Zeitreise in Osnabrück 150 Jahre Psychiatrie am Gertrudenberg: von der „Irrenanstalt“ zum Ameos

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Heute wie früher: Das zur Knollstraße hin ausgerichtete Verwaltungsgebäude hat sich in 150 Jahren äußerlich nicht verändert. Foto: Joachim Dierks.Heute wie früher: Das zur Knollstraße hin ausgerichtete Verwaltungsgebäude hat sich in 150 Jahren äußerlich nicht verändert. Foto: Joachim Dierks.

Osnabrück. Nach dem Marienhospital (1859) und dem städtischen Krankenhaus (1865) nahm 1868 als dritter großer Neubau der medizinisch-sozialen Fürsorge die „Provinzial-Irrenanstalt“ auf dem Gertrudenberg die ersten Patienten auf.

Als der Bau auf Initiative der hannoverschen Regierung, aber auch auf ausdrücklichen Wunsch des Magistrats 1863 begann, gehörte Osnabrück noch zum Königreich Hannover. 1866 ging Preußen als Sieger aus dem innerdeutschen Einigungskrieg hervor. Osnabrück wurde preußisch, was zunächst zu einem Baustopp führte. Doch auch die neuen Landesherren erkannten bald die Notwendigkeit eines Weiterbaus und förderten ihn nach Kräften. Am 1. April 1868 wurde die „Irrenanstalt“ auf dem Grundstück des 1802 säkularisierten Gertrudenklosters eröffnet.

Lob und Kritik

Ein beeindruckender Gebäudekomplex, demgegenüber sich das Osnabrücker Schloss geradezu bescheiden ausnahm, thronte von nun an der Südostflanke des Gertrudenbergs. Die „Osnabrücker Zeitung“ war schon vor der Eröffnung überzeugt, „daß die neue Irrenanstalt zu den großartigsten und prächtigsten Bauten Osnabrücks wird gezählt werden müssen. Das Zweckmäßigste ist mit dem Schönen in einer so vollkommenen Weise vereinigt, daß man fast versucht wäre, die künftigen Bewohner um ihre palastartige Wohnstätte zu beneiden.“ Die Architekten Adolph Funk und Julius Rasch überhöhten den Eingangsbereich des zentral angeordneten Administrationsgebäudes mit einem Stufenblendgiebel, der an das Pathos neugotischer Rathäuser erinnerte.

Die Heil- und Pflegeanstalt am Gertrudenberg, vermutlich in den 1920er-Jahren. Ansichtskarte des Verlags Hermann Lorch, Dortmund.

Die gehobene Architektur sollte wohl auch dabei mithelfen, das Bild der seelisch Kranken zu reformieren. Geisteskrankheit war noch kaum als solche anerkannt. In der Planungsphase sprach man in Hannover von einer „Versorgungsanstalt für Wahn- und Blödsinnige“.

Seit 1899 nicht mehr für die „Irren“

Unverständnis prägte wohl auch bei der Eröffnung 1868 weiterhin die öffentliche Wahrnehmung, „daß man für die Gesunden weniger prächtig baut als für die Kranken, daß man für die Heilung des verlornen Verstandes prächtigere Gebäude für nothwendig hält, als für die Entwicklung des erblühenden – kurz, daß die Localitäten unserer Schulen mit denen unserer Irrenanstalt keinen Vergleich aushalten“. So beschrieb die „Osnabrücker Zeitung“ eine verbreitete Stimmungslage. Hinter drei Meter hohen Mauern nahm Sanitäts-Rath Georg Meyer als erster Anstaltsleiter die Behandlung seiner ersten Patienten auf.

Medizinischer Fortschritt, neue Behandlungskonzepte und bauliche Erweiterungen gehörten zu den Impulsgebern der ständigen Weiterentwicklung der Anstalt, die 1899 die „Irren“ aus ihrem Namen tilgte und seitdem „Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt“ hieß. Dank des Umstandes, dass Erich Maria Remarque in den 1920ern in der zum Anstaltskomplex gehörenden Gertrudenkirche Orgel spielte, ist die Anstalt in die Weltliteratur eingegangen. In dem autobiografische Züge tragenden Roman „Der schwarze Obelisk“ kommen die „Irrenanstalt“ und eine persönlichkeitsgespaltene Insassin wiederholt vor.

Transporte in die Vernichtungsstätte Hadamar

Schlimme Zeiten brachen ab 1933 für die Heil- und Pflegeanstalten und ihre Patienten herein. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ ermöglichte Zwangssterilisationen. Die Vernichtung „lebensunwerten menschlichen Lebens“, beschönigend Euthanasie genannt, betraf im September 1940 zuerst jüdische Patienten, ab 1941 auch andere. Ein Transport mit 179 Patienten ging trotz Protestes der leitenden Ärzte vom Gertrudenberg in die Vernichtungsstätte Hadamar.

Die SS hatte zuvor geprüft, ob der Gertrudenberg selbst als Vernichtungsstätte geeignet sei. Doch schien Osnabrück – vielleicht weil es Bischofssitz war – nicht in Frage zu kommen.

„Die Mauern müssen weg“

Nach dem letzten Krieg übernahm das neugebildete Land Niedersachsen die Trägerschaft des „Niedersächsischen Landeskrankenhauses“ (NLKH), wie es ab 1952 hieß. Große Reformschritte setzte ab 1972 Hans Peter Kitzig als ärztlicher Leiter um. Sein Leitsatz war „Die Mauern müssen weg“. Damit meinte er ganz konkret die Mauern, die das Gelände umschlossen, um die Patienten den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen. Er meinte aber auch die „Mauern in den Köpfen“, die in seinem Verständnis weniger Ausdruck des Schutzes als der Ausgrenzung waren.

Kitzig machte in Hannover 59 Millionen DM locker für ein großes Sanierungs- und Neubauprogramm. 1976 war die Dreiteilung des unübersichtlich gewordenen Gesamtkrankenhauses in die Wege geleitet: in das Beschützende Wohnen für seelisch Behinderte, in die Akutversorgung im Krankenhausneubau und in die Abteilungen für Alterskranke am Königshügel.

150-Jahr-Feier

Für lebhafte Diskussionen im politischen Raum sorgte 2006 die Absicht der Landesregierung, ihre acht Landeskrankenhäuser zu verkaufen. Aus dem Bieterverfahren ging für die Häuser Osnabrück und Hildesheim die private Schweizer Ameos-Gruppe siegreich hervor. Das Bistum Osnabrück hatte als unterlegener Bieter Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Vergabeverfahrens und strengte eine Überprüfung an, die im Juni 2007 endgültig zugunsten der Ameos-Gruppe entschieden wurde.

Die Ameos-Gruppe mit Sitz in Zürich betreibt Krankenhäuser, Pflege- und Eingliederungseinrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Unternehmen wurde 2002 gegründet und beschäftigt nach eigenen Angaben in aktuell 77 Einrichtungen an 41 Standorten mit insgesamt 9000 Betten und Behandlungsplätzen rund 12800 Mitarbeiter. Die Feier des 150-jährigen Bestehens für geladene Gäste findet am Freitag, 7. September, um 10 Uhr im Historischen Treffpunkt für Kunst & Kultur auf dem Gertrudenberg statt.


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