„Hier geht es um bedingungsloses Ja-Sagen“ Initiator des Improtheater-Festivals über Spontaneität und Blockaden

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Profi der Spontaneität: Ralph Vorbach, der Initiator des Improtheater-Festival Osnabrück, trainiert mit der Theatergruppe „Sportfreunde Haseglück“ seit 2004 in der Lagerhalle Osnabrück. Foto: David EbenerProfi der Spontaneität: Ralph Vorbach, der Initiator des Improtheater-Festival Osnabrück, trainiert mit der Theatergruppe „Sportfreunde Haseglück“ seit 2004 in der Lagerhalle Osnabrück. Foto: David Ebener

Osnabrück. Das Improtheater-Festival Osnabrück geht in die dritte Runde. Initiator Ralph Vorbach spricht im Interview darüber, was den Reiz des spontanen Theaterspielens ausmacht, was gegen Blockaden auf der Bühne hilft und was die Zuschauer erwartet.

Herr Vorbach, was macht den Reiz von Impro-Theater aus?

Man lässt sich als Schauspieler auf den Moment ein und bekommt Impulse von Publikum und Mitspielern. Und aus diesen Impulsen entwickeln wir Geschichten. Es ist ein Mit-auf-die-Reise-nehmen, von dem man nicht genau weiß, wo man ankommt. Das Publikum legt fest, wo eine Geschichte spielen soll, welche Eigenschaften die Darsteller haben und welche Gefühle sie ausdrücken sollen oder in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Manchmal lassen wir uns vom Publikum ein Tier vorgeben, wir versuchen dann in den eigenen Charakter typische Eigenschaften, wie Bewegungen und Geräusche, des Tieres mit einzubauen.

Warum machen Sie kein herkömmliches Theater?

Das herkömmliche Theater benötigt eine enorme Vorarbeit, intensives Textlernen, dazu das Schauspieltraining. Dieses Textlernen fällt beim Impro-Theater völlig weg. Dafür muss man mehr an Techniken arbeiten: sich auf den Moment konzentrieren und offen sein. Widersprechen oder Nein-Sagen und sich verweigern ist beim Impro-Theater nicht erlaubt. Hier geht es um bedingungsloses Ja-Sagen. Nur das hilft dem Fortlauf der Geschichte.

Was machen Sie, wenn Ihnen mal nichts einfällt?

Es hilft, möglichst aufmerksam auf der Bühne zu sein. Es gibt immer wieder Situationen, wo mir tatsächlich nichts einfällt, aber ich habe ja noch Kollegen, die einspringen können. Jeder hilft, dass es gelingt. Aber das sind auch Momente, die besonders unterhaltend fürs Publikum sein können. Beim diesjährigen Workshop „Viewpoint – lass die Körper sprechen“ können Teilnehmer lernen, wie sie aus festgefahrenen Szenen herauskommen.

Ist Spontaneität schwierig?

Wenn man sich drauf einlässt und bereit ist, diese positive Grundeinstellung sich selbst und auch den Mitspielern gegenüber zu bringen, ist es relativ einfach. Im Grunde kann es jeder.

Wie kann man Spontaneität trainieren?

Es gibt eine große Anzahl von Assoziationsspielen, Übungsformen die Aktions- und Reaktionsmuster trainieren sowie Impulsspiele und Konzentrationsübungen. Im Laufe der Zeit stellt sich dann eine gewisse Sicherheit im Umgang mit schnell wechselnden Situationen auf der Bühne ein. So muss zum Beispiel während des Spiels „Gefühlsachterbahn“ auf Zuruf blitzschnell zwischen unterschiedlichen Gefühlen gewechselt werden, wodurch sich dann auch der Inhalt und die Aussage der Geschichte dramatisch verändern.

Können Sie vom Impro-Theater leben?

Die Trainer, die wir eingeladen haben, leben davon. Ich und meine Mitspieler machen das als Hobby. Ich habe das Impro-Theater kennengelernt während meiner Ausbildung zum Theaterpädagogen, die ich berufsbegleitend zu meiner Tätigkeit als Lehrer gemacht habe.

Impro-Theater scheint in der Theaterwelt weniger präsent zu sein...

Ein Ziel des Festivals ist es auch, den Interessentenkreis zu erweitern und der interessierten Osnabrücker Theateröffentlichkeit diese Spielform näher zu bringen. Es ist vielen gar nicht bekannt. Viele können sich auch nicht vorstellen, wie Stücke ohne Einstudieren von Texten qualitativ hochwertig sein können. In der Kulturnacht haben wir im Haus der Jugend drei Shows gespielt und das Publikum bestand vorwiegend aus Personen, die das Impro-Theater noch gar nicht kannten. Wir bekamen durchweg positive Rückmeldungen. Übrigens: Im normalen Sprechtheater wird bei den Proben viel improvisiert. Viele Regisseure fordern ihre Schauspieler auf, zu improvisieren. Oder bei Aufnahmeprüfungen an Schauspielschulen wird fast nur improvisiert.

Ralph Vorbach will der interessierten Osnabrücker Theateröffentlichkeit das Impro-Theater näher zu bringen. Foto: David Ebener


Was erhoffen Sie sich von Ihrem Theaterfestival?

Wir wollen die Zusammenarbeit der Impro-Spieler in Osnabrück und Umgebung fördern. Interessierte sollen sich mal ausprobieren können, neue Spielformen kennenlernen. Wir haben auch diesmal wieder einen Workshop für Spieler mit geringer oder gar keiner Impro-Erfahrungen. Gleichzeitig arbeiten Impro-Spieler aus dem gesamten Bundesgebiet unter Anleitung professioneller Spielern eineinhalb Tage miteinander und bringen am Samstagabend eine improvisierte Langform, einen „Harold“, im Haus der Jugend auf die Bühne. Dieses Jahr gibt es als Auftaktveranstaltung ein Format, das es bisher in Osnabrück noch nicht gegeben hat und das auch bundesweit relativ selten gezeigt wird: ein Dilemma. Das ist ja bekanntermaßen eine Situation, bei der jede Entscheidung schlecht ist.

Was gibt das Impro-Theater dem Publikum?

Das Impro-Theater will zunächst einmal unterhalten. Wobei das nicht bedeutet, dass es nicht auch durchaus berührende Geschichten geben kann. Es ist auch nicht das Ziel, einen Gag nach dem anderen zu produzieren. Zudem hat das Publikum eine große Einflussmöglichkeit auf das Geschehen auf der Bühne und erhält Anregungen, über sich selbst nachzudenken.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt. Hält Impro-Theater jung?

Ich würde behaupten ja. Das war die größte Hürde, die ich überwinden musste, diese positive Grundeinstellung zu entwickeln. Wenn man mit offenen Augen und unbefangen durch die Gegend geht, dann macht man viele schöne Erfahrungen, die man sonst nicht machen würde.

Improtheater-Festival Osnabrück, 19. bis 23. September, mit Showsund Workshops für Anfänger und Fortgeschrittene, Highlight: 20.9. „Dilemma MaLachen“, Kombiticket Sa+So 20 Euro, Infos und Karten unter sportfreundehaseglueck.de 


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