Erst Kino, jetzt Event-Location Vor 65 Jahren wurde der Osnabrücker Rosenhof eröffnet

Von Joachim Dierks, 11.09.2018, 19:23 Uhr
„Das Filmtheater der Neustadt – Eröffnung in Kürze“: der Rohbau des Rosenhof-Kinos am Rosenplatz im September 1953. Foto: Archiv Antiquariat Bojara-Kellinghaus/Georg Bosselmann

Osnabrück. Die zuvor kinomäßig eher unterversorgte Osnabrücker Neustadt konnte vor 65 Jahren aufatmen: Das Rosenhof-Kino des ungekrönten Osnabrücker Kino-Königs Josef Struchtrup ging mit dem Streifen „Arlette erobert Paris“ an den Start. Den „Osnabrücker Kino-Krieg“ überlebte die heutige Event-Location nicht. Eines blieb aber immer gleich.

Mit ungebremstem Wiederaufbauschwung ließ Architekt Heinrich Feldwisch-Drentrup den Bau in einer Rekordzeit von gerade einmal vier Monaten auf den Grundmauern der früheren Rosenapotheke hochziehen. Für Struchtrup war es das zweite Nachkriegskino. Zusammen mit dem 1950 eröffneten „Ritz“ und dem 1954 eröffneten „Roxy“ gehörte der Rosenhof zu den drei erfolgreichen „R’s“, die ihn zum Kino-König von Osnabrück werden ließen. Den Markt der Erstaufführungen großer neuer Filme beherrschte er fast wie ein Monopolist. 1972 zog sich Josef Struchtrup aus dem Kinogeschäft zurück.

Der Rosenplatz war für die Struchtrups ein Standort mit Tradition. Josefs Vater Philipp Struchtrup erbaute 1893– 1896 auf der anderen Seite des Rosenplatzes an der Ecke zur Johannisstraße das Haus „Zum Johannisthor“ als Gaststätte, Hotel, Café und Wohnhaus für seine Familie und Bedienstete. Später trug es den Namen „Monopol“, wobei er gewiss noch nicht ahnen konnte, dass der Sohn einmal fast wie ein Monopolist die Osnabrücker Kinoszene beherrschen würde.

Nazis verweigerten Genehmigung

Den Drang, am beginnenden Boom der Lichtspieltheater teilzunehmen, trug Vater Struchtrup allerdings auch schon in sich. 1933 kaufte er das Akzisehaus in der Johannisstraße, ließ es abreißen und an seine Stelle einen eingeschossigen Zweckbau setzen mit einem Saal für Kabarett und Kleinkunst. Indes, die Partei verweigerte ihm die Genehmigung für diese Nutzung. Nach längeren Querelen eröffnete er 1937 darin das erste „Rosenhof“-Kino.

Der gesamte Monopol-Rosenhof-Komplex überlebte den Bombenkrieg nicht. In den 1950er-Jahren baute Apfelsaft-Fabrikant Emil Krone dort ein Mehrfamilienhaus, das nach dem Eigentümerwechsel 1990 einen unrühmlichen Niedergang bis hin zur Zwangsräumung erlebte. Inzwischen ist das seinerzeit als „Skandalhaus“ in die Schlagzeilen geratene Gebäude modernisiert und wieder recht ansehnlich.

Zahlreiche Ehrengäste

Doch zurück zum Rosenhof-Kino der Nachkriegszeit. Welchen Stellenwert Kino damals hatte, verdeutlicht die Liste der Ehrengäste, die der Eröffnung am 29. September 1953 beiwohnten: Regierungspräsident Egon Friemann und Oberstadtdirektor Walter Wegner waren genauso darunter wie Vertreter der Kirchen, der leitenden Behörden und des Rates der Stadt. Die Gäste durchschritten die von Vitrinen geschmückte Kassenhalle, betraten den „Wandelraum“ und waren dann von der indirekten Beleuchtung in dem 780 Plätze umfassenden Saal beeindruckt. Die Eröffnungsvorstellung begann mit Haydns Kaiser-Quartett, live auf der Bühne dargeboten vom Harbaum-Quartett. Nach den unvermeidlichen Ansprachen spielten die Musiker Schlager aus dem Premierenfilm „Arlette erobert Paris“ an. Dann endlich durfte das „liebenswürdige und manchmal auch recht kecke Lustspiel“ (Neue Tagespost) beginnen.

Heute Veranstaltungszentrum: Seit 2004 ist der Rosenhof kein Kino mehr, sondern bietet Konzerten, Partys und Comedy-Auftritten eine Bühne. Foto: Joachim Dierks

Die strahlenden Jahre des Rosenhofs gingen 1983 erst einmal zu Ende. Der neue Pächter Heinz Riech mit seiner Ufa-Theater-AG zerschlug die repräsentative Inneneinrichtung des Parkett-Theaters und machte ein Kinocenter mit fünf kleineren Sälen daraus. Für wahre Cineasten war das ein Graus, ohne Flair und Vorführgenuss. Bis April 1990 betrieb die Ufa dieses „Schachtelkino“. Bereits 1987 hatte der Hannoveraner Kino-Tycoon Hans-Joachim Flebbe („Cinemaxx“) der Riech-Gruppe das Objekt abgejagt, wogegen diese vergeblich klagte. In der Presse war vom „Osnabrücker Kino-Krieg“ die Rede. Flebbe übernahm und investierte eine Million Mark, um den Rosenhof wieder zu einem Lichtspieltheater alter Pracht werden zu lassen. Die glanzvolle Wiedereröffnung 1992 mit der Filmkomödie „Schtonk!“ erlebte der 88-jährige Josef Struchtrup als Gast mit.

Zu viele Kinos in Osnabrück

1997 übernahm die Ufa jedoch wieder den Spielbetrieb. Das ging fünf Jahre gut, bis Anfang Oktober 2002 die Betreibergesellschaft Insolvenz anmeldete. „Osnabrück hat zu viele Leinwände“, lautete eine gängige Diagnose. Eine Fortführung als klassisches Kino stand nicht mehr zur Debatte. Es fanden sich zwei Investoren, die dem Rosenhof als Veranstaltungszentrum 2004 neues Leben einhauchten: Rüdiger Scholz mit seiner Agentur „Goldrush Entertainment“ und Martin Wüst. Seitdem bietet der Rosenhof hinter der unverändert weiß-roten Fassade Konzerten, Comedy und Partys eine Bühne.

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