Zeitgeist gegen den Strich gebürstet Max Goldt huldigt in der Lagerhalle dem Primat der Sprache

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Pures Vorlesegold: Max Goldts Auftritt im Saal der Lagerhalle. 
Foto: Philipp HülsmannPures Vorlesegold: Max Goldts Auftritt im Saal der Lagerhalle. Foto: Philipp Hülsmann

Osnabrück. Unter gewohnt facettenreicher Ausschöpfung des Reichtums der deutschen Sprache las Max Goldt in der Lagerhalle ältere und neue, auch bislang unveröffentlichte Texte.

„Max Goldt liest“ steht schlicht und einfach auf dem Veranstaltungsplakat an der Tür der Lagerhalle. Einen schlauen Spruch oder einen frechen Titel braucht der Mann nicht, um den Saal zu füllen. Der Name des Autors, der einmal als „Meister der Themenvermeidung“ tituliert worden ist, steht längst für sich selbst. Dabei ist die Beschreibung nicht gänzlich zutreffend. Denn Goldts Texte mögen zwar thematisch sprunghaft erscheinen, doch versteht es der Formulierungsvirtuose vortrefflich, scheinbare Nichtigkeiten des Alltags so mit erlesenen Worten zu veredeln, dass sie in wohlfeiler Prosa als das enttarnt werden, was den „Reichtum des Lebens“ ausmacht. „Das süße Nichts“ wollte er als „anstrengendsten und längsten“ Text des Abends gleich zu Beginn hinter sich bringen. Dabei kann der Titel als durchaus programmatisch gelten für eine irrlichternde Textkunst, die mitunter thematisch aber durchaus naheliegend etwa vom Sitzfleisch zur Herrenunterwäsche wandert.

Ehrenrettung Morrisseys

In pointierter, mit parodistischen Elementen gewürzter Diktion lässt Goldt Leute, die „ungeniert mit ihrem Körper prahlen“, dies auch beim Arzt tun oder trägt „dramolettisierte Comic-Szenarien“ über Induktionsherde oder „schlimme Schleimvideomädchen“ vor, die das Youtube-Portal fluten. Ebenfalls noch unveröffentlicht, liest er auch die beim Fernsehen entstandene, erweiterte Notiz „Petra Gerster versus David Bowie“ vor – anlässlich dessen, dass die Moderatorin den Sänger fälschlicherweise als „Multitalent“ beleidigt hat. In eine ähnliche Kerbe schlägt der Text „Morrissey versus Der Spiegel“, der sich zu einer flammenden Ehrenrettung des jüngst als vermeintlich „rassistisch“ in Verruf geratenen „charmanten Rockstars“ und „bemerkenswerten Dichters“ aufschwingt, der einer „völlig unvorbereiteten“, vor allem aber sprachlich unbedarften und inkompetenten Interviewerin „ausgesetzt“ gewesen sei. Bei der Gelegenheit spießt er auch den gegenwärtigen „vierten“, „Hashtag- und T-Shirt-Feminismus“ auf. 

Rütteln an Gewissheiten

So formal altmodisch Goldts Sprache auch erscheinen mag, die vor allem mit Adjektiven und Konjunktiven nicht eben geizt, so aktuell sind die Themen, die er unter ihrem Primat seziert und dabei den Zeitgeist lustvoll gegen den Strich bürstet. Auch inhaltlich jongliert er mit Anglizismen wie „Manspreading“, vergnügt wildert er im „Phrasen-Sperrmüll“ und rüttelt gern auch mal argumentativ überzeugend an vermeintlichen Gewissheiten - etwa der, dass Kinder „am meisten“ unter einem Krieg zu leiden hätten. Dass heutzutage die „frischesten Köpfe“ in der Werbewirtschaft „vergeudet“ würden, moniert Goldt an einer Stelle. An einer anderen macht er aus seiner Abneigung gegen „Veranstaltungen mit angedrohter Diskussionsmöglichkeit“ keinen Hehl. Weder das eine noch das andere gilt für ihn und seine Form des Auftritts, der sich einmal mehr als pures Vorlesegold entpuppt.


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