Interview mit Leiterin der U25-Beratung in Lingen Wie einem Menschen mit Suizidgedanken das Leben gerettet werden kann

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Ängste und Einsamkeit: Für viele junge Menschen sind diese Themen in ihrem sozialen Umfeld tabu. Bei der U25-Beratung können sie anonym mit Gleichaltrigen über ihre Probleme reden. Foto: Caroline Seidel/dpaÄngste und Einsamkeit: Für viele junge Menschen sind diese Themen in ihrem sozialen Umfeld tabu. Bei der U25-Beratung können sie anonym mit Gleichaltrigen über ihre Probleme reden. Foto: Caroline Seidel/dpa

Lingen. Rund 10.000 Menschen in Deutschland begehen jährlich Suizid, 600 davon sind zwischen zwölf und 25 Jahre alt. Vor dem Welttag der Suizidprävention am 10. September haben wir uns mit Katrin Warstat unterhalten. Die 32-Jährige leitet die U25-Beratung der Caritas Osnabrück mit Sitz in Lingen. Hier können sich junge Menschen mit Suizidgedanken anonym Hilfe holen.

Frau Warstat, angenommen ich habe den Verdacht, dass ein mir nahestehender Jugendlicher Suizidgedanken hat: Wie kann ich ihm klarmachen, dass es gut wäre, sich an die U25-Beratung zu wenden?

Das Wichtigste ist immer, darüber zu reden. Reden rettet Leben. In diesem Zusammenhang gibt es drei wichtige Schritte. Man sollte seinen Mitmenschen gegenüber grundsätzlich aufmerksam sein. Im zweiten Schritt: zuhören und nachfragen. Wenn ich merke, dass es meinem besten Kumpel schlecht geht, sollte ich keine Angst haben nachzufragen. Beim Verdacht von Suizidgedanken sollte man das auch ansprechen. Viele Menschen glauben, dass sich die Person erst recht das Leben nehmen möchte, wenn ich das Thema angehe. Das Gegenteil ist aber der Fall: Wenn dieses schwere Thema einmal angesprochen ist, fällt der nächste Schritt für eine Lösung leichter.

Worauf sollte ich in so einer Situation noch achten?

Der Helfer muss sich selbst auch immer Unterstützung holen. Er sollte nicht zum Geheimnisträger werden. Demjenigen, dem ich helfen möchte, muss ich klarmachen: „Das ist so ein großes Thema, wir sollten uns Hilfe dazuholen. Nicht nur für dich, sondern auch für mich.“ Dann kann man gemeinsam Beratungsstellen, Ärzte oder Psychologen aufsuchen. Bei Kindern und Jugendlichen ist es besonders wichtig, auch erwachsene Vertrauenspersonen ins Boot zu holen und die Angelegenheit nicht unter sich zu klären.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Suizid nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache unter jungen Menschen. Wie kann die U25-Beratung eingreifen?

Wenn sich jemand bei uns meldet, dann passiert das freiwillig. Die meisten Jugendlichen suchen im Internet nach Lösungen, weil sie Suizidgedanken haben, und stoßen dann auf das Angebot von U25. Sie schreiben uns kostenlos per Helpmail, einem anonymen E-Mail-Programm. In ihren ersten Nachrichten beschreiben die Jugendlichen meist, wie es ihnen zur Zeit überhaupt geht und welche Probleme sie im Moment zu bewältigen haben.

Aus welchen Gründen wenden sich Betroffene an Ihre Beratungsstelle?

In den meisten Fällen sind es Krisen. Das können schulische Krisen, familiäre Krisen, Probleme mit Freunden oder in der Beziehung sein. Irgendwas hat sich im Leben verändert, das sich negativ auf das Seelenleben der jungen Leute auswirkt. Die Meisten haben zudem niemanden, mit dem sie darüber sprechen können. Hauptgründe sind auch Einsamkeit und Isolation. Viele unserer Klienten haben Depressionen oder gerade eine depressive Phase. In so einer Phase ziehen sich die meisten Menschen zurück, isolieren sich selbst. Sie sind zwar täglich in der Schule unter Menschen, aber fühlen sich trotzdem allein gelassen.

Wie kann die U25-Beratung unter solchen Umständen helfen? Täglich Gesellschaft leisten, können sie den Betroffenen schließlich nicht.

Dazu muss man erst einmal wissen, dass wir keine psychologische Beratungsstelle sind. Wir arbeiten mit einem pädagogischen Konzept, der Peer-to-peer-Beratung. Das bedeutet: Gleichaltrige beraten Gleichaltrige. Unsere ehrenamtlichen Berater sind selbst zwischen 16 und 25 Jahren alt. Wenn sich jemand bei uns meldet, bekommt diese Person einen festen Berater. Der Klient führt unsere anonyme Online-Beratung dann wie ein Tagebuch, das ihm antwortet. Der junge Mensch schreibt uns seine Sorgen und Ängste und wir reagieren darauf. Damit schaffen wir die Möglichkeit, dass sich der Betroffene völlig frei äußern kann und ehrliche Antworten von Menschen seines Alters bekommt.

Warum ist das so wichtig?

Gleichaltrige können Probleme, wie Versagensängste in der Schule, meist viel besser nachvollziehen. Manche Situationen werden von Erwachsenen ganz anders betrachtet und für nicht so schwerwiegend gehalten.

Welche Hilfe bieten Sie darüber hinaus an?

Wir nehmen die jungen Leute nicht nur ernst, sondern vermitteln auch Hilfsangebote bei ihnen vor Ort. Zudem zeigen wir im Internet auf, wie man geeignete Beratungsstellen findet, damit die Person sich Hilfe beschaffen kann. Problematisch ist allerdings, dass es mitunter sehr lange Wartezeiten für psychologische Beratungsplätze gibt.

Inwiefern sind Ihre ehrenamtlichen – selbst noch sehr jungen – Berater auf diese Gespräche per Mail vorbereitet?

Voraussetzung für die Arbeit bei U25 ist die Teilnahme an einer Ausbildung, die über vier bis sechs Monate geht. Darüber hinaus lese ich als hauptamtliche Mitarbeiterin alle Mails mit, bevor sie rausgehen. Außerdem treffen wir uns alle zwei Wochen zur Supervision und besprechen im Team die aktuellen Fälle.

Wie messen Sie überhaupt den Erfolg Ihrer Hilfsangebote, wenn der Kontakt anonym verläuft?

Wir können nicht messen, ob eine Person noch suizidgefährdet ist oder nicht. Wir bekommen aber Rückmeldungen, wenn es den Personen besser geht. Da wir die Menschen meist über mehrere Monate begleiten, bekommen wir schon mit, wenn sie eine Lösung für ihre Krise gefunden haben. Andersherum können wir allerdings nicht sagen, was passiert ist, wenn sich jemand nicht mehr meldet.

Warum ist es für die Betroffenen so schwer, über das Thema Suizid zu reden?

Seit Januar 2017 leitet Katrin Warstat (32) das U25-Programm in Lingen. Sie studierte soziale Arbeit und Psychologie. Schon während des Studiums beschäftigte sie sich mit psychologische Beratung und arbeitete in einer Sozialpsychiatrie für Frauen. Foto: Clara Nordfeld

Es gibt zahlreiche Hemmschwellen für die Jugendlichen: Ich darf das nicht. Das wirft ein schlechtes Licht auf meine Familie. Das sind Gedanken vieler Klienten. Hinzu kommen viele Vorurteile über Suizid: Der gehört in die Psychiatrie, der ist verrückt. Es wird auch in den Familien einfach wenig darüber geredet. Das hören wir oft von den Jugendlichen. Das ist ein Thema, das sehr mit Scham und Stolz behaftet ist. Da entstehen Gedanken wie: Die Person war schwach, die Familie hat versagt und so weiter. In dieser Richtung muss auch in Zukunft noch Aufklärungsarbeit geleistet werden. Denn es ist ein Zeichen von Stärke, wenn jemand über seine Probleme und Sorgen offen spricht.


Deutschlandweite Beratung

Die U25-Beratung wurde 2001 vom „Arbeitskreis Leben Freiburg“ gegründet und agiert inzwischen mit zehn Beratungsstellen deutschlandweit. Rund 1500 Menschen haben das Hilfsangebot im vergangenen Jahr in Anspruch genommen. Die Beratungsstelle in Lingen wird getragen vom Caritasverband Landkreis Emsland – einer der fünf Regionalverbände des Caritasverbandes für die Diözese Osnabrück – und steht jungen Menschen bei Lebenskrisen und Suizidgedanken mit einer Online-Beratung zur Seite. Der Kontakt kann über die Website www.u25-emsland.de hergestellt werden. Für weitere Informationen steht Katrin Warstat unter Tel. 0591/80062309 oder E-Mail an kwarstat@caritas-os.de zur Verfügung.

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