Fundstück von Sutthauser Straße 40 Jahre in der Schatulle: Wer kennt diesen Ring?

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Dieser Ring wurde vermutlich in den Siebziger Jahren vor der Kneipe Spreckelmeier an der Sutthauser Straße 128 gefunden. Wer kennt ihn? Foto: Michael GründelDieser Ring wurde vermutlich in den Siebziger Jahren vor der Kneipe Spreckelmeier an der Sutthauser Straße 128 gefunden. Wer kennt ihn? Foto: Michael Gründel

Osnabrück. 40 Jahre liegt ein wildfremder Ehering in der Schmuckschatulle von Anette Beckötter. Ein Fundstück von der Sutthauser Straße, das der Großvater ihr schenkte. Mit dem Ring kramt sie jetzt nicht nur eine Lohntüten-Legende, sondern viele Erinnerungen hervor.

Der Großvater war ein Finder. Heinrich Hillebränder, geboren 1902, gestorben 1989, war groß darin, Kämme am Wegesrand aufzulesen und Münzen aus dem Graben hinter dem Haus zu fischen. Kleinstteile, die er aufhob, präsentierte er den Kindern, später den Enkeln. „Er suchte nicht, er fand einfach“, bringt Enkelin Anette Beckötter seine Gabe auf den Punkt. Ihre Mutter Gisela nickt. „Mein Vater konnte sehr genau hinschauen.“ Heinrich Hillebränder war immer bereit, sich für die kleinen Dinge krumm zu machen.

Goldschatz am Boden

Kein Wunder also, dass ausgerechnet ihn ein Goldschatz anblitzte. Die Enkelin zieht ein kleines weißes Döschen hervor, darin ein breiter goldener Damenring – mit 585er Stempel, aber ohne Gravur. 40 Jahre lag dieser Ring als geerbtes Fundstück unangetastet und vergessen in ihrem Schmuckkästchen. Jetzt hat die 56-Jährige selbst geheiratet und plötzlich war sie da, die Frage, auf die sie und ihre Mutter Gisela zu gern eine Antwort bekämen: „Ist dieser Ring für jemanden vielleicht von großer Bedeutung?“ Ein goldenes Versprechen, das absichtlich oder versehentlich zu Boden ging?

Sie haben den Ring und suchen nach seiner Besitzerin: Gisela (85) und Anette (56) Beckötter, Tochter und Enkelin von Finder Heinrich Hillebränder. Foto: Michael Gründel

Lohntüten-Legende

Auf dem Bordstein vor ihrem Nachbarhaus, damals Gastwirtschaft Spreckelmeier, Sutthauser Straße 128, soll der Großvater das Schmuckstück vor mehr als 40 Jahren gefunden haben. „Freitags gab es immer die Lohntüte. Damit ging es für die Männer in die Wirtschaft“, lässt Gisela Beckötter die Legende um den Ring da beginnen, wo die meisten guten Legenden beginnen: an der Theke. Bei „Spatzen Hannes“ verschwanden die Männer mit dem Lohn der Woche, den sie bar in einem kleinen braunen Papierumschlag mitbrachten. Hoch die Tassen! Nicht viel später schlugen ihre Frauen vor der Kneipe auf, um das Bargeld zu retten, ergab die jahrelange Fensterbrett-Studie von Gisela Beckötter. „Das war halt so, das war die Zeit“, sagt die 85-Jährige abgeklärt. Nach so einem besagten Freitag soll Heinrich Hillebränder den goldenen Ring gefunden haben. „Eine Ehefrau muss ihn wütend weggeworfen haben", sagt die Familie-Legende. An das genaue Datum kann sich niemand erinnern, in den Siebzigern war es, vermuten die Frauen. Seit den Sechzigern war die Lohntüte auf dem Rückzug, in den Siebzigern verschwand sie irgendwann ganz, das Gezänk vor der Kneipe nicht. „So wird es gewesen sein“, sagt Gisela Beckötter und drückt damit ihre Geschichte direkt neben den 585er-Stempel in das Gold des Rings. „Oder weiß jemand mehr?“

Nicht ihr Geburtsort, nicht ihre spätere Bleibe, aber der Ort, an dem die Familie nach dem Krieg wieder zusammengeführt wurde: Gisela Beckötter an der Sutthauser Straße 126. Foto: Michael Gründel

„Ich habe gesehen, wie Osnabrück brennt“

Die alte Dame steht im Hinterhof der Sutthauser Straße 126. „Früher war es viel grüner hier“, sagt sie, als ihr Blick über das Pflaster wandert und dann doch noch einen Apfel- und einen Birnenbaum aus dem alten Bestand streift. Letzte verwurzelte Vertreter aus Hillebränders Zeiten. Sie tragen üppig. Üppig war gar nichts, als Gisela mit Vater, Mutter und Bruder 1946 hier zu ihrer Tante zieht, in zwei Zimmer für vier, Wasser auf dem Flur. Wo heute im thailändischen Restaurant „Sawadee“ frittierte Vielfalt aufgetischt wird, muss die Familie mit dem Notwendigsten auskommen. „Wir hatten riesiges Glück, dass wir wieder zusammen waren“, sagt die 85-Jährige. Sie fühlte sich komplett wie nie inmitten einer zerstörten Stadtkulisse, unter den Trümmern verschwindet auch das eigene Leid. "Wir hatten uns." Ihre ersten Lebensjahre waren härter: Ihr Geburtshaus am Hasetor wurde ausgebombt, der Vater in Krieg und russischer Gefangenschaft, sie als schulpflichtiges Kind getrennt von Mutter und acht Jahre jüngerem Bruder bei einer Tante in Melle. „Ich hatte immer viel Angst. Eine schöne Kindheit hatte ich nicht“, sagt die Frau, die 1933 geboren wurde. „Ich habe gesehen, wie Osnabrück brennt. Ich habe in Melle draußen gestanden und gesehen, wie der Himmel über Osnabrück rot war.“

Ich habe in Melle draußen gestanden und gesehen, wie der Himmel über Osnabrück rot war."Gisela Beckötter, 85

Generation Kriegskind

Hier an der Sutthauser Straße beginnt sie als Zwölfjährige das zu tun, was alle in allen deutschen Städten tun: ein Stück ihrer Normalität wieder zusammenzusetzen. Tag für Tag, Stein für Stein, Schritt für Schritt. „Das hier war ein Abschnitt. Nicht mein Geburtshaus, nicht meine spätere Bleibe", stellt die 85-Jährige klar. Trotzdem wichtig, denn hier bekommt sie den Vater zurück, den sie lange vermisst hat. „Ich habe für ihn immer die erste Geige gespielt“, verrät sie und muss schmunzeln. „Erste Geige…“ Etwas, das Kriegskinder kaum kennen. Sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, ist eine Tugend, die sich eine ganze Generation zwangsläufig verordnete. Der Vater aber nahm sie wichtig und lehrte sie ganz nebenbei, das Glück nicht im Großen zu suchen, sondern im Kleinen zu finden - im hölzernen Knopf oder im goldenen Ring.

Im weißen Haus, Sutthauser Straße 126, lebten die Hillebränders. Links daneben war die Gaststätte Spreckelmeier. Foto: Michael Gründel



Wer kennt den goldenen Ring?

Wer die Geschichte zum Ring kennt, der in den Siebzigern an der Sutthauser Straße 128 in Osnabrück gefunden worden sein soll, der kann sich per Email melden unter l.westholt@noz.de oder telefonisch unter 0541/310-631.

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