Übersetzer für die Seele von Kindern Erziehungsberatung Osnabrück hilft seit 60 Jahren

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Unter dem Motto "Kinder verstehen. Eltern begleiten. Erziehung fördern" hilft das Team der Beratungsstelle kostenfrei und unabhängig von Konfession, Nationalität und sozialem Status. Foto: Beratungsstelle/ S. HehmannUnter dem Motto "Kinder verstehen. Eltern begleiten. Erziehung fördern" hilft das Team der Beratungsstelle kostenfrei und unabhängig von Konfession, Nationalität und sozialem Status. Foto: Beratungsstelle/ S. Hehmann

Osnabrück. Von 1958 bis heute hat sich sowohl die Erziehungsberatung als auch das Gesicht von Familien immer wieder gewandelt. Insgesamt 75.000 Menschen aus allen Bevölkerungsschichten suchten in dieser Zeit als Klienten die von Bistum, Stadt- und Landkreis geförderte Beratungsstelle in Osnabrück auf, die Anfang des Monats ihr 60-jähriges Bestehen gefeiert hat. 25000 davon waren Kinder und Jugendliche.

Frau Westermann, was sehen Sie als wesentlichen Wandel im Familienleben in den vergangenen 60 Jahren?

Das Gesicht von Familie hat sich gewandelt. In den 50-er und 60-er Jahren waren Familien meistens relativ stabil. Es gab mehrere Kinder in der Familie und meistens waren die Frauen nicht berufstätig. Heutzutage sind Familien instabiler geworden, Mütter sind meistens auch berufstätig und viele Kinder sind Einzelkinder oder haben allenfalls ein Geschwisterkind. Das individuelle Kind bekommt eine sehr viel größere Bedeutung. Früher waren Kinder Gemeinschaftskinder, die in irgendeiner Form auch miterzogen wurden von den anderen Geschwistern. Heute ist das Kind ein hochwichtiges Projekt für Eltern, das besonders gepflegt und gehegt wird. Auf der anderen Seite muss es aber sehr gut funktionieren, um die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. In dieser Situation sind Eltern viel mehr damit beschäftigt, ob sie alles Ausreichende für ihr Kind tun, ob sie es ausreichend fördern, ob sie genug Zeit für das Kind haben.

Worin sehen Sie aktuell den größten Beratungsbedarf?

Die Zuspitzung, die wir heute sehen, betrifft die Situation, dass Beziehungen und Bindungen brüchiger geworden sind. Wir haben sehr viel mit Trennung und Scheidung zu tun. Das ist das eine. Dann geht es darum, dass Familien heute in einer Situation sind, in der Berufstätigkeit und die Teilhabe am Konsumleben eine große Rolle spielt. Sie versuchen die Aspekte Familie sowie Beruf und Arbeit in Balance zu bringen. Was sich auch zu den 50-er Jahren verändert hat, ist, dass Väter inzwischen sehr viel präsenter geworden sind im Familienleben: sie spielen mit und sie nehmen an Erziehung teil. Im Fall der Krise von Trennung und Scheidung ist es dann natürlich so, dass sie legitimerweise auch mehr Mitspracherecht beanspruchen. Wenn es dann zu Streitigkeiten kommt, wird die Belastung für Kinder größer.

Sind Diagnosen wie ADS, Mobbing, Dyskalkulie oder Hochbegabung Phänomene der Gegenwart und tatsächlich Erkrankungen oder verbergen sich hinter den neuen Fachausdrücken nur Versäumnisse in der Erziehung der Kinder?

Was wir an differenzierten Beratungsanlässen in den letzten Jahrzehnten mehr sammeln konnten, ist tatsächlich, dass diese Problemlagen zugenommen haben. Ob diese wachsend sind oder nur das Bewusstsein dafür schärfer geworden ist, ist offen. Ich denke, beides ist richtig. Wenn wir zum Beispiel an Aufmerksamkeitsstörung denken, dann gab es dafür einen Begriff in den 50-ern und der hieß „Minimale zerebrale Dysfunktion“, der in irgendeiner Form das eben auch gemeint hat. Gleichzeitig ist festzustellen, dass das Aufmerksamkeitsvermögen von Kindern nachgelassen hat. Die Reizüberflutung hat zugenommen und die digitale Technikentwicklung hat ihren Teil dazu beigetragen, dass Kinder in einem zweiten Film unterwegs sind und deswegen immer auch zwei Ebenen beherrschen müssen. Das trägt nicht dazu bei, sich auf etwas zu fokussieren und zu konzentrieren. Kinder, die dabei Schwierigkeiten haben, sind schneller in einer Störungsmarge von „das ist nicht mehr tragbar“. Wir helfen Eltern dabei, die Gefühle und Verhaltensweisen ihrer Kinder besser zu begreifen. So verstehen wir unsere Aufgabe: als Übersetzer für die Seele von Kindern.

