IHK-Präsident Schlichter im Gespräch Schlichter: Frau als Präsidentin wäre eine Weichenstellung

Von Nina Kallmeier, 12.09.2018, 05:01 Uhr
Die IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim bekommt Ende des Jahres einen neuen Präsidenten. Martin Schlichter tritt nicht wieder an. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. IHK-Präsident Martin Schlichter tritt zur laufenden IHK-Wahl nicht mehr an. Ein Gespräch über Ehrenamt, Frauen als Zeichen des Wandels und Standortfaktoren.

Herr Schlichter, zur laufenden IHK-Wahl treten Sie nicht wieder an.

Im Juni habe ich in der Vollversammlung erklärt, dass ich nicht erneut kandidieren werde. Insofern ist richtig, dass meine Amtszeit als Präsident mit der Wahl einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers am 4. Dezember endet. Der Grund für meine Entscheidung ist, dass ich meine unternehmerische Tätigkeit in der B. Schlichter GmbH & Co. KG im Verlauf der Wahlperiode beenden möchte. Das Unternehmen wird dann von meinem Vetter Karl Schlichter und einem meiner Söhne weitergeführt. Eine Amtsniederlegung z. B. in der Mitte einer Wahlperiode habe ich allerdings nicht für sinnvoll gehalten. Insofern werde ich mich nun, auch wenn es vielleicht schwer fällt, von meinem Amt verabschieden.

Welche Themen der vergangenen Jahre waren für Sie besonders wichtig?

Besonders wichtig waren für mich als IHK-Präsident drei Dinge: Zum einen das Augenmerk intensiver auf die kleineren Unternehmen zu richten. Hier haben wir zum Beispiel ein eigenes Magazin aufgelegt, um speziell für sie relevante Themen anzusprechen. Zum anderen war es für mich wichtig, dass die IHKs in Niedersachsen wieder mit einer Stimme sprechen. Das haben wir geschafft. Nach langen Gesprächen wurde die IHK Niedersachsen (IHKN) gegründet, in der alle sieben niedersächsische Kammern gemeinsam ihre Interessen vertreten. Und schließlich hat unsere IHK verstärkt Netzwerke etabliert. Heute haben wir 29, die sich mit Fachthemen von Datenschutz bis Energieeffizienz beschäftigen. In diesen Netzwerken engagieren sich rund 2200 Frauen und Männer.

Wie wichtig ist das Ehrenamt?

Für die IHK ist das ehrenamtliche Engagement der Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Region die Basis. Ohne Ehrenamt kann sie gar nicht funktionieren. Aktuell engagieren sich 4500 Personen – von der gewählten Vollversammlung bis hin zu Prüfern, die jedes Jahr mehr als 50.000 Stunden leisten – für die Interessen der Region.

Die Unternehmen, die Sie als IHK vertreten, sind vom Einzelunternehmer bis zum Weltkonzern breit gefächert. Wie schafft man den Spagat zwischen den verschiedenen Interessen?

Das ist die große Aufgabe, denn die IHK ist ein Spiegelbild der regionalen Wirtschaft. In der Vollversammlung gilt: ein Unternehmen, eine Stimme. Insofern wiegen die Interessen eines Weltkonzerns nicht mehr als die des Einzelunternehmers. Dass wir kleine Unternehmen erfolgreich ansprechen, merken wir an der Zusammensetzung der Vollversammlung. Dort sind viele von ihnen vertreten.

Die Wahlbeteiligung ist traditionell bei einer IHK-Wahl nicht hoch. Wie treten Sie dem entgegen?

Wir setzen gerade bei dieser Wahl verstärkt auf die sozialen Medien und werben dort für die Wahl. Wenn sich nur wenige Unternehmer an einer IHK-Wahl beteiligen, ist das ärgerlich, denn die Wahlbeteiligung ist auch eine Legitimation für die Arbeit, die wir anschließend leisten. Deshalb werden wir auf allen Kanälen. Wenn wir die Beteiligung um bis zu 5 Prozent steigern könnten, wäre ich froh.

Wie hoch ist der Frauenanteil?

Von 112 Kandidaten sind 16 Frauen. Auch das ist eine unserer Baustellen. Wir haben intensiv bei den Frauen geworben, aber es ist in der Praxis leider immer noch so, dass sie neben dem Beruf oft die Hauptlast tragen, wenn es um die Versorgung der Familie geht. Da ist das Zeitbudget für ein Ehrenamt tendenziell geringer als bei Männern.

Wie hoch ist da die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Ihre Nachfolgerin wird?

Die Chance ist da, mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin wird ja von der Vollversammlung gewählt. Ihr werden selbstverständlich wie bisher auch schon Frauen angehören. Eine Frau als Präsidentin wäre die erste in dieser IHK. Es wäre eine Weichenstellung, wenn wir vor allem jüngere Unternehmer und Frauen für dieses Ehrenamt begeistern könnten. Das würde ein Zeichen für Wandel setzen.

Mit welchen Themen wird sich der Nachfolger beschäftigen müssen?

