Schädlinge fressen sich durch Fichtenbestände Borkenkäfer-Invasion: Zehntausende Bäume im Kreis Osnabrück bedroht

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Bad Iburg. Milliarden von Borkenkäfern fressen sich zurzeit durch die Fichtenbestände. Zehntausende Bäume werden den Insekten in der Region zum Opfer fallen, so die Prognose des Forstamts Weser-Ems. Fast verzweifelt versuchen Förster, den Schaden in Grenzen zu halten. Ein Besuch im Käfer-Krisengebiet am Dörenberg.

Besser hätte das Jahr für den Borkenkäfer nicht laufen können. Erst das Orkantief, dann lang anhaltende Trockenheit und Hitze. Ideale Bedingungen für die explosionsartige Vermehrung des Borkenkäfers. Als Friederike am 18. Januar über die Region hinwegfegte, riss das Orkantief in wenigen Stunden mehr Bäume um, als sonst in einem ganzen Jahr geschlagen werden. Das Sturmholz war ein gefundenes Fressen für die Borkenkäfer.

Sturmholz als Brutstätte für die Schädlinge

Bis März war es so feucht, dass die Förster die umgestürzten Bäume mit ihren Maschinen gar nicht aus dem Wald bekamen. Die umgeworfenen Fichten dienten massenhaft als Brutstätte für die Schädlinge, die im April aus der Bodenstreu kamen und in dem Sturmholz ideale Bedingungen vorfanden, um ihre Eier dort abzulegen. Das extrem warme Frühjahr sorgte dafür, dass die Käfer früh flogen und sich massiv fortpflanzten. Über drei Generationen konnte ein einziges Weibchen in diesem Jahr dadurch mehr als 100.000 Nachkommen haben.

„Das ist extrem“

„Sonst hatten wir in der Regel nur zwei, aber in diesem Jahr haben wir bereits die dritte Generation. Das ist extrem“, beklagt der für den Staatswald rund um den Dörenberg zuständige Revierförster Jens Kohlbrecher, während er mit einem Messer ein Stück Rinde aus einem der Stämme der Holzstapel am Waldrand abschneidet. Darunter kommt sogleich das Corpus Delicti zum Vorschein: fünf Millimeter lang, ein Millimeter breit.

Mehr als 1000 Schädlinge haben auch diese Fichte zur Strecke gebracht, indem sie unter der Rinde den Saftstrom unterbrachen und den Baum mangels Nährstoff- und Wasserzufuhr absterben ließen. Kohlbrecher findet in dem Stamm sogar zwei verschiedene Arten des Borkenkäfers, einerseits den kleineren Kupferstecher, der sonst eigentlich öfter in der Krone der Fichte zu finden ist, und den Buchdrucker, der auch weiter unten angreift, weil er sich auch durch dickere Rinden fressen kann.

Über drei Generationen konnte ein Borkenkäfer-Weibchen in diesem Jahr dadurch mehr als 100.000 Nachkommen haben. Foto: dpa

Sägewerke sind voll

„Seit April gab es aber praktisch keinen Niederschlag mehr, sodass wir zwar mit der Aufarbeitung der Sturmschäden beginnen, der Borkenkäfer aber zeitgleich auch mit der Vermehrung beginnen konnte“, erläutert der Förster. Auch im September liegt immer noch das Sturmholz von Friederike am Waldrand. Die Sägewerke sind voll, nutzen den Wald als Lagerstätte und holen das bereits erworbene Holz erst in die Werke, wenn sie wieder Kapazitäten haben.

Beim Anblick der diversen Stapel Sturmholz am Wegesrand schüttelt Revierförster Kohlbrecher frustriert den Kopf: „Erst Sturm, dann Dürre und Käfer. So ein Jahr habe ich noch nicht erlebt. Dabei habe ich gedacht, nachdem wir mit Friederike durch sind, wird’s hier etwas ruhiger, aber das ist voll nach hinten losgegangen.“ Zwölf-Stunden-Schichten sind in diesem Sommer keine Seltenheit für ihn und seine Mitarbeiter. Er kommt mit der Arbeit einfach nicht hinterher.

