Stadt entfernt Liebesschlösser an Brücken Osnabrücker Schlossknacker mit Herz

Von Jana Henschen, 11.09.2018, 18:13 Uhr
Jörg Huge entfernt im Auftrag der Stadt Osnabrück sogenannte Liebesschlösser an der Brücke Öwer de Hase. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Jörg Huge hat einen Auftrag – oder besser gesagt einige tausend Aufträge: Er entfernt die Liebesschlösser an Osnabrücks Brücken.

Platsch. Jetzt ist genau das passiert, was nicht passieren sollte. Huge sind beim Aufknacken zwei Schlösser in das trübe Wasser der Hase gefallen. Aber der städtische Mitarbeiter im Fachbereich Immobilien, der mit seiner Arbeit "die Liebe zerstört", wie ihm ein Passant im Vorbeigehen vorwirft, hat in Wahrheit ein großes Herz. "Die hole ich nachher wieder raus", sagt er und markiert die Stellen des unerwünschten Abgangs am Geländer mit einem Strich. Und damit ihm nicht noch mehr Liebesbeweise ins Wasser fallen, baut er auch gleich noch eine behelfsmäßige Auffang-Vorrichtung aus einem Eimer.

Für jede Brücke sammelt Jörg Huge die Schlösser in verschiedenen Eimern. So können Verliebte die Schlösser später leichter wiederfinden. Foto: Michael Gründel

Alte Liebesschlösser rosten

Huge ist ja eigentlich für Metallbauarbeiten an städtischen Gebäuden zuständig. Dieses Mal muss er jedoch nichts reparieren, sondern kaputt machen, um zu retten was anderenfalls auch von ihm nicht mehr zu reparieren wäre. Denn die Vorhängeschlösser an den Brücken verursachen teure Schäden durch Rost. Die Metallschlösser beschädigen zum Beispiel aufgrund von Kontaktkorrosion das Edelstahlgeländer. Außerdem ächzen die Brücken unter dem hohen Gesamtgewicht des zusätzlichen Metalls. 

Die Liebesschlösser können Rostschäden am Edelstahlgeländer verursachen. Foto: Michael Gründel

Was Huge da auf Osnabrücks Brücken treibt, kommt einem öffentlichen Body-Builder-Training gleich. Andere zahlen viel Geld für den Aufbau der Oberarm- und Brustmuskulatur,  Huge bekommt das Gratis, denn die Schlösser verlangen nach viel Kraft, abhängig von ihrer Qualität. Man könnte auch sagen: Wer viel Geld für seine Liebe ausgegeben hat, fordert Huge jetzt besonders. Am Dienstagvormittag hatte der städtische Schlossknacker rund 100 Schlösser entfernt. Für Ungeübte wäre das schon mal eine vorzeigbare Leistung. 

Huge kann im Grunde seines Herzens nachvollziehen, was Liebende zum Schlösserwahn treibt. Auch er  hat schon einmal ein Schloss an eine Hasebrücke gehängt. "Die Schlösser sind eine tolle Geste", sagt er. "Aber die Brücken leiden." Spricht's, greift wieder zum  Bolzenschneider und kneift das nächste Schloss ab. "Es nutzt ja nix", meint er.

Jörg Huge schätzt, dass er rund 1200 Schlösser allein an der Brücke Öwer de Hase entfernen muss. Foto: Michael Gründel

In einem Eimer sammelt er die Schlösser der Brücke Öwer de Hase und in einem anderen die der Angers-Brücke, um den Liebenden wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt geben zu können, wenn sie denn ihre Schlösser wiederhaben wollen. Denn wer sein Schloss haben möchte, kann sich bei Udo Rietmann, Telefon 0541/323-4215, melden, um einen Termin zur Abholung zu vereinbaren. Was danach mit den verbliebenen Rostrelikten menschlicher Liebe passiert, ist noch nicht geklärt. Laut Jürgen Schmidt, Fachdienst für Verkehrsanlagen, werden die Schlösser erstmal aufbewahrt. 

Der Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt beschäftigte sich Anfang des Jahres mit einer eiförmigen Konstruktion bestehend aus einem Geflecht von Edelstahlstäben, das an der Neuen Mühle aufgestellt werden sollte. Dort statt an den Hasebrücken sollten Pärchen ihre Liebesschlösser befestigen können. Die alten Schlösser, deren Liebe vielleicht nicht wie Stahl hielt, sollen dem Entwurf nach zu einer Standplatte verarbeitet werden, die der Boden für die ei-förmige Installation ist. Allerdings fehlt bisher der Sponsor für das Liebesei. Die Pläne liegen auf Eis.

Verliebte sicherte eigenes Schloss

Stefanie Lörper kam zufällig an der Brücke Öwer de Hase vorbei und konnte ihr Schloss direkt mitnehmen. Im Auftrag der Stadt Osnabrück entfernt Jörg Huge die Liebesschlösser an den Brücken. Foto: Michael Gründel

Und dann war da am Dienstag noch Stefanie Lörper. Sie wird ihrem Gatten zum ersten Hochzeitstag ein ganz besonderes Geschenk machen: Das Liebesschloss, dass die beiden dereinst an der Brücke Öwer de Hase befestigten.  "Mal sehen, was mein Mann sagt, wenn ich ihm die Schlösser (ein kleines Schloss fügten die beiden nach der Geburt ihres Kindes hinzu) am Sonntag zum 1. Hochzeitstag auf den Tisch lege", sagt Lörper und lacht. Sie wird sicherlich gut daran tun, dem Geschenk ein paar erklärende Worte hinzuzufügen, denn das Schloss sollte doch eigentlich auf immer an der Brücke hängen und ewig währende Liebe symbolisieren. Da könnte sein plötzliches Auftauchen auf dem Gabentisch zu falschen Annahmen führen. 

Der Zufall wollte es, dass Lörper an der Brücke vorbeikam, als Huge die Schlösser demontierte. "Klar", sagt der freundliche städtische Mitarbeiter auf ihre Bitte, ihr Schloss mitnehmen zu dürfen. "Wenn wir es wiederfinden." Geduldig half der "Herzensbrecher" beim Suchen, knackte das Schloss und machte damit einen Menschen glücklich. 

Huge rechnet, dass er etwa eine Woche braucht, um die zahlreichen Schlösser mit dem Bolzenschneider zu knacken. "Manche sind zähe Biester", sagt er, "Den Schlössern merkt man die Preisklasse an." Bereits am ersten Tag brach eine kleine Ecke an der fabrikneuen Zange heraus. Den Bolzenschneider will er nun reklamieren.

Stefanie Lörper freut sich zusammen mit Jörg Huge ihr Schloss gefunden zu haben. Foto: Michael Gründel


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