Populismus hebelt Empathie aus Warum die KEB Kurse gegen Stammtischparolen abhält

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Den Seminarteilnehmern Mut machen, Vorurteilen und populistischen Vereinfachungen zu widersprechen, möchten Referentin Martina Jeßnitz und KEB-Geschäftsführer Dr. Frank Buskotte mit dem Seminarangebot „Argumentieren gegen Stammtischparolen.“ Foto: Angelika HitzkeDen Seminarteilnehmern Mut machen, Vorurteilen und populistischen Vereinfachungen zu widersprechen, möchten Referentin Martina Jeßnitz und KEB-Geschäftsführer Dr. Frank Buskotte mit dem Seminarangebot „Argumentieren gegen Stammtischparolen.“ Foto: Angelika Hitzke

Osnabrück. Seit September 2017 gibt es das Seminarangebot „Argumentieren gegen Stammtischparolen“ auf Abruf im Bistum Osnabrück. Mit der Zwischenbilanz zeigen sich Bistum, Caritasverband, Katholische Erwachsenenbildung (KEB) und Soziales Seminar der Diözese Osnabrück zufrieden: Zwölf Veranstaltungen mit rund 220 Teilnehmenden haben seitdem bis zu den diesjährigen Sommerferien bistumsweit stattgefunden.

Und auch die Aussicht ist vielversprechend: Für die Zeit nach den Sommerferien sind bereits weitere zwölf Veranstaltungen fest gebucht. „Das Seminar trifft offenbar ein echtes Bedürfnis bei vielen Menschen“, sagt KEB-Geschäftsführer und Mitinitiator Dr. Frank Buskotte. Die KEB koordiniert die Anfragen und vermittelt die Referenten. Wir sprachen mit ihm und der Referentin Martina Jeßnitz über dieses Angebot zur politischen Bildung.

Herr Buskotte, wann und wie sind Sie auf die Idee gekommen, Seminare gegen Stammtischparolen anzubieten?

Buskotte: Es gab tatsächlich eine Initialzündung: Vor zwei Jahren, in der Nacht, in der Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, hatten wir eine Tagung. Wir sind mit dem Gedanken ins Bett gegangen, morgen ist Hillary Clinton die erste Frau in diesem Amt – und haben uns dann am nächsten Morgen in die Augen geguckt: Was ist denn da passiert? Wir haben dann das Programm geändert und überlegt, was wir an politischer Bildung machen können, damit in Deutschland nicht jemand wie Trump in politische Verantwortung kommt.

An wen richten sich diese Seminare?

Buskotte: Grundsätzlich finden die Veranstaltungen in Kooperation mit dem Caritasverband, dem Sozialen Seminar und der KEB im Bistum Osnabrück statt. Der Kurs „Argumentieren gegen Stammtischparolen“ ist ein bedarfsgerechtes Angebot auf Abruf. Kolpingsfamilien, KAB-Gruppen, Caritas-Einrichtungen, Lehrerkollegien, christliche Vereine und Verbände, pastorale Berufsgruppen oder Kirchengemeinden buchen Veranstaltungen und Trainings zu diesem Thema. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich auch Gruppen dafür interessieren, die wir vorher gar nicht im Blick hatten. Deshalb gibt es auch einige feste Veranstaltungstermine mit Anmeldung. Der nächste ist am 27. Oktober.

Wie lange dauert so ein Seminar und welche Qualifikationen bringen die Referenten mit?

Buskotte: Es gibt Tagesseminare, Halbtagsseminare und Abendveranstaltungen. Unter zwei Stunden macht das keinen Sinn. Die beiden Kollegen Martina Jeßnitz und Alexander Oldiges sind freiberufliche Referenten mit viel Erfahrung in der Bildungsarbeit. Sie halten keine Vorträge, sondern erarbeiten mit den Teilnehmern Strategien, die aus deren eigenem Erleben erwachsen.

Jeßnitz: Ich bin studierte Erziehungswissenschaftlerin, habe Englisch und Pädagogik studiert und 2013 meinen Master in Erwachsenenbildung gemacht.

Buskotte: Alexander Oldiges ist von Haus aus Theologe und seit zehn Jahren in der Erwachsenenbildung tätig.

Welches sind die hartnäckigsten Stammtischparolen?