Seit 60 Jahren hilft die Osnabrücker Erziehungsberatung. Foto: Monika Vollmer


Welche Ziele und Kernangebote verfolgt ihre Einrichtung um Abhilfe zu schaffen?

Wir haben drei Kernbereiche mit den Überschriften „Kinder verstehen. Eltern begleiten. Erziehung fördern“. Das Kennenlernen von Kindern und Explorationen, eine Beschreibung dessen, was in Kindern vorgeht, wo ihre Interessen sind und was sie leisten können, gehört zum diagnostischen Teil von „Kinder verstehen“. Im Weiteren erfolgen Spiel- oder Gruppentherapietermine.

„Eltern begleiten“ ist die Übersetzung dieser Erfahrungen und Befunde an die Eltern, die im Übrigen auch manchmal ganz alleine unsere Klienten sind, weil sie eine Erziehungsberatung brauchen. Wir verstehen darunter, mit den Eltern zusammen neue Perspektiven aufzuzeigen, in die inneren Landschaften ihrer Kinder einzutauchen und Lösungen für ganz konkrete Probleme zu finden.

Der dritte Bereich „Erziehung fördern“ betrifft die Arbeit mit sogenannten Multiplikatoren. Unser Schwerpunkt ist hier, sich mit Erziehern und Lehrern zu vernetzen, die zu Supervisionsgruppen in die Beratungsstelle kommen.

Was brauchen Kinder oder Jugendlichen um einen Entwicklungsschritt weiterzugehen?

Zuversicht, gesehen werden, lieb gehabt werden und Herausforderung. Entwicklungsschritte passieren ein ganzes Stück automatisch. Gott sei Dank haben wir ja alle ein physiologisches inneres Programm, das uns wachsen lässt. Aber wie gut dieses innere Programm voran geht, das hat ganz viel mit den optimalen Rahmenbedingungen zu tun, die Kinder und Jugendliche bekommen und dazu gehören diese beiden großen Teile Liebe, emotionaler Rückhalt aber auch Grenzen setzen mit Herausforderung.

Der Beratungsbedarf hat sich bei Ihnen in den letzten sechs Jahrzehnten mehr als versechsfacht. . .

Der Zuwachs in unserer Stelle, die Versechsfachung, die eigentlich schon seit den 70- ern existent ist, hat auch damit zu tun, dass das Beratungsangebot etwas ganz Einzigartiges bietet: den geschützten Rahmen der Verschwiegenheit mit gleichzeitiger Möglichkeit, alles was einem innerlich beschäftigt, mit einem Gegenüber auszutauschen, der gelernt hat, sich in den andern hineinzuversetzen. Dieses Empathie-und Verstehensangebot sowohl Eltern als auch Kindern gegenüber ist etwas, was Ruhe und Zeit braucht. Und eben diesen geschützten und verschwiegenen Rahmen. Der ist uns ganz wichtig, auch im Blick darauf, dass wir hohes Vertrauen seitensBistum, Stadt- und Landkreis Osnabrücks erfahren, die uns das seit 60 Jahren ermöglichen.

Ist die Schwellenangst zu Ihnen zu kommen in den letzten Jahren eher gestiegen oder geringer geworden?

Es ist gesellschaftsfähiger geworden, sich beraten zu lassen. Das Bewusstsein dafür, dass die Verhaltensweisen und Vermittlung von Gefühlen eine wesentliche Rolle in Familien spielen, ist etwas, was Menschen erst einmal befriedigt. Im Bereich von Erziehung um so notwendiger, weil Eltern sich selbst verstehen müssen um ihre Einwirkung auf Kinder zu verstehen. Die Möglichkeit das zu tun wird einfacher, wenn es im Bewusstsein von Gesellschaften normaler wird, sich mit Psychologie und Pädagogik zu befassen. Es ist nicht mehr mit Scham oder Schuldgefühl besetzt, sich beraten zu lassen, sondern es ist eher etwas, worauf man stolz sein darf: über sich selbst, um Nachzudenken und um an sich zu arbeiten.


Erziehungsberatung

Die Erziehungsberatung am Straßburger Platz 7 hat Montag bis Freitag von 9-12 Uhr und Montag bis Donnerstag von 14-17 Uhr geöffnet. Jeder, der für ein Kind oder einen Jugendlichen zu sorgen hat, kann die Beratung kostenfrei in Anspruch nehmen. Telefon: 0541/42044

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