Auch einmal etwas für sich tun SHG für Angehörige von psychisch Erkrankten

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Eine Studentin sitzt auf ihrem Bett in ihrer Wohnung in Berlin und legt den Kopf auf ihre Knie. Immer öfter suchen Mütter und Väter von erwachsenen Kindern, die sich über ihre Sorgen um die psychisch erkrankten Kinder austauschen wollen, Hilfe in Selbsthilfegruppen. Foto: Jens Kalaene/dpaEine Studentin sitzt auf ihrem Bett in ihrer Wohnung in Berlin und legt den Kopf auf ihre Knie. Immer öfter suchen Mütter und Väter von erwachsenen Kindern, die sich über ihre Sorgen um die psychisch erkrankten Kinder austauschen wollen, Hilfe in Selbsthilfegruppen. Foto: Jens Kalaene/dpa

Osnabrück. Anfang des Jahres haben Menschen, deren Leben stark von der psychischen Erkrankung eines Angehörigen belastet wird, eine Selbsthilfegruppe (SHG) gegründet.

Acht bis zehn Personen kommen regelmäßig, die Gruppe sei indes noch offen für weitere Mitglieder, berichten zwei Teilnehmerinnen im Gespräch.  Sie möchten anonym bleiben. Diskretion ist in der SHG eine wichtige Bedingung für einen offenen Umgang miteinander. „Jeder Teilnehmer erzählt nur so viel, wie er möchte“, berichten die Frauen und versichern: „Aus unserem Kreis dringt nichts Persönliches nach außen.“

Nachdem anfangs auch Lebenspartner von psychisch Erkrankten in die Gruppe kamen, hat es sich nun so ergeben, dass es vor allem Mütter und Väter von erwachsenen Kindern sind, die sich über ihre Sorgen austauschen. „Wenn ich abends nach der Gruppe nach Hause komme, bin ich immer sehr aufgewühlt“, berichtet die ältere der beiden Frauen, „aber das ist ein gutes Gefühl, weil ich Vieles verarbeiten kann und neue Kraft schöpfe.“ Nicht allein zu sein mit den Problemen, zu sehen, dass es viele andere Betroffene gibt und von ihnen zu erfahren, welche Lösung sie in der einen oder anderen Frage gefunden haben, ist auch für die jüngere der Frauen eine große Entlastung.

Ihre erwachsenen Kinder, die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, leiden unter verschiedenen Krankheiten. Depression, bipolare Störung, Borderline und Psychosen wie die paranoide Schizophrenie heißen häufige Krankheitsbilder. Leider seien diese in der Gesellschaft oft nicht bekannt oder – eben als Krankheit – nicht akzeptiert. Die Angehörigen seien mit Wahngedanken, Zwängen oder Ängsten konfrontiert. Bei der Schizophrenie komme es krankheitsbedingt oft zu fehlender Einsicht und daher Ablehnung einer Behandlung, die in vielen Fällen hilfreich wäre. „Das ist für uns Angehörige schwer zu ertragen.“ Auch sei es nicht hilfreich, wenn Außenstehende auf die Trauer oder Antriebslosigkeit eines Depressiven mit vermeintlich aufmunternden Ratschlägen reagieren wie „Iss doch ein Stück Schokolade“ oder „Reiß dich mal zusammen!“ Das helfe einem Erkrankten nun einmal nicht. Und weil das so sei, gebe man als Angehöriger seinem Kranken dann eher den Rat: „Behalte deine Probleme für dich."

Ob das aber wirklich gut sei oder ob man die Öffentlichkeit nicht doch stärker mit vorhandenen Problemen konfrontieren solle, ist eines der Themen, die in der SHG besprochen werden. Macht man sich im Berufsleben angreifbar, wenn man zu viel von seiner Erkrankung preisgibt? Kann man auf Verständnis und Unterstützung hoffen oder muss man mit Mobbing rechnen?

Ein „Riesenthema“ ist auch die immer wieder zu klärende Frage der rechtlichen Betreuung. Diese Aufgabe selbst zu übernehmen, sei ein zweischneidiges Schwert. Einerseits erhalte man dann den Zugang zu Informationen über sein Kind, wenn es zum Beispiel in der Klinik ist; ansonsten würden die Kliniken keine Informationen über den erwachsenen Patienten an die Eltern herausgeben. Aber auf der anderen Seite droht das Vertrauensverhältnis zum Kind schweren Schaden zu nehmen, wenn Mutter oder Vater die Unterschrift zu seiner Zwangseinweisung leisten würden.

Auch Finanzfragen, etwa die, wie lange Eltern für ein Kind zahlen, das wegen seiner Erkrankung kein eigenes Einkommen erzielt, sind für viele Eltern wichtig. Daneben diskutiert man über gesellschaftliche Bedingungen, die zunehmende Reizüberflutung zum Beispiel, und tauscht Lektüretipps aus. Und natürlich alles über Therapien, Medikamente und Ärzte. Ist eine Heilung ohne Arzneien möglich? Sollte man Medikamente eigenmächtig absetzen? In Zukunft sei geplant, auch Fachleute zu kurzen Vorträgen einzuladen.

Einen ganz wichtigen Grund, in die SHG zu gehen, benennt die Mutter eines depressiven Sohnes: „Das Zusammenleben mit dem Erkrankten ist anstrengend. Oft frage ich mich: ‚Was sagst du jetzt, was sagst du besser nicht?‘ Ich kontrolliere meine Worte und mein Verhalten, bin oftmals in Sorge, dass ich etwas falsch gemacht habe. Da tut es mir unendlich gut, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen und einfach auch einmal ohne schlechtes Gewissen etwas für mich zu tun. Letztes Mal zum Beispiel sind wir nach der Gruppensitzung noch gemeinsam etwas trinken gegangen.“

Die SHG trifft sich jeden vierten Mittwoch im Monat zwischen 18 und 19.45 Uhr im Haus der Gesundheit, Hakenstraße 6 in Osnabrück. Das nächste Treffen ist also am 26. September und neue Mitglieder sind herzlich willkommen.

Kontakt: Büro für Selbsthilfe und Ehrenamt, Mail: selbsthilfe@lkos.de


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