabrücker Oberstadtdirektor von 1983 bis 1995, in einem ausführlichen Schreiben an die Redaktion kritisch zu Wort. Meyer-Pries, der als Westerberg-Bewohner oft die Kissen-Strecke befährt, hält dieses Verkehrskonzept für "unausgewogen" und "maßlos". Er befürchtet Schäden an Gesundheit und Sachwerten. Die "stereotypen und abwiegelnden Hinweise der Stadt" empfindet er als "Veralberung der betroffenen Verkehrsteilnehmer". 

Verkehr wird auf den Wall verlagert

Der frühere Verwaltungschef geht davon aus, dass die Buckelpiste den Durchgangsverkehr abschreckt. Lkw- und Pkw-Fahrer, die zum Beispiel vom Hafen zur A 30 wollen, würden sich einen anderen Weg suchen – und der führe über den schon überlasteten Wallring. Die Buckel seien daher "verkehrspolitisch kontraproduktiv", so Meyer-Pries.

Als ärgerlich und nervig empfindet er die "körperlichen Erschütterungen", denen die Autoinsassen beim Überfahren selbst bei sehr niedriger Geschwindigkeit ausgesetzt seien. Meyer-Pries rät daher der Stadt, mögliche gesundheitliche Folgen wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Sein Fazit: Viele Bewohner des "Westviertels" fühlten sich unzumutbar eingekesselt und in "Zwangshaftung" genommen. Das Verkehrskonzept Westerberg sollte noch einmal überarbeitet werden.

Viele Bürger an der Planung beteiligt

Das Verkehrskonzept ist ein Ergebnis eines aufwendigen Diskussions- und Planungsprozesses am Runden Tisch Verkehr Westerberg. Das Gremium war nach der Bürgerbefragung über die Westumgehung ins Leben gerufen worden, um einen Plan B für den Westerberg zu erarbeiten. Nach dem Scheitern der Entlastungsstraße forderten die Anwohner der sogenannten heimlichen Westumgehung (Gluckstraße bis Mozartstraße) ein Alternativkonzept, wie der Stadtteil verkehrsberuhigt werden kann.

Am Runden Tisch hatten Vertreter von Interessengruppen, Bürgerinitiativen, der Anlieger und des Rates unter fachlicher Begleitung und externer Moderation vier Modelle entwickelt, die in unterschiedlicher Dosierung auf den Verkehr wirken. Am Ende entschied sich das Gremium für eine gemäßigte Variante: Berliner Kissen und Schwellen, schärfere Tempo-Kontrollen in der Tempo-30-Zone, attraktive Fahrradstraßen und ein Mobilitätsmanagement, das innovative Konzepte wie Carsharing aufgereift.

Daniel Bugiel, Anwohner der Gluckstraße und Teilnehmer des Runden Tisches, verteidigt den Beteiligungsprozess und das Ergebnis. Die Berliner Kissen seien nur ein Bestandteil des Gesamtpaketes "und auf jeden Fall einen Versuch wert". Bugiel hofft, dass sich die Verkehr auf der heimlichen Westumgehung spürbar reduziert, in dem der Transitverkehr ferngehalten wird. Die von den Planern angepeilte Reduzierung des Verkehrsaufkommen um 40 bis 50 Prozent hält Bugiel allerdings für "utopisch". Der einst „glühende Verfechter der Entlastungsstraße“ hat sich nach eigenen Worten nach dem Bürgervotum  mit dem „Plan B“ arrangiert. Auch kleine Schritte könnten helfen, die Lebensqualität der Anwohner zu verbessern.

In der Politik hatte es ein große Mehrheit für die Berliner Kissen gegeben. Einzig die FDP scherte aus und forderte eine Sperrung der beiden Querverbindungen für den motorisierten Individualverkehr


Berliner Kissen

Verursachen das Abbremsen und Anfahren zusätzlich Lärm?

Der Abstand zwischen den Kissen ist nach Angaben der Verwaltung so gewählt, dass die Autofahrer zu gleichmäßiger Fahrt veranlasst werden. Mit Tempo 30 könnten die Kissen problemlos überfahren werden. Zusätzlicher Lärm entstehe nicht. Die Oberfläche der Kissen habe eine Lärm mindernde Beschaffenheit. 

Fahren die Autofahrer langsamer?

Vor und während der Testphase im Winter 2016/2017 mit vier Kissen auf dem Lieneschweg ließ die Stadt die Geschwindigkeiten messen. Die sogenannte v85-Geschwindigkeit (die Geschwindigkeit, die von 85 Prozent der Autofahrer unterschritten wurde), betrug vor dem Aufbringen der Kissen 38 km/h. Mit Kissen sank die v85-Geschwindigkeit auf 36 km/h. "Es bleibt festzuhalten, dass die gleichmäßigen Abstände der Kissenpaare zu einem gleichmäßigen Geschwindigkeitsniveau führen", heißt es in der Bilanz der Verwaltung.

Wird der Verkehr weniger werden?

Unklar ist, wie sich der Durchgangsverkehr entwickeln wird. Vor und während der Testphase passierten 8300 Pkw binnen 24 Stunden den Lieneschweg. Die Testkissen hatten also keinen Einfluss auf die Verkehrsmenge. Allerdings war auch nur ein kurzer Abschnitt von etwa 500 Metern mit den Bremsbuckeln bestückt. 

Behindern dir Kissen den Rettungsdienst?

Die Berufsfeuerwehr testete die Kissen-Strecke mit einem Rettungswagen, einem Notarzteinsatzfahrzeug und einer Drehleiter. Die Fahrzeuge konnten die Kissen "annähernd erschütterungsfrei" passieren, wie die Verwaltung schreibt. Dem Einsatz der Kissen steht aus Sicht der Feuerwehr nichts entgegen. 

Beeinträchtigen die Kissen den Busverkehr?

Die Stadtwerke haben Testfahrten mit einem Solobus (Länge 12 m) und einem Gelenkbus (18 m) unternommen. Störungsfrei ist die Überfahrt nicht, da die hinteren Zwillingsreifen die Kissen überfahren. Das Überholen von langsamen Radfahrern ist erschwert. Fazit der Stadtwerke: Die Kissen mindern die Beförderungsqualität. 



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