Nadelteppiche, braune Baumkronen, braunes Bohrmehl

Wenn er und seine Mitarbeiter wie Forstwirt Markus Schmedt losziehen, dann achten sie vor allem auf drei Merkmale: Grüne Nadelteppiche auf den Wegen, braune Baumkronen und braunes Bohrmehl auf der Rinde und am Stammfuß. Eigentlich gilt auch Harz am Stamm als eindeutiges Befallskennzeichen. „Doch in diesem Jahr sind viele Fichten durch die lange Trockenheit so in Stress geraten, dass sie schon gar kein Harz mehr produzieren können“, erläutert Kohlbrechers Chef, der für den Staatswald in der Region zuständige neue Forstamtsleiter Reinhard Ferchland, bei einem Käfer-Krisentreffen am Dörenberg.

Holzernte-Maschinen entrindet befallene Fichten, damit Larven sterben

Dabei zeigt er auf Dutzende von Forstwirt Markus Schmedt und seinen Kollegen mit roter Farbe besprühten Bäumen an den Hängen des Dörenbergs. Die Farbe signalisiert dem Forstmaschinenführer Stephan Altemöller, welche Fichten bereits befallen sind. Die „Harvester“ genannte Holzernte-Maschine sieht aus wie ein Riesenbagger. Sie fällt den Baum binnen Sekunden. Dabei legt sich der mit einer Kettensäge ausgestattete Kopf am Ende des etwa zehn Meter langen Kranarms um den Baumstamm und fällt den Baum, bevor Entastungsmesser die Stämme entasten und entrinden.

Dadurch, dass die Rinde vom Stamm abfällt, sterben die Larven, und der Borkenkäfer kann sich nicht mehr weiterentwickeln. Dennoch bemüht sich Forstamtsleiter Ferchland aktuell in den Verhandlungen mit den Sägewerken darum, dass das Käferholz so schnell wie möglich aus dem Wald kommt.

Es zeigt sich nur langsam, welche Bäume befallen sind

Auf ein weiteres Problem weist Revierförster Kohlbrecher hin: „Es zeigt sich nur langsam, welche Bäume befallen sind.“ Ständig finden Kohlbrecher und seine Mitarbeiter bei den Waldbegehungen neuen Befall an Nachbarbäumen. „Kaum ist der Harvester durch einen Bestand durch, kann er im Prinzip auch schon wieder vorne anfangen“, beschreibt Kohlbrecher, wie mühselig es ist, dem Käfer zu Leibe zu rücken.

50.000 Fichten gefährdet

Die Plage betrifft nicht nur den Staatswald, sondern auch den Privatwald in der Region. Der Holzkoordinator des Forstamts Weser-Ems, Andreas Wiemer, weiß um die Probleme der Waldbesitzer. Er sagt: „Nach den mehr als 50000 Bäumen, die durch Friederike an Sturmholz angefallen sind, gehe ich davon aus, dass bis Ende 2019 noch einmal genauso viel an Käferholz hinzukommt.“ Mehr als die Hälfte des Baumbestandes am Dörenberg mache aktuell die Fichte aus. Wiemer prognostiziert: „So wie wir den Dörenberg jetzt in Erinnerung haben, werden wir ihn in den kommenden Jahren kaum wiedererkennen.“

Da die Population des Schädlings sich derart vergrößert habe, werde das Problem noch größer, wenn die Käfer im kommenden Frühjahr in großer Zahl aus der Bodenstreu ausfliegen. Nur durch einen regnerischen Sommer 2019 könne die Natur das Problem selbst noch lösen.

„Super-GAU“

Wiemer erinnert sich jedoch aus eigener Erfahrung an eine Borkenkäferplage im Schwarzwald: „Dort haben wir fünf Jahre gebraucht, um die Plage in den Griff zu kriegen.“ Für die Waldbesitzer sei das der „Super-GAU“, weil sie mit der Aufforstung wieder bei null anfangen müssten, weiterhin hohe Pflegekosten hätten, mit der nächsten Ernte aber erst in einigen Jahrzehnten rechnen könnten. „Ein Nothilfeprogramm mit einer Vorfinanzierung zur Beseitigung der Schäden und zur Bekämpfung der Borkenkäfer ist daher zwingend notwendig“, fordert Wiemer.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN