Workshops, Führungen, Spiele Wie die Kunsthalle Osnabrück zeitgenössische Werke erlebbar macht

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Berufsschüler aus dem Osnabrücker Land nähern sich mit langsamer Bewegung der Kunst von Christoph Faulhaber in der Kunsthalle Osnabrück an. Foto: Gert WestdörpBerufsschüler aus dem Osnabrücker Land nähern sich mit langsamer Bewegung der Kunst von Christoph Faulhaber in der Kunsthalle Osnabrück an. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Kuratorin Christel Schulte will Besuchern der Kunsthalle Gegenwartskunst näherbringen. Ihr Team bietet neben Führungen zunehmend auch Workshops an. In der Ausstellung „Revolution & Architektur“ erproben beispielsweise Schüler ihre Wahrnehmung inmitten der Riesenbälle von Christoph Faulhaber.

An diesem Morgen sind 14 Berufsschüler im ersten Jahr ihrer Ausbildung zu Besuch in der Osnabrücker Kunsthalle. Wie in Zeitlupe laufen sie im Kirchenschiff zwischen den großen bunten Bällen des Künstlers Christoph Faulhaber hindurch, berühren die Plastikskulpturen, schieben sie hin und her. Manche klopfen auf sie und horchen auf die Geräusche, die entstehen.

Bei der Kunstvermittlung "Schüler für Schüler" lernen junge Erwachsene den spielerischen Umgang mit moderner Kunst. Foto: Gert Westdörp

Umgang mit Kunst lernen

Die Schüler der Berufsschule Melle sollen einen Umgang mit Kunst lernen, der ihnen bei ihrer späteren pädagogische Arbeit nützlich sein kann. Sie nehmen an einem Projekt von Kunstvermittlung teil, das die Kunsthalle Osnabrück schon seit mehreren Jahren unter dem Titel „Schüler für Schüler“ anbietet. In kleinen Gruppen widmen sich dabei Schüler von Grund-, Real-, Haupt- und Berufsschulen oder Gymnasien einzelnen Themen und Kunstwerken der wechselnden Ausstellungen. Am Ende der Workshops stellen die jungen Teilnehmer anderen Schülern die Kunst vor.

Nicht alle Ausstellungen wie die aktuelle „Revolution & Architektur“ sind zum Anfassen gedacht. Häufig können die Besucher aber haptische Erfahrungen machen. Für Jugendliche sei so der Zugang leichter. „Aus der Vermittlungsperspektive gesehen, ist die Faulhaber-Ausstellung toll“, sagt Kunstpädagogin Christel Schulte. Sie hat den Schülern den Auftrag gegeben, in einer ganz bewussten Verlangsamung der Bewegungen den Raum zu erkunden und die Bälle zu berühren.

Das Vermittlungsprogramm macht die Riesenbälle des Künstlers Christoph Faulhaber erlebbar. Foto: Gert Westdörp

Sehen, Riechen, Hören

Dann sollen sie beobachten, welcher Wahrnehmungssinn sich in den Vordergrund drängt. Ist es das Hören, Sehen, Schmecken oder Fühlen oder Riechen? Tim Horstmann, 19 Jahre alt, sagt: „Ich war überrascht, was man für Geräusche hört, das Gedrücke und Gequietsche, alles ist direkt in Bewegung, auch wenn nur ein Ball angeschoben wird. Der Raum wirkte riesengroß. Umso mehr ich herumgegangen bin, umso mehr habe ich mich gefühlt wie ein kleiner Junge, der auf Entdeckungsreise geht, wie durch ein Labyrinth zu gehen, das sich hinter einem wieder schließt.“ Das Auditive sei für ihn sehr stark gewesen. Seine Mitschülerin Saskia Schmidt sagt, das Sehen habe für sie im Vordergrund gestanden. „Ich habe alle Farben auf mich wirken lassen, von jeder Seite sah alles anders aus“, berichtet die Gleichaltrige in der Feedbackrunde.

