Unterwegs mit der Unfallkommission Wie die Straßen in der Region Osnabrück sicherer werden sollen

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Kaum jemand kennt sie – und doch haben sie fast überall ihre Spuren hinterlassen: Horst Winkelmann, Heiner Kröger und Manfred Motzek gehören der Unfallkommission an, deren Aufgabe es ist, die Straßen in der Region Osnabrück sicherer zu machen. Foto: David EbenerKaum jemand kennt sie – und doch haben sie fast überall ihre Spuren hinterlassen: Horst Winkelmann, Heiner Kröger und Manfred Motzek gehören der Unfallkommission an, deren Aufgabe es ist, die Straßen in der Region Osnabrück sicherer zu machen. Foto: David Ebener

Osnabrück. Auf den Straßen in Stadt und Landkreis Osnabrück kracht es jeden Tag – meist sind es Bagatellunfälle, doch immer wieder kommen auch Menschen ums Leben. Das zu verhindern ist die Aufgabe der Unfallkommission, einer Gruppe, die kaum jemand kennt – doch die fast überall ihre Spuren hinterlässt.

Bad Iburg. Keine Chance hatte ein 71-Jähriger am 15. Juli 2018 auf der Laerer Straße. Bei einem misslungenen Ausweichmanöver kollidierte das Auto des Mannes frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug. Der Mann wurde tödlich, die Insassen des entgegenkommenden Fahrzeugs schwer verletzt. An gleicher Ort und Stelle starb am 10. April 2015 ein Rollstuhlfahrer, der die Laerer Straße überqueren wollte.

Heiner Kröger geht in die Hocke. Hier, auf der Laerer Straße zwischen Bad Iburg und Bad Laer, ist das Osnabrücker Land fast am schönsten, sagen viele. Der Wind treibt die warme Spätsommerluft die Landesstraße hinauf und unter Krögers Polizeihut. Es ist hügelig, Äcker wechseln sich mit Hofstellen ab. Keine zwei Monate ist es her, da riss ein Unfall ein Loch in die Idylle. Kröger ist deswegen hier . So etwas soll nicht noch einmal passieren, zumindest wenn es nach dem Oberkommissar geht, der bei der Polizei Osnabrück im Sachgebiet Verkehr arbeitet.

Oberkommissar Heiner Kröger vertritt die Polizei in der Unfallkommission, deren Aufgabe es ist, die Straßen in Stadt und Landkreis Osnabrück sicherer zu machen. Foto: David Ebener

„Man muss sich schon hineinversetzen in die Menschen, die an Unfällen beteiligt sind“, sagt der 51-Jährige. Hockend stellt er jetzt den Rollstuhlfahrer dar, der hier vor drei Jahren ums Leben kam. Eigentlich ist die Stelle, an der jetzt nur Zentimeter entfernt ein Lkw vorbeirauscht, per Definition kein Unfallschwerpunkt. Anwohner haben aber die Sorge, dass es einer werden könnte. „Trotzdem müssen wir mal nachschauen, ob die Ängste begründet sind“, sagt Kröger halbabwesend, denn eigentlich gilt seine Konzentration in diesem Moment den Dingen, die sich auf der Laerer Straße zutragen. Wie schnell fahren die Autos? Gibt es Sichtbehinderungen? Welche Informationen liefern die Unfallprotokolle? Unter Krögers weißer Polizeimütze rattert es.

Manfred Motzek vom Landkreis Osnabrück und Heiner Kröger nehmen an Unfallschwerpunkten mögliche Risiken unter die Lupe. Foto: David Ebener

Manfred Motzek und Horst Winkelmann stehen in diesem Moment auf der anderen Straßenseite. Der Verwaltungsfachmann vom Landkreis und der Bauingenieur von der Landesstraßenbaubehörde haben ein Auge für gefährliche Straßen. „Vielleicht reicht hier schon eine durchgezogene Linie, um die Situation zu entschärfen“, sagt Motzek mit Blick auf die Laerer Straße, die in Richtung Bad Iburg eine Steigung nimmt. Kröger, Motzek und Winkelmann sind keine Berühmtheiten – und doch haben sie in Stadt und Landkreis überall Spuren hinterlassen. Unfallkommission nennt sich der Zusammenschluss von Experten, der immer dann ausrückt, wenn es irgendwo gehäuft kracht. 

Sie kommen erst, wenn etwas passiert

Wer mit Polizeioberkommissar Heiner Kröger im Streifenbulli durch das Osnabrücker Land fährt, hat in den seltensten Fällen etwas verbrochen. Ganz im Gegenteil: Kröger vertritt die Polizei in der Gruppe, die die Straßen sicherer machen will, die aber kaum jemand kennt. „Muss denn immer erst etwas passieren, bis ihr kommt? Das werde ich natürlich oft gefragt“, sagt Kröger, bei dem man während der Fahrt immer den Eindruck hat, er scanne die Straße nach gefährlichen Kurven und Kreuzungen ab. „Ja klar, natürlich kommen wir erst dann, wenn etwas passiert ist. Das liegt bei der Unfallkommission in der Natur der Sache.“

Relikt aus der prädigitalen Zeit

Würde der Oberkommissar alle Unfallstellen der Region sicher machen wollen, müsste es mehr als nur einen Kröger geben. Deshalb sucht sich die Polizei Schwerpunkte heraus. Früher wurde Kröger von seinen Kollegen „Pfeilewerfer“ genannt. Mit kleinen, farbigen Pins markierten er und seine Kollegen bis vor einigen Jahren Unfälle auf einer analogen Pappkarte. Aus nostalgischen Gründen hat Kröger immer noch einen Ausschnitt der Karte mitsamt der Markierungen aufbewahrt.

