Durchhalteparolen und ein Badeunfall August 1918: Amt verordnete fleischlose Woche

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Sommerliches Badevergnügen in der Nette. Dass das Flussbaden nicht ungefährlich ist, bewies ein Unfall an der Haseschleuse in Rüsfort, bei dem drei Kinder den Tod fanden. Foto: Archiv Ilse Krause-DahlstromSommerliches Badevergnügen in der Nette. Dass das Flussbaden nicht ungefährlich ist, bewies ein Unfall an der Haseschleuse in Rüsfort, bei dem drei Kinder den Tod fanden. Foto: Archiv Ilse Krause-Dahlstrom

Osnabrück. Zu Beginn des fünften Kriegsjahres versucht Kaiser Wilhelm II. seine Untertanen weiterhin auf ein Durchhalten bis zum Endsieg zu verpflichten. Denn sonst wäre das bisher vergossene „kostbare deutsche Blut“ unnütz vergeudet worden.

In seiner in allen Tageszeitungen abgedruckten Botschaft „an das deutsche Volk“ wirft er den Feinden vor, die vom Reich ausgesandten Friedenssignale mit „Hohn und Spott“ beantwortet zu haben und nicht davon abzurücken, Deutschland vernichten zu wollen. „Darum heißt es weiter kämpfen und wirken, bis die Feinde bereit sind, unser Lebensrecht anzuerkennen, wie wir es gegen ihren übermächtigen Ansturm siegreich verfochten und erstritten haben“, schließt der Kaiser seine wie stets mit „Wilhelm I. R.“ (Imperator Rex, also deutscher Kaiser und preußischer König) unterzeichnete Botschaft.

Das „Osnabrücker Tageblatt“ zitiert allerdings auch Stimmen wie den „Börsenkurier“, der ein stärkeres Einlenken der deutschen Seite fordert: „Beenden kann den Krieg nur der Versöhnungswille, der auch dem Gegner […] das Gute zutraut, der nicht meint, den Krieg der Waffen durch einen Krieg des kränkenden Wortes ergänzen zu müssen.“ Wie es tatsächlich um die Lage an der Westfront nach dem 8. August steht, jenem Tag, der später als „schwarzer Tag des deutschen Heeres“ mit Verlusten von mehr als 30000 Mann und gravierenden Geländegewinnen der Alliierten bei Amiens in die Geschichte eingeht, das erfährt der Osnabrücker Zeitungsleser nicht.

Landesfleischamt

Er liest stattdessen Ankündigungen, die seine Lebensweise weiter einschränken. Wie etwa die einer ersten „fleischlosen Woche“: Auf Anordnung des Landesfleischamtes darf vom 19. bis 25. August weder von Schlachtern noch von Gaststätten Fleisch an die Zivilbevölkerung abgegeben werden. Ausnahmen gelten für Militärurlauber sowie für Kranke, Schwer- und Schwerstarbeiter. Als Ersatz erhält die Zivilbevölkerung drei Pfund Kartoffeln pro Kopf zusätzlich.

Immer wieder die Kartoffeln: Unruhe löst eine Anordnung der Reichskartoffelstelle aus, der zufolge in der nächsten Kartoffelversorgungsperiode keine Kellerbelieferungen der Verbraucher mehr zugelassen werden sollen. Stattdessen sollen die Städte eigene Kellerräume zur Massenbevorratung anlegen und nur noch Tages- oder Wochenrationen abgeben. Begründung: Im letzten Jahr seien zu viele Kartoffeln zu früh verbraucht worden und zu viele in Privatkellern verdorben. Dagegen richtet sich Protest, den das „Tageblatt“ bekräftigt. Das führe nur zu endlosen Warteschlangen und unnützen Wegen. Sicher, es komme immer mal vor, dass ein paar Kartoffeln verdürben. Aber es liege doch im ureigenen Interesse jeder Hausfrau, dass diese Verluste so gering wie möglich ausfielen. Bei den relativ kleinen Mengen, die jede Familie einkellere, sei eine Kontrolle doch viel besser möglich, als wenn eine Stadtverwaltung sich Hunderttausende Zentner hinlegen müsse. „Die Folge würde sein, dass fortgesetzt die ganze Stadt auf den Beinen ist nach Kartoffeln“, beschreibt die Zeitung eine „Katastrophe sondergleichen“. Und: „Unsere hinterhältigsten Feinde könnten keinen heimtückischeren Plan aussinnen, um das Volk noch tiefer in den Hunger- und Elendszustand und damit zur Verzweiflung zu treiben.“