Zum Team der Kunsthalle gehört die Pädagogin Christel Schulte. Foto: Gert Westdörp


„Dem Spielerischen, Impulsiven geben wir oft Raum. So sind wir mit Schülern schon durch den Raum gejoggt“, erzählt Schulte. Die Kunstpädagogin an der Kunsthalle hat ihr Programm über Jahre kontinuierlich ausgebaut. „Kuratorin für Publikumsteilhabe und Lernen“ ist der offizielle Titel von Christel Schulte. Mit der klassischen Besucherführung ist es längst nicht mehr getan, wenn von Vermittlung gesprochen wird. Die Kunsthalle bietet viele Formate zum Selbermachen und Kreativwerden an. Schulte möchte die Wahrnehmung schulen und Aufmerksamkeit für die eigenen Körperreaktionen im Raum der Kunst schaffen. Wie gehe, stehe oder sitze ich hier? Kunst teile sich über alle Sinne, über Verstand und Körper in gleicher Weise mit.


Bei einem Workshop zur Faulhaber-Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück wird Material kreativ neu zusammengesetzt. Foto: Kunsthalle Osnabrück

Zur aktuellen Ausstellung hat sie einen Workshop entwickelt, bei dem die Teilnehmer mit Chips, Schokolade und Lakritz arbeiten. Etwas, das die Schüler in ihrem Lebensalltag vorfinden. Mit den Lieblingssnacks sollen sie ein „Material-Umwendungsexperiment“ ausprobieren und den kreativen Umgang mit Stoffen lernen. Als Ausgangspunkt für den Workshop nahm Schulte den ungewöhnlichen Materialumgang des Künstlers Christoph Faulhaber. Seine Installation „Rekonstruktion des Bernsteinzimmers“ sammelt, bewahrt und stellt ein zum Bernstein passendes form- und farbanaloges Material aus – getrocknetes Nasensekret, oder deutlicher: zahlreiche, getrocknete Popel.

Spiel mit Kaugummis

Beim Workshop „Bubbles“ wird mit farbigen, kreisrunden Kaugummis gespielt, diese bergen für Schulte „zahlreiche Möglichkeiten für ein Kreativ-Labor“, um in Bewegung zu setzen, Modelle zu kleben und sogar zu zeichnen und so Komposition und Raumsituationen kennenzulernen.

Die Pädagogin bindet auch mal Künstler für Workshops ein. So gab es einen Performance-Wochenend-Workshop in der Kunsthalle Osnabrück mit dem Titel „Playing Up“ mit der Performance-Künstlerin Sibylle Peters. 

Jugendliche beim Performance-Wochenend-Workshop "Playing up" in der Kunsthalle Osnabrück. Foto: Angela von Brill/Kunsthalle Osnabrück

Abseits der Schulkooperationen erstreckt sich Schultes Vermittlungsarbeit und die ihres sechsköpfigen Teams auf Veranstaltungen in lockerer Folge. Der allsonntägliche Ausstellungsrundgang um 16 Uhr führt eine bis anderthalb Stunden durch die jeweilige Sonderausstellung. Nach Anmeldung können Besucher auch ihre Mittagspause in der Kunsthalle verbringen und auf einem 30-minütigen Rundgang mit der Kunstvermittlerin die Kunst erfahren.

Schüler treffen auf Museumsbesucher

In lockerer Folge treffen Besucher im Ausstellungsraum der Kunsthalle auf Kunstvermittlernachwuchs. Schüler des Seminarfachs Kunst des Ratsgymnasiums und Studenten der Universität Osnabrück sind mit ihren Shirts mit der Aufschrift WER? WIE? WAS? im Kirchenschiff und in den angrenzenden Kreuzgängen anzutreffen. Jeder, der sich austauschen, mitteilen oder kundig machen möchte, trifft hier auf Ansprechpartner und vielleicht auch auf ganz neue Perspektiven und Anregungen.

Aktuelle Sonderausstellung der Kunsthalle Osnabrück: Christoph Faulhaber: Revolution & Architektur 15. Juni bis 21. Oktober 2018


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