Jeßnitz: Das Thema Flüchtlinge auf jeden Fall, aber auch, wer sich kirchlich engagiert, muss sich oft Sprüche anhören. Die katholische Kirche, Lehrer, Beamte – eigentlich jede Gruppe in der Gesellschaft ist auch mögliche Zielgruppe von Stammtischparolen. Da geht es dann nicht nur um so klassische Sachen wie „Die Flüchtlinge kriegen alles und wir Deutschen nichts“ oder „Warum laufen die alle mit einem Handy rum?“, sondern auch „Wie kannst du denn nach den Missbrauchsskandalen überhaupt noch für die Kirche arbeiten?“

Frau Jeßnitz, wie viele dieser Seminare haben Sie bisher wo geleitet?

Jeßnitz: Wie viele genau, müsste ich nachgucken. Das erstreckte sich über das gesamte Bistum, von Ostfriesland über Haren/Ems,Meppen, Nordhorn, der Kollege war in Twistringen, Landkreis Osnabrück bis Bremen. In der Landvolkhochschule Oesede waren heute elf Religionslehrer der BBS Pottgraben in Osnabrück Teilnehmer. Bald bin ich in Papenburg. Das ist regional bunt gemischt –überall, wo die Leute uns brauchen.

Aus welchen Bereichen kommen besonders viele Teilnehmer?

Buskotte: Kirchengemeinden, kirchlich geprägte Ehrenamtliche, Lehrer. Wir hatten auch mal eine Veranstaltung für Familien, die geflüchtete Kinder zeitweise aufgenommen haben und sich Anfeindungen ausgesetzt sahen. Wir haben Anfragen aus Schulen und gestern ganz aktuell eine gezielte Anfrage für die Schulung von Kommunalpolitikern aus dem Nordkreis.

Wie ist die Rückmeldung der Teilnehmer, hilft ihnen das bei der Argumentation gegen Vorurteile im Alltag?

Jeßnitz: Ich bin manchmal ganz überrascht, wie hinterher Einzelne zu mir kommen und mir sagen, das war sehr hilfreich, dass ich die Erfahrung gemacht habe, ich muss gar nicht die Welt retten, sondern kann mich souverän verhalten, es geht darum, meinen Standpunkt zu vertreten. Viele sagen, beim nächsten Mal fühle ich mich mutiger und selbstbewusster, auch mal was zu sagen. Im Seminar, im geschützten Raum, kann man Situationen gut nachstellen. Das hilft dann oft, Hemmungen abzubauen und zu argumentieren. Heute hat das auch super geklappt!

Stichwort Chemnitz: Ist es nicht vergebliche Liebesmüh‘, gegen verbohrte Fanatiker anzureden?

Jeßnitz: Ich glaube nicht, dass es vergeblich ist. Es ist natürlich eine besondere Herausforderung, mit so radikalisierten Menschen umzugehen. Aber auch diese Menschen haben Freunde, Familie, ein soziales Umfeld. Da ist es wichtig, die nicht einfach abzustempeln, sondern den Dialog auch hinzubekommen. Das hat natürlich eine andere Dimension als ein Spruch oder ein Witz am Arbeitsplatz oder beim Grillen im Garten.

Buskotte: Die Resonanz auf die Angebote zeigt, dass es Menschen gibt, die gerade nicht möchten, dass so etwas wie in Chemnitz auch in Osnabrück passiert. Umso wichtiger ist es, diese Menschen zu stärken. Es zeigt sich immer wieder, dass Bildungsarbeit eine Ressource ist, um die Voraussetzung für das Funktionieren eines liberalen Rechtsstaates zu schaffen. Ohne politische Bildung haben wir irgendwann nur noch einen Staat, aber keine Demokraten mehr. Die Resonanz, die spürbare Re-Politisierung, ist wirklich positiv und Mut machend, das Feld nicht denen zu überlassen, die großspurig Parolen verbreiten.

Jeßnitz: Es ist eine schöne Erfahrung, wenn man merkt, ich bin da nicht allein, es gibt eine positive Gegenbewegung.

Wie kann man Populismus am besten begegnen und warum ist das so wichtig?

Buskotte: In einer Gruppe von Flüchtlingshelfern in Twistringen haben wir uns gefragt, brauchen wir nicht auch eigene Stammtischparolen zum Gegensteuern? Sind wir in der Lage, mit zwei Sätzen zu formulieren, was uns umtreibt ...

Jeßnitz: ... und was einen ermutigt, stützt, einem hilft, etwas Positives als Gegenentwurf anzubieten.

Buskotte: Populismus ist eine Reduktion von Komplexität, die Leuten hilft, mit der komplizierten Realität klarzukommen. Aber wir müssen auch damit klarkommen, dass die Welt ein Stück weit unüberschaubar bleibt. Stammtischparolen sind deshalb so gefährlich, weil sie Empathie für bestimmte Gruppen ausschalten und geeignet sind, die Mitmenschlichkeit in uns auszuhebeln.


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