Es gibt natürlich die immer wiederkehrenden Themen, dazu zählt unter anderem der Ausbau der Infrastruktur. Die A33 Nord oder die E233 stehen da zum Beispiel weiter auf der Tagesordnung. Etwas Erleichterung bekommen wir, wenn die Umgehung von Bad Oeynhausen auf der A30 im Jahr 2019 fertig wird, ebenso auch der Lückenschluss der A33 nach Süden. Auch der Schleusenausbau am Dortmund-Ems-Kanal ist auf einem guten Weg.

Wir versuchen daneben auch, neue Diskussionen anzustoßen wie die zur „Region Osnabrück“. Diese ist allerdings wieder etwas verebbt. Dabei wäre es wichtig, dass sich Stadt und Landkreis Osnabrück zusammensetzen und, wenn möglich, Themen gemeinsam auf den Weg bringen.

Wo liegen für Sie die Stärken der Region?

Unsere Region prosperiert. Wir haben Vollbeschäftigung und eine junge Bevölkerung – das zeichnet uns aus. Was uns besonders krisenfest macht, ist, dass wir sehr breit in den Branchen und Betriebsgrößen aufgestellt sind. Unser Schwerpunkt ist der klassische Mittelstand. Und in den letzten Jahren haben wir stark bei der akademischen Ausbildung aufgeholt. Das hilft der Region und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft verbessert sich weiter.

Mit welchen Standortfaktoren sind Unternehmen nicht zufrieden?

Die wichtigsten Standortfaktoren fragen wir aktuell in einer Umfrage ab. Ein erster Blick zeigt: Unternehmen schauen bei der Auswahl ihres Standorts genauer hin als noch beim letzten Mal im Jahr 2013. Wenn man sieht, dass Baugenehmigungen zum Teil deutlich länger dauern als noch vor fünf Jahren, dass Gewerbesteuerhebesätze immer weiter steigen, obwohl die Kassen voll sind, dann ist das eine Verschlechterung des Standorts, ganz eindeutig.

Ist die Gewerbesteuer einer der wichtigsten Standortfaktoren?

Standortqualität ist sicherlich immer ein Mix. Steuern, Grundstückspreise und Entscheidungswege für Baugenehmigungen spielen eine Rolle, aber auch Digitalisierungsmöglichkeiten. Denn es gibt nach wie vor Industriegebiete in der Region, in denen nicht mobil telefoniert werden kann. Das ist nicht nachzuvollziehen. Auch entlang der Autobahnen, Bahnschienen und Wasserwege gibt es Nachholbedarf. Alles redet von autonomem Fahren – da ist mein Vertrauen nicht sehr groß, wenn auf der A31 alle drei Minuten schon das Telefonat abbricht.

Auch Fachkräfte bleiben ein Dauerbrenner. 2020 kommt nun hinzu, dass ein Abiturjahrgang wegfällt. Wie bereitet sich die Wirtschaft darauf vor?

Wir haben im Moment die Situation, dass 40 Prozent der Starter im dualen Ausbildungssystem mit Abitur antreten. Die fehlen uns 2020 weitgehend. Das Problem, Lehrstellen zu besetzen, verschärft sich also. Die Unternehmen stehen dabei zunehmend im Wettbewerb untereinander. Wer sich auf die Situation einstellt, hat die Nase vorne. Unsere IHK bietet unter anderem mit Zertifikaten wie dem „Top Ausbildungsbetrieb“ Hilfestellungen an, um Azubis einen Orientierungspunkt für ihre Bewerbungen zu geben.

Unternehmen schauen aber nicht nur auf Standortbedingungen in der Region, sondern weltweit. In welchen Märkten sehen Sie für regionale Firmen heute Chancen?

Wenn man auf die letzten Monate oder auch auf die letzten zwei Jahre schaut, sieht man, wie schnell sich die Lage wenden kann. Vor zwei Jahren hätte ich noch gesagt, die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die sind heute doch sehr begrenzt. Der Iran tat sich kurz auf, auch hier ist das Fenster fast wieder zu. Hinzu kommt die Ungewissheit des Brexits. Dabei ist ein geeintes Europa meiner Meinung nach notwendiger denn je, um mit anderen auf Augenhöhe zu sein. Wir gehen in Europa gerade in die umgekehrte Richtung, das halte ich für falsch.

Die geopolitischen Veränderungen machen die Situation für die Unternehmen schwieriger. Die Welt ist so schnelllebig geworden. Es ist schwer, da Prognosen abzugeben. Aber die Welt ist groß und wächst stetig zusammen. Und Marktchancen sind keine Frage der Landesgröße, sondern der Bereitschaft eines Unternehmens, sich zu engagieren.

Immer häufiger sind chinesischen Delegationen in der Region zu Gast. Welche Bedeutung hat der Markt für die Region?

China ist für uns sowohl als Werkbank als auch als Absatzland extrem wichtig. Es gibt einen regen Warenaustausch und der Markt wächst weiter.

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