Relikt aus der prä-digitalen Zeit: Früher wurden Unfälle auf einer Papptafel markiert. Heute funktioniert es digital. Foto: David Ebener

Heute funktioniert alles digital, Kröger kann mit einer Software Karten aufrufen, auf denen die Unfallorte und alle Details zu den einzelnen Unfällen aufgeführt sind. Geblieben sind die Pins, nur eben digital auf dem Monitor und nicht auf der Papptafel. „Das blaue Fähnchen heißt zum Beispiel, dass Alkohol mit im Spiel war“, sagt Kröger mit einem Schmunzeln. Das Lächeln weicht aus Krögers Gesichtszügen, sein Blick geht über das Lenkrad des Polizeibullis hinweg und sucht scheinbar einen unsichtbaren Punkt, irgendwo dort, wo die Straße am Horizont hinter einer Baumreihe verschwindet. „Die schwarz umrandeten Markierungen stehen für tödliche Unfälle.“ Kröger sagt diesen Satz ganz kurz – und klar ist, dass es vor allem diese Markierungen sind, die verschwinden sollen.

Bad Laer. Es ist der 15. Februar 2018, ein eher trockener Tag, die Temperaturen um den Gefrierpunkt. Gegen 20.15 Uhr will ein Autofahrer von der Versmolder Straße auf die Bielefelder Straße abbiegen. Im Polizeibericht heißt es, er habe die Vorfahrt eines Lkw missachtet. Bei der Kollision kommt der Mann ums Leben.

„Manchmal fragen wir uns natürlich auch: Wie kann das sein, dass genau an dieser Stelle ein Unfallschwerpunkt ist“, sagt Kröger. Er fasst sich an die Stirn. Das sind die Situationen, die dem Polizisten gar nicht behagen: Nicht zu wissen, woran es liegt, dass Menschen an einem bestimmten Ort verunglücken.

Zwischen Bad Laer und Bad Rothenfelde hatte sich ein Unfallschwerpunkt entwickelt. Auf Betreiben der Unfallkommission wurde die Beschilderung erneuert. Vielleicht hilft das schon, um die Stelle sicherer zu gestalten. Foto: David Ebener

Die Kreuzung der Bielefelder Straße und der Versmolder Straße ist so ein Ort. Nach dem tödlichen Unfall im Februar haben die Experten der Unfallkommission erst einmal „das kleine Besteck“ rausgeholt, wie Motzek es nennt. „In Aktionismus zu verfallen, hilft keinem. Wir wollen immer angemessene Maßnahmen treffen“, sagt der Landkreis-Mann, der seit mehr als 30 Jahren Unfallstellen im Kreisgebiet begutachtet. Ein Navigationsgerät, das brauche er nicht mehr, wenn er zwischen Melle und Menslage unterwegs ist. Das „kleine Besteck“ ist hier, auf halbem Wege zwischen Bad Laer und Bad Rothenfelde, eine auffälligere Beschilderung und ein erweitertes Überholverbot. Vielleicht reicht das schon, um weitere Unfälle zu verhindern. Wenn nicht, wenn in Krögers Auswertungssoftware weitere Fähnchen hinzukommen, macht sich die Unfallkommission wieder auf den Weg an die T-Kreuzung.

Ergebnis einfacher Mathematik

Das „große Besteck“ haben Kröger, Motzek und Winkelmann dagegen einige Kilometer weiter am Rothenfelder Niedersachsenring rausgeholt. Während auf der Landesstraße Lkw und Autos vorbeischießen, geht es in den nur einen Steinwurf entfernten Wohngebieten entlang der Eichendorffstraße betulich zu. An dieser Kreuzung, im Wechsel zwischen hohen und niedrigen Geschwindigkeiten, war früher ein Unfallschwerpunkt. Dass aus einer Kreuzung oder einer Straße eine im Beamtendeutsch „Häufungsstelle“ wird, ist Ergebnis einfacher Mathematik. Je nach Schweregrad des Unfalls vergibt die Polizei Punkte. Fünf sind es für einen tödlichen Unfall. Kommen in einem Zeitraum von drei Jahren 15 Punkte zustande, rückt die Unfallkommission an.

Früher war die Kreuzung Niedersachsenring/Am Forsthaus in Bad Rothenfelde ein Unfallschwerpunkt. Heute ist die Situation entschärft. Foto: David Ebener

Kröger, Motzek und Winkelmann stehen jetzt an der Kreuzung am südlichen Rand des Kurorts, der Verkehr rauscht an ihnen vorbei. Auf Betreiben der Unfallkommission wurden vor einigen Jahren Ampeln installiert, die Kreuzung neugestaltet. „Seitdem haben wir hier unfalltechnisch gesehen Ruhe“, sagt Kröger. Das ist ein Erfolg für die Kommission, auch wenn Kröger das nicht explizit betonen will. 

