„Wir sind dann wohl die Angehörigen“ Reemtsma-Sohn stellt Buch über Entführung seines Vaters vor

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Las aus seinem Roman „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ im Blue Note: Johann Scheerer. Foto: Swaantje HehmannLas aus seinem Roman „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ im Blue Note: Johann Scheerer. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Am Dienstag las Johann Scheerer in der gut besuchten Littera-Veranstaltung der Buchhandlung zur Heide im Blue Note aus seinem Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen. Darin thematisiert er seine Erinnerungen an die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma.

Die Lateinarbeit, die er jetzt nicht mitschreiben muss - das ist der erste Gedanke, der dem 13-jährigen Johann durch den Kopf geht, als ihn seine Mutter von der Entführung des Vaters informiert. Gleichzeitig schämt sich der Jungen deswegen in Grund und Boden: „Es war so profan, unwichtig, absurd, so gemein und dumm, aber es war auch wahr.“ Was den Jungen in ein derartiges Gefühlschaos stürzt, war vor 22 Jahren durch sämtliche Medien gegangen: die Entführung von Johanns Vater Jan Philipp Reemtsma im März 1996.

Am Dienstag las Johann Scheerer im Blue Note bei der gut besuchten  Littera-Veranstaltung der Buchhandlung zur Heide aus seinem Buch mit dem lakonischen Titel „Wir sind dann wohl die Angehörigen“. In dieser „Geschichte einer Entführung“ dokumentiert der heute 35-jährige Hamburger Musikproduzent seine Eindrücke von damals, die er konstant aus dem Blickwinkel seines 13-jährigen Alter Egos beschreibt. Mit ruhiger Stimme las Scheerer über einen Musik-verrückten Teenager, dessen Elternhaus sich von einem Tag auf den andern in ein Basislager für Polizisten und Anwälte verwandelt. Von technischen Pannen, gescheiterten Geldübergaben, aber auch über das Wiedersehen mit dem beinahe fremd gewordenen Vater im Bundeswehrkrankenhaus. Und darüber, wie die Familie die Erinnerungen an das dramatische Geschehen auch während eines Aufenthaltes in New York nicht ausblenden kann. Während seines Vortrags hielt Scheerer den Blick konzentriert auf das Buch gerichtet. Ein Lächeln erlaubte er sich nur, wenn Zuhörer über amüsante Passagen lachten. Etwa, wenn Johanns Indiana-Jones-Fantasien so gar nicht zu Knie-Athrose und Magenschmerzen der Ermittler passen wollen.

Mit seinem packenden Psychogramm einer Familie im Ausnahmezustand geht es Scheerer ebenso darum, die Deutungshoheit über das damalige Geschehen zurück zu holen wie den Namen seines Vaters von Assoziationen mit „Verbrecherfantasien“ und „Geldfantasien“ zu befreien. Seine eigene Auseiandersetzung sieht er mit der Arbeit an seinem Buch und den Lesungen abgeschlossen. Vielleicht gehört zu Johann Scheerers Abschließen auch seine Reaktion auf die Frage einer Zuhörerin, ob er die versäumte Lateinarbeit damals noch nachgeholt habe: „Ich erinnere mich nicht mehr daran.“


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