Drei Kinder ertrunken

Das warme Wetter verleitet insbesondere die Kinder zum Bade in Flüssen. Leider oft genug ohne Aufsicht. In Rüsfort bei Bersenbrück sind bei der Haseschleuse drei Kinder ertrunken, und zwar zwei Kinder des Viehhändlers von Dreele, der dort zurzeit auf Urlaub weilt, und ein siebenjähriges Mädchen der Witwe Bruns in Wehlburgs Heuer, deren Mann im Felde geblieben ist.

Der Schreibunterricht soll in preußischen Schulen reformiert werden. Per Ministerialerlass soll ein neuer Leitfaden des Kunstmalers Ludwig Sütterlin eingeführt werden. Die neue Schrift zeichnet sich durch Buchstaben aus, die „von allen entbehrlichen ornamentalen Zügen befreit“ sind, um ein schnelles Schreiben zu ermöglichen. Die Schrift ist steiler als die bisherige deutsche Kurrentschrift, Haar- und Grundstriche werden nicht mehr unterschieden.

Der Landrat spricht eine Warnung wegen des „eingerissenen Unwesens“ der Obstdiebstähle von Chausseebäumen aus. Alle Polizeiorgane und Aufsichtsbeamten der Kreisstraßen sind angewiesen worden, jede Übertretung unnachsichtig zur Anzeige zu bringen. Auch sind Feldgendarmen zur Bewachung der Landstraßen und Felder während der Nacht herangezogen worden.

In sechster Auflage ist „Das Goldene Buch des Weibes“ zum Preis von 3 Mark (gebunden 4 Mark) erschienen. Es berichtet in zehn Kapiteln „aus dem intimsten Leben der Frau“. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis: „Wie erhält die Frau das Eheglück?“, „Warum verblühen viele Frauen so früh?“, „Das Geschlechtsleben in der Ehe“, „Die Regelung des Kindersegens“.

Umstieg in Güterzug

Stress mit der Bahn gab es auch schon vor hundert Jahren, und zwar nicht zu knapp. Reisende aus Leer, Meppen und Lingen erreichten wegen Verspätung ihres Zuges in Rheine nicht mehr den Anschluss an den Nachmittagszug nach Osnabrück. Vor die Wahl gestellt, in Rheine von nachmittags um 4 bis abends um 10 Uhr zu warten oder mit einem Güterzug weiterzufahren, entschlossen sich etwa 100 Reisende für Letzteres. Wider Erwarten mussten sie jedoch „aus verkehrstechnischen Gründen“, die nicht näher erläutert wurden, bereits in Ibbenbüren die wenig komfortablen Waggons wieder verlassen. Bis zum Abendzug bevölkerten die Gestrandeten die Bahnhofsräume in Ibbenbüren. Die Stimmung wurde nicht besser, als Feldgendarmen hinzutraten, ohne jeden Zeitdruck gründlich das Gepäck kontrollierten und nicht wenige Stücke beschlagnahmten.

Die Kaiser-Lichtspiele, Große Straße 85, bringen im neuen Spielplan „wieder etwas Hervorragendes“, nämlich das Historien-Schauspiel in vier Akten „Das Edelfräulein“ aus der Zeit des Kampfes Deutschlands gegen Napoleon. „In echtem, tiefem Empfinden leben die Menschen aus jenen schwersten Tagen vor uns auf, zeigt uns das Edelfräulein, zu welch heroischen Taten echte, wahre Weibesliebe begeistern kann. Der äußerst sympathisch wirkende Film wird dadurch erhöht, dass die gefeierte wie schöne Mady Christian und ihr Partner, der viel umschwärmte Erich Kaiser-Titz, ihre volle Kunst hier zeigen.“


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