Manchmal müssen sie sich Zeit nehmen: Manfred Motzek, Horst Winkelmann und Heiner Kröger (von links) beobachten dann den Verkehr und versuchen zu verstehen, warum Menschen an bestimmten Orten verunglücken. Foto: David Ebener

Als eine Anwohnerin die Uniform sieht, das strahlend weiße Hemd mit den Sternen auf der Schulter und die dunkelblaue Hose, geht sie in die Offensive. Die Fußgängerampel sei defekt, es werde trotz Knopfdruck einfach nicht Grün – und das seit Monaten. Winkelmann zückt das Handy, spricht mit den Kollegen im Innendienst, das Problem soll schnell behoben werden. „Nur vom Schreibtisch aus können Sie die Kommission nicht machen“, sagt Motzek. 

Manchmal braucht es Zeit

Rund die Hälfte seiner Dienstzeit verbringt das Trio draußen. Manchmal braucht es Zeit, um ein Gefühl für die Gegebenheiten vor Ort zu bekommen. „Es hilft auch, einfach mal für etwas längere Zeit den Verkehr zu beobachten“, sagt Motzek. Eindrücke zu gewinnen, die man im Büro nicht findet.

Bad Iburg. Den Einsatzkräften bot sich am 15. Januar 2017 ein Bild des Schreckens. Eine Frau hatte in den Mittagsstunden auf der Münsterstraße die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren und kollidierte mit einem Baum. Dabei wurde die 59-Jährige aus dem Fahrzeug geschleudert und verstarb noch an der Unfallstelle.

Jeder Unfallort ist anders, die Herangehensweise der Unfallkommission aber fast immer gleich. Kröger sammelt die Daten seiner Kollegen vom Unfalldienst, wertet Unmengen von Zahlen aus. Wo es in der Karte auf seinem PC-Monitor bunt wird, gibt es Probleme. Je mehr Fähnchen, desto mehr Handlungsbedarf. Ortstermine werden vereinbart, bei denen die Experten darüber beraten, wie Unfälle künftig verhindert werden können. Die Spannbreite der Möglichkeiten ist groß: Reicht eine neue Beschilderung oder muss gar umgebaut werden? „Wir haben in gewisser Weise ein Baukastensystem aus Maßnahmen, die wir anwenden können. Aber kein Unfallschwerpunkt ist wie der andere“, sagt Winkelmann.

An der Münsterstraße wurden auf Betreiben der Unfallkommission Schutzplanken vor den Baumreihen installiert – ein Erfolg für Horst Winkelmann, Heiner Kröger und Manfred Motzek. Foto: David Ebener

Auf der Münsterstraße südlich von Bad Iburg hat die Unfallkommission tief in den Baukasten gegriffen. Wie bei vielen Alleen in Deutschland ist auch hier der Übergang von malerischer Idylle und todbringender Gefahr fließend. „Um so eine Straße sicher zu machen, müssten die Bäume eigentlich weg. Aber das will ja niemand“, sagt Kröger. Auf mehreren Hundert Metern Länge sorgen nun „passive Rückhaltesysteme“ dafür, dass Autos nicht an den Bäumen entlang der Straße zerschellen. Der Volksmund nennt sie Schutzplanken.

Entlang der Allee im Südkreis war es in der Vergangenheit immer wieder zu tödlichen Unfällen gekommen. Foto: David Ebener

Auch wenn die Unfallkommission an der Münsterstraße die denkbarste aller Lösungen gefunden hat, braucht es immer Kreativität, sagt Winkelmann. An einem Kreisel in Bissendorf war ihm die Beschilderung zu unübersichtlich. „Das ist auf Mallorca viel besser dargestellt. Wir haben die Beschilderung entsprechend angepasst. Das ist zwar nicht vorgesehen, aber kreativ“, sagt der Bauingenieur.

Wieder im Polizeibulli, Kröger kommt ins Plaudern. „Natürlich ist das irgendwie ein Kampf gegen Windmühlen. Es wird immer Unfälle geben, weil der Verkehr sich stetig verändert und sich andere Wege sucht.“ Trotzdem wirkt der Polizist nie resigniert. Nur dass ihn seine Frau manchmal ermahnen muss abzuschalten, ist ihm eine Erwähnung wert. Den Blick auf Kurven und Gefahrenstellen, den kann er auch in der Freizeit nicht abstellen.

Oberkommissar Heiner Kröger kann auch in der Freizeit nicht ganz davon ablassen, Straßen zu scannen – auch wenn seine Frau ihn manchmal ermahnen muss. Foto: David Ebener

Vorbei geht es im Polizeibulli an Feldern und Alleen, an Bauernhöfen und malerischen Orten, an denen es oft idyllisch ist und manchmal ganz schön gefährlich. Aber Heiner Kröger arbeitet dran.


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