Stolperstein am Wulfekamp 17 Nazis töteten Annette Garnerus 1941 in Hadamar mit Gas

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Am Wulfekamp 17 in Osnabrück: Hier lebte Annette Garnerus. Wegen psychischer Probleme wurde sie langjährige Patientin am Osnabrücker Gertrudenberg. Eine negative Beurteilung über ihren Krankheitsverlauf war für sie das Todesurteil: 1941 ermordeten die Nationalsozialisten sie in Hadamar. Foto: David EbenerAm Wulfekamp 17 in Osnabrück: Hier lebte Annette Garnerus. Wegen psychischer Probleme wurde sie langjährige Patientin am Osnabrücker Gertrudenberg. Eine negative Beurteilung über ihren Krankheitsverlauf war für sie das Todesurteil: 1941 ermordeten die Nationalsozialisten sie in Hadamar. Foto: David Ebener

Osnabrück. Die Missionslehrerin Annette Garnerus aus Osnabrück litt unter psychischen Problemen – und wurde deshalb 1941 von den Nazis ermordet. Sie kam in der Tötungsanstalt Hadamer ums Leben. Damit wurde sie Opfer der „Aktion T 4“: Die Nationalsozialisten begingen Massenmorde an langjährige Anstaltspatienten.

Gedenken auf dem Bürgersteig: Auf dem 288. Stolperstein in Osnabrück steht der Name Annette Garnerus. Bevor die Messingplatte zum Teil des Gehweges vor dem Haus Am Wulfekamp 17 wird, erinnern Gisela Brandes-Steggewentz und Heidi Reichinnek an das Leben der Ermordeten. Lisa Böhne vom Initiativkreis Stolpersteine hatte dafür in Archiven recherchiert. 

Der Stolperstein für Annette Garnerus. Foto: David Ebener

Ihr Vater war evangelischer Pastor im Emsland. Annette Garnerus wurde 1889 in Plantlünne bei Lingen geboren. Das zierliche, freundliche und lebhafte Mädchen wurde Missionslehrerin und zog 1914 in die USA. Ein Jahrzehnt später erkrankte sie, und ein Jahr lang verbrachte sie im Marinekrankenhaus auf Long Island. Dann kam sie nach Osnabrück und wohnte für kurze Zeit bei ihrer Familie am Wulfekamp 17. Überliefert ist, dass sie an religiösen Wahnideen litt und sich für eine Jüdin hielt. 1927 wurde sie Patientin in der Heil- und Pflegeanstalt am Gertrudenberg. Auch dort galt sie als freundlich, produktiv, fleißig und gelegentlich witzig. Für einen Tag war sie auf der Flucht.

Mord nach Aktenlage

Lange vor seiner Machtergreifung hatte Adolf Hitler gefordert, schwache Menschen zu töten. Nationalsozialistische Ideologen bedienten sich unter anderen bei den Professoren Karl Lorenz Binding (1841–1920) und Alfred Hoche (1865–1943), die ein Buch unter dem Titel „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ herausgegeben hatten. Als die Nationalsozialisten  während der 1930er-Jahre ihre Taten vorbereiteten, legten sie sich dafür ein passendes Vokabular zurecht – mit Begriffen wie „Rassenhygiene“ und „Desinfektion“.

Die Entscheidung für die Morde an Patienten fiel in Berlin. Adolf Hitler hatte an der Tiergartenstraße 4 die Verwaltung beauftragt, die Patienten zu erfassen. Beamte und Ärzte urteilten nach Aktenlage über Leben und Tod. Etwa 200 000 psychisch kranke und geistig behinderte Frauen, Männer und Kinder wurden Opfer der nationalsozialistischen Ideologie, die Menschen nach Nutzen bewertete. Mitgefühl dagegen war bei den Nationalsozialisten verpönten. Sie richteten sechs Tötungsanstalten ein. 

"Vergasungsärzte" in Hadamar

Im April 1941 traf es 180 Patienten aus Osnabrück – unter ihnen befand sich Annette Garnerus. Nationalsozialisten brachten sie in ein Zwischenlager nach Eichstädt, sechs Wochen später nach Hadamar, wo die Massenmörder sie erwarteten. Dort arbeiteten unter anderem „Vergasungsärzte“ – mit dieser Berufsbezeichnung war auch die Tatwaffe genannt.

Die Patienten mussten sich ausziehen. Ärzte fotografierten sie und ersannen sich – mit Blick auf die jeweilige Krankenakte – eine plausibel erscheinende Todesursache für die offiziellen Unterlagen.  Die Gaskammer befand sich im Keller. War der Raum voll, verschlossen die Mörder die Tür, saugten die Luft aus dem Raum ab und ließen Gas einströmen. Drei Minuten dauerte der Todeskampf. Die Opfer wurden verbrannt. Annette Garnerus starb am 10. oder 11. Juni 1941 im Alter von 51 Jahren. 

In dem Haus Am Wulfekamp 17 lebt heute Irmgard Beer. Sie ist die Tochter der damaligen Eigentümer, bei denen die Pastorenfamilie aus dem Emsland gelebt hat: "Sie haben unten gewohnt." Dass jetzt ein Stolperstein vor ihrer Haustür an Annette Garnerus erinnert, gefällt ihr. Der Name begleitet sie schon ihr ganzes Leben.


Stolpersteine

Messingplatten in Gehwegen erinnern an Opfer des Nationalsozialismus – jeweils vor den ehemaligen Wohnungen oder Wirkungsstätten der Juden, Sinti, Roma, Deserteure sowie Menschen, die aus politischen oder religiösen Gründen, einer psychischen Erkrankung, ihrer sexuellen Orientierung oder einer Behinderung verfolgt und ermordet wurden. Der Kölner Künstler Gunter Demnig ist Initiator des Projekts Stolpersteine, dem sich mehrere Hundert Kommunen angeschlossen haben – außer in Deutschland unter anderem auch in Österreich, Ungarn, Tschechien, Polen, in der Ukraine und in den Niederlanden. In Osnabrück werden die Gedenksteine seit 2007 verlegt. Inzwischen befinden sich in Osnabrück 290 Stolpersteine. Pate des Gedenksteins für Annette Garnerus an der Straße Am Wulfekamp 17 in Osnabrück sind Gisela Brandes-Steggewentz und Heidi Reichinnek